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Otfried Preußler : Ich will nicht die Welt verändern, ich will Geschichten erzählen

  • Aktualisiert am

Otfried Preußler, 1923 bis 2013 Bild: picture-alliance/ dpa

An diesem Montag wird der Kinderbuchautor Otfried Preußler, Vater der „kleinen Hexe“ und vom „Räuber Hotzenplotz“, achtzig Jahre alt. Im Interview erzählt Preußler von seinen Büchern - und wie der Räuber zu seinem Namen kam.

          An diesem Montag wird der Kinderbuchautor Otfried Preußler, Vater der „kleinen Hexe“ und vom „Räuber Hotzenplotz“, achtzig Jahre alt. Im Interview erzählt Preußler von seinen Büchern - und wie der Räuber zu seinem Namen kam.

          In unserer komplexen Welt ist es schwieriger, Dinge leicht zu erzählen als schwer zu erzählen. War das für Sie je ein Problem? Hatten Sie das Gefühl, etwas für die Kinder einfacher oder naiver darstellen zu müssen?

          An das Publikum habe ich nie gedacht. Die Geschichte folgerichtig auf das Papier zu bringen, das ist meine Aufgabe. Würde ich an Kinder denken, dann könnte ich leicht kindertümelig werden. Das wollte ich nie. Geschichten, die Kinder erreichen und ihnen Spaß machen, sie vielleicht sogar prägen, wirken auf sie durch den Inhalt und durch die Darbietungsweise. Und die Erwachsenen haben dann ihren Spaß an der Machart.

          Viele Leser haben sich Fortsetzungen Ihrer Bücher gewünscht. Einmal, beim "Hotzenplotz", haben Sie diesen Wunsch erfüllt. Sonst aber haben Sie darauf verzichtet, etwa bei der "kleinen Hexe" oder beim "kleinen Wassermann".

          "Der kleine Wassermann", "Die kleine Hexe" und "Das kleine Gespenst" - das sind drei Bücher, die in einem grammatikalischen Zusammenhang stehen. Der. Die. Das. Ich bin sehr oft bedrängt worden, Fortsetzungen zu schreiben. Meine Antwort war immer: Schreib sie dir doch selber! Das hat zum Teil recht interessante Folgen gehabt.

          Wenn Sie ein amerikanischer Autor wären, wäre längst ein "Hotzenplotz"-Themenpark entstanden. Ist Ihnen nie vorgeschlagen worden, Ihre Figuren noch einmal so richtig zu vermarkten?

          Zumindest entzieht es sich glücklicherweise meiner Kenntnis. Es gibt natürlich Versuche. Ich weiß nicht, in wie vielen Märchenparks der Hotzenplotz steht.

          Was sagen Sie denn zu einem Erfolg wie dem von "Harry Potter"? Kennen Sie die Bücher von J. K. Rowling?

          Nein. Und zwar aus dem einfachen Grunde: Meine Zeit ist beschränkt. Ich lese das, was mich interessiert. Das sind keine Kinderbücher. Über "Harry Potter" kann ich mir kein Urteil erlauben. Es ist wohl eine grandiose PR-Geschichte, die dahintersteht.

          Darum fragte ich vorhin nach den Fortsetzungen. Frau Rowling macht etwas, was Sie nicht machen. Sie hat eine Idee, die sie dann weiterschreibt, bis es nicht mehr geht. Sie hätten ja auch zwanzig Hotzenplotz-Bände schreiben können.

          Ich will Freude an meinem Beruf haben. Vielleicht glauben Sie es mir nicht, aber ich habe ihn nie des Geldes wegen ausgeübt. Ich hatte mein Auskommen als Schulmeister und konnte dadurch schreiben, was ich wollte. Das waren bestimmt keine Fortsetzungen.

          Haben Sie noch andere Formeln außer dieser "Der - Die - Das"-Trilogie? Und wenn ja, wie sehen sie aus? Gibt es für Ihr Gesamtwerk eine Formel, die Ihnen den Wunsch gibt, unbedingt noch eine bestimmte Geschichte zu schreiben?

          Nein, die gibt es nicht. Zwischendurch habe ich einmal versucht, Kinderkrimis zu schreiben. Ich habe aber rasch das Interesse daran verloren.

          Sie haben einmal gesagt, wenn Sie gewußt hätten, daß Sie den "Hotzenplotz" fortsetzen, dann hätten Sie Petrosilius Zwackelmann nie sterben lassen. Aber Sie hätten ihn ja theoretisch wiederauferstehen lassen können. Bei Zauberern ist ja alles möglich. Petrosilius Zwackelmann ist ja eine der größten Erfindungen in der Literatur, weil er ungemein authentisch ist. Wie sind Sie überhaupt auf den Namen für ihn und Hotzenplotz gekommen?

          Ich komme vom Kasperltheater. Dort hat der Räuber keinen Namen und braucht auch keinen. Aber um von einem Räuber eine Geschichte zu erzählen, sollte er schon einen Namen haben. Ich habe eine lange Liste gemacht, von Pistolinski und Pistolatzki bis zum Raubmörder Karasek, der in Reichenberg gehängt worden ist. Plötzlich war der Name da. Ich stamme aus Deutsch-Böhmen, und wir haben in der Heimatkunde natürlich auch von dem Flüßchen und dem Städtchen Hotzenplotz im mährischen Schlesien gehört. Plötzlich waren die elf Buchstaben da, und ich wußte, das ist es. Inzwischen hat er gezeigt, daß er ein recht vitaler Bursche ist. Und weil es schnell passiert, daß sich jemand ärgert, weil man seinen Namen für eine nicht ganz sympathische Figur verwendet hat, habe ich mir lange überlegt, wie dieser Zauberer heißen könnte, und kam dann auf den, wie ich meinte, singulären Namen "Zwackelmann". Ich habe ihm dann noch den Vornamen "Petrosilius" gegeben und bekam ein paar Wochen später nicht von einem Herrn Zwackelmann, aber von einem Herrn Petrosilius Post. Das sind die Dinge, die einfach Spaß machen. Ich betrachte ja meinen Beruf als Geschichtenerzähler so ernsthaft nicht. Ich betreibe ihn auch als Spiel. Der "Hotzenplotz" ist auch wie ein Spiel gewesen. Ich hatte damals schon mit dem "Krabat" herumexperimentiert und bin mit dem Burschen eingegangen. Ich habe ihn nicht in den Griff gekriegt. Es ging so weit, daß ich auf dem einen Auge blind wurde. Dann habe ich gedacht, jetzt schreibst du mal was ganz Lustiges. Das war eine Therapie. Den ganzen "Hotzenplotz" habe ich nur aus Spaß geschrieben.

          Wieso besucht Petrosilius Zwackelmann seinen Kollegen ausgerechnet in Buxtehude?

          Ich habe früher gedacht, den Ort gibt es gar nicht. Der ist mir in die Feder geflossen.

          Und wie kamen Sie auf die Idee, daß die Kaffeemühle eine Melodie spielt? Gibt es dafür ein Vorbild?

          Das gibt es nicht, glaube ich. Die Hotzenplotz-Geschichte lebt ja gerade auch von der Unverhältnismäßigkeit, daß eine Kaffeemühle einen Räuber verlocken kann.

          Und hat Wachtmeister Dimpfelmoser ein Vorbild?

          Hoffentlich nicht. Dazu muß man ein bißchen Bayerisch kennen. Ein Dimpfel ist ein ziemlich dummer Mensch. Und der Dimpfelhugo, der Dimpfelmoser hat sich dann so ergeben.

          Außerdem gibt es im "Hotzenplotz" viele kulinarische Details wie Pflaumenkuchen mit Schlagsahne oder Bratwurst mit Sauerkraut - wie ist das entstanden? Ist es ein handwerklicher Trick, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, oder ist es mehr?

          Es kann sein, daß es ein Trick ist. Es kann sein, daß es - ich spreche nicht gern von Zufällen - Fügungen sind, daß so etwas kommt. Einmal bekam ich Post von einem japanischen Bub, der unbedingt wissen wollte, wie man Bratwurst mit Sauerkraut macht. Der Übersetzer hatte das Gericht ganz direkt übersetzt, nicht etwa in "Sushi mit Dingsbums".

          Man könnte ein ganzes Buch schreiben über die Eßgewohnheiten und Leibspeisen in Ihren Büchern, die Schwammerln, Rotkappen und so weiter. Spricht da der Autor Otfried Preußler?

          Na freilich. Ich komme aus Böhmen, und in Böhmen ißt man gern. Warum soll das nicht vorkommen? Ich sagte ja schon, daß ich auch aus Spaß schreibe. Ich will nicht die Welt verändern. Geschichten will ich erzählen.

          Otfried Preußler und sein Werk

          Otfried Preußler wurde am 20. Oktober 1923 im nordböhmischen Reichenberg geboren. Als Neunzehnjähriger geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und verbrachte fünf Jahre in verschiedenen Lagern in der Tatarischen Republik. Nach seiner Entlassung 1949 ging er nach Oberbayern, studierte in München Pädagogik und wurde Schulmeister. Im Jahr 1956 erschien sein erstes Kinderbuch, "Der kleine Wassermann", dem sofort ein großer Erfolg beschert war. Es folgten "Die kleine Hexe" und, unter vielen anderen, "Der Räuber Hotzenplotz". Erst 1970, als er längst ein berühmter Kinderbuchautor war, quittierte Otfried Preußler den Schuldienst, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Heute lebt er mit seiner Frau in der Nähe von Rosenheim.

          Seine Werke, Klassiker der Kinderbuchliteratur, haben mittlerweile eine weltweite Gesamtauflage von mehr als fünfzig Millionen Exemplaren, davon fünfzehn Millionen allein in Deutschland. "Die kleine Hexe" ist weltweit das bekannteste der Bücher Preußlers, aber auch die anderen sind in insgesamt fünfzig Sprachen übersetzt worden.

          Zu den wichtigsten Werken Otfried Preußlers zählen "Der kleine Wassermann" (1956); "Die kleine Hexe" (1957); "Der Räuber Hotzenplotz" (1962); "Das kleine Gespenst" (1966); "Die Abenteuer des starken Wanja" (1968); "Neues vom Räuber Hotzenplotz" (1969); "Krabat" (1971); "Hotzenplotz III" (1973); "Hörbe mit dem großen Hut" (1981); "Hörbe und sein Freund Zwottel (1983); "Zwölfe hat's geschlagen" (1988) und "Mein Rübezahl-Buch" (1993).

          Alle Bücher Otfried Preußlers sind im Stuttgarter Thienemann Verlag erschienen. F.A.Z.

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