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Orkun Erteners „Lebt“ : Die er rief, die Geister, wird er nicht wieder los

Was dort Juden angetan wurde, strahlt bis in die Gegenwart aus: Soldaten der deutschen Wehrmacht 1941 im besetzten Thessaloniki Bild: SZ Photo/SZ Photo

Orkun Ertener ist als Drehbuchautor eine Hausnummer. In seinem Roman „Lebt“ geht es um die Anhänger eines jüdischen Messias, um Gold und um Nazis. Zu viel Stoff fürs erste Mal?

          Ein Fernsehkrimi dauert in der Regel neunzig Minuten. Dann ist Schluss, und das ist meistens auch gut so. Diese Regel gibt es bei Krimis in Buchform nicht. Das ist häufig nicht gut so, weil die meisten Debütanten zum Überschwang neigen. Das Phänomen ist bekannt, wird bei der Kritik in Rechnung gestellt und bringt Lektoren immer wieder an den Rand der Verzweiflung, weil der Debütant, gleichwohl Neuling im Gewerbe, einfach alles besser weiß und auf keinen seiner gemeißelten Sätze zu verzichten bereit ist.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Orkun Ertener ist eigentlich kein Neuling im Gewerbe. Der 1966 in Istanbul geborene, seit 1970 in Berlin lebende Autor hat in den vergangenen zwanzig Jahren mit Drehbüchern an den prominentesten Sendeplätzen, häufig beim „Tatort“, auch als Erfinder der Serienfigur Sinan Toprak, gewirkt. Für sein Drehbuch „KDD - Kriminaldauerdienst“ erhielt er den Grimme-Preis; das ZDF ermannte sich trotzdem nicht und schickte den KDD in den Ruhestand. Ertener aber hatte sich endgültig für höhere Aufgaben empfohlen.

          Die sind ihm offenkundig im Fernsehen nicht geboten worden. Deshalb ist er aufs Buch umgestiegen und hat nach zweijähriger Recherche- und Schreibarbeit seinen voluminösen Erstling „Lebt“ vorgelegt. Darin geht es um den Ghostwriter Can Evinman, eine Koryphäe seines Fachs, der gutsituiert mit Architektengattin und Kindern in Köln lebt. Sohn Ben vergräbt sich spätpubertär hinter seiner Gitarre, Tochter Mina erkundet die Welt mit dem Fotoapparat, mit dem sie ausnahmslos alle Details ihrer ganzen kleinen, großen Welt ablichtet.

          Viel zu jung ist für eine Autobiographie

          Evinman ist gerade mit einer schrecklich populären Schauspielerin namens Anna Roth beschäftigt, die mit ihren vierzig Jahren eigentlich viel zu jung ist für eine Autobiographie. Und die nicht zufällig so viele Parallelen mit Maria Furtwängler aufweist, dass man unwillkürlich einen Hubert-Burda-artigen Gemahl erwartet, der dann aber im Roman ganz anders angelegt ist als der Münchner Zeitschriftenverleger.

          Schnell finden Star und Ghost heraus, dass man sie zusammengespannt hat, weil sie gemeinsame Leichen in der Familiengeschichte haben. Das bringt Evinmans geschichtsloses Dasein ins Wanken, denn er kennt nur eine Fassung seiner Biographie, die besagt, seine Eltern seien bei einer Wattwanderung ums Leben gekommen, als er acht Jahre alt war. Danach kam er in Pflegefamilien. Und als Erwachsener hat er sich nie bemüht, Licht ins Dunkel seiner Herkunft zu bringen. Das rächt sich nun.

          Schon bald ist klar, dass Anna und Can ihrem Schicksal auf die Spur kommen müssen, aber erst nach einem Drittel des Buches machen sie sich daran, im griechischen Thessaloniki eine Fährte aufzunehmen. Denn dort spielt das Buch zu überwiegenden Teilen, genauer in den brutalen Wechselfällen der Geschichte dieser Stadt. Erzählt wird vom Schicksal der sephardischen Juden, die einst einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten.

          Kabbalistischen Erweckungslehren

          Im Zentrum steht die Geschichte der Dönme, einer kleinen jüdischen Gemeinschaft, die den kabbalistischen Erweckungslehren ihres Messias Sabbatai Zwi folgte. 1683 folgten Zehntausende seinem Beispiel und traten zum Islam über. Aber im Privaten praktizieren die Dönme über die Jahrhunderte die jüdischen Rituale weiter.

          In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mussten im Zuge des Bevölkerungstausches zwischen Griechenland und der Türkei die Dönme emigrieren, weil sie Muslime waren; als die Deutschen 1941 einmarschierten, galten die verbliebenen Mitglieder als Juden, weswegen sie mit wenigen Ausnahmen nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Can ist ein Abkömmling dieser Sekte, und warum eine in den Besatzungsjahren geschmiedete Verschwörung bis in die Gegenwart reicht, findet er erst heraus, als er selbst zum Mörder geworden ist.

          Zuvor nimmt sich der Autor viel Zeit für einen Grundkurs in der Geschichte des sephardischen Judentums (eine kleine Literaturliste im Anhang wirbt auch für Gershom Scholems Buch „Sabbatai Zwi - Der mystische Messias“). Als erzähltechnisch geschultem Routinier gelingt es Ertener aber bei aller Überfrachtung, die Handlung voranzutreiben. Dazu benutzt er das sich aufbauende Spannungsverhältnis im Zwischenmenschlichen: Cans bester Freund Georg, ein erfolgreicher Schriftsteller, kommt seiner Frau näher und näher. Anna und Can werden indes von Getriebenen zu Jägern und dann zu Gejagten. Wie Marionetten hängen sie an den Fäden von Annas holzschnittartig geratenem Mann. Ein Industriemagnat aus einer Nazi-Familie, der über Leichen geht.

          Selbstironisch beschreibt Ertener am Ende Georgs neuen Roman, in dem der die Geschichte von Anna und Can verwurstet, so: „Spannend wie ein Thriller vom ersten bis zum letzten Satz, anrührend und aufwühlend, in der Recherche schockierend präzise, von einer schmerzhaften historischen Klarheit, unterhaltsam und verstörend zugleich.“ Wie es sich für ein Debüt gehört: So war das Buch geplant, und ist es auch nicht ganz so geworden, hat Orkun Ertener dafür gesorgt, dass man ihm einen solchen Roman jetzt zutraut.

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