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Orientalische Gedichte : Im Morgenland des Gefühls

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Die Einheit von Wein, Weib, Gesang auch im klassischen Orient? Anselm Feuerbachs „Hafis vor der Schenke“ von 1852 lässt wirklich nichts aus. Bild: akg-images

Rosenwangig, rosablusig und in violetten Seiden: Warum erscheint uns die klassische orientalische Poesie noch immer so blumig? Es liegt an den Übersetzungen.

          Kennt noch jemand die vermeintlich altkeltischen Epen, als deren Autor der sagenhafte Ossian galt? Der wahre Verfasser war der Schotte Macpherson. Er hatte sich als Übersetzer nur ausgegeben. Doch gerade aufgrund dieser Täuschung erzielten die „Poems of Ossian“ im achtzehnten Jahrhundert einen durchschlagenden Erfolg. Der Fall ist deshalb so interessant, weil sich die Übersetzung hier als das entlarvt, was sie potentiell immer ist: Die äußerst fragwürdige Behauptung eines privilegierten Zugangs zu etwas Anderem, Fremden, Neuen. Geht man vom naiven Verständnis der Übersetzung als neue sprachliche Verkleidung eines fremden literarischen Körpers aus, haben wir im Fall des Ossians nur das Kleid.

          Bleiben wir im wundersamen achtzehnten Jahrhundert. Der französische Orientalist Antoine Galland, der lange an der französischen Gesandtschaft in Istanbul tätig war, kehrt nach Paris zurück. In seinem Gepäck hat er ein Manuskript mit den Erzählungen von 1001 Nacht. Galland übersetzt gemäß der literarischen Mode seiner Zeit - eine Art zu übersetzen, die später als „belle infidèle“, als schöne, untreue Frau, verschrien wurde.

          Das Beispiel Ossian

          Auch „1001 Nacht“ war eine Art Ossian. Der durchschlagende Erfolg, den die Märchen überall in Europa hatten, verdankt sich nämlich der zeitgebundenen Art und Weise der Übersetzung. Hätte Galland eine „1001 Nacht“-Übersetzung vorgelegt, die so nüchtern, so fidèle gewesen wäre wie die 2004 erschienene von Claudia Ott, wir dürfen sicher sein, „1001 Nacht“ wäre überhaupt nicht wahrgenommen worden - ebenso wie wir heute keinen Sinn mehr für das übersetzerische Verfahren Gallands und der meisten seiner Nachfahren haben, über die Borges so anschaulich in seinem Essay über die „Übersetzer von 1001 Nacht“ berichtet. Die Frage aber, welche Übersetzung besser ist, geht am Kern dessen vorbei, was eine Übersetzung vor allem zu leisten hat.

          Nun ist „1001 Nacht“ ein sprachlich relativ einfacher Text. Es versteht sich, dass literarische Moden und sprachliche Erwartungen bei Lyrikübersetzungen eine noch viel größere Rolle spielen. In Analogie zu den „1001 Nacht“-Übersetzungen ist daher anzunehmen, dass auch die orientalische Poesie in westlichen Sprachen auf eine Weise lesbar gemacht wurde, die weniger mit dem Original als mit dem zielsprachlichen Kontext gemeinsam hatte. Und es ist kein Zufall, dass der Aufschwung in der literarischen Rezeption des Orients in derselben Zeit und mit denselben Protagonisten beginnt, die der Ossian-Fälschung so frappant auf den Leim gegangen sind. Beides markiert den Beginn eines Aufstands gegen die Entzauberung der Welt, gegen die Abwertung des Gefühls zugunsten des Verstandes.

          Herders Feldzug

          „Einfühlung“ hieß das von Herder in diesem Zusammenhang geprägte Zauberwort. Aus den Dichtungen der Bibel glaubte Herder dieselbe Ursprünglichkeit echten Gefühls herauszuspüren wie aus dem Ossian. Denn die Poesie war einem berühmten Wort von Johann Georg Hamann zufolge die „Muttersprache“ des menschlichen Geschlechts. Die orientalischen Völker galten in dieser Hinsicht als Quellen von nicht zu übertreffender Authentizität. In einem Kommentar zu seiner Volksliedsammlung formuliert es Herder wie folgt: „In den sogenannten Pöbelvorurteilen, im Wahn, der Mythologie, der Tradition, der Sprache, den Gebräuchen, den Merkwürdigkeiten aller Wilden ist mehr Poesie und Poetische Fundgrube, als in allen Poetiken und Oratorien aller Zeit: Und wers unternähme, unter allen Völkern diese Arten des Wahns, der Dichtung, der Hirngespinste und Vorurteile nur mit etwas praktischem Kopfe zu sammeln: ich bin gewiss, dass der dem Menschlichen Verstande einen Dienst erwiese, den zehn Logiken, Ästhetiken, Ethiken und Politiken ihm wahrscheinlich nicht erweisen werden.“

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