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Open Mike : Winken bis nach Buenos Aires

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Die Glücklichen - von links: Jörg Albrecht, Dagrun Hintze, die Lektorin Kerstin Gelba und Lucy Fricke Bild: gezett.de

Familiengeschichten, weibliche Blickwinkel und gelerntes statt gefühltes Schreiben: Der Berliner Wettbewerb „Open Mike“ überrascht nicht nur mit statistischen Auffälligkeiten. Sondern auch mit zwei vielversprechenden Autoren.

          Von den achtzehn Nachwuchsautoren des diesjährigen Berliner „Open Mike“, die am Wochenende mit ihrem Manuskript in den meist kein bißchen zitternden Händen die Bühne des Pankower Kulturzentrums „Wabe“ betraten, waren dreizehn weiblich. Gehört der schreibende Mann bald zu den bedrohten Arten? Als nächstes fiel auf, daß sich die Hälfte der Teilnehmer aus der Leipziger Schreibakademie rekrutierte - ein Netzwerk, an dem sich offensichtlich immer mehr Autoren zur ersten Buchveröffentlichung hangeln.

          Aber bevor jemand angesichts des scheinbaren Leipziger Einerleis verdrossen werden konnte, eröffnete Thomas Wohlfahrt den wichtigsten literarischen Talentschuppen Deutschlands taktisch klug mit einem ausdrücklichen Lob der Schreibwerkstätten, die endlich auch hierzulande den Geniekult zugunsten des guten Handwerks ausgetrieben hätten. Da die 650 eingesandten Texte in der Vorausscheidung anonym, nur mit einer Nummer versehen, bewertet werden, ist es tatsächlich ein beachtlicher Qualitätsbeweis der Schreibakademien, wenn sich am Ende die Hälfte der achtzehn Finalisten als ihre Schüler entpuppen.

          Die Explosion der Familie

          Die dritte Tendenz in diesem Jahr: Mehr als die Hälfte der Texte beschäftigte sich mit dem Mikrokosmos Familie, ein Sujet, das sich seit Jahren explosionsartig ausbreitet. Familienhorror und -sehnsucht wurden in allen Tonlagen durchdekliniert, bis hin zu Geschwisterkrieg und Muttermord, wie bei Sabine Brandel, die richtig böse sein wollte in ihrer Abrechnung mit verlogenen Weihnachtsritualen. Aber nichts biederer als Weihnachtssatiren, mögen sie auch inzestuös oder totschlägerisch zugespitzt sein.

          „Die Qualitätspyramide liegt sehr breit auf“, meinte Wohlfahrt zum Gros der Texte. Soll heißen: viel Ausschuß, wenig Erhebendes. So schien manchem das Rühmenswerteste die „enorme Konzentration des Publikums“. An den meisten Texten wurde „Blässe“ beklagt; alles bewege sich „auf einer guten Höhe“, sei „ein bißchen brav“. Die Artisten im Netzwerk: ratlos?

          Immerhin: ein Versprechen

          Mit einem der zwei zweiten Preise wurde denn auch der Versuch zur Unbravheit gewürdigt. In Jörg Albrechts riffrockartig rotierendem Text „Blutanfall // Bildpunkte“, in dem auch Kurt Cobain selig erwähnt wird, geht es um tötende Geschosse, kopierte Köpfe und Medien diverser Art. Den Vortrag belebte der Autor mit einem Samplingeffekt, indem er manche seiner Sätze zuvor auf einem Kassettenrecorder aufgenommen hatte und sie parallel zur Lesung mitlaufen ließ. Mehr als der Inhalt beeindruckte die sprachliche Musik dieser Prosa, ihr schneller Rhythmus. Mit einem begeisterten Aufschrei quittierte das Publikum die Performance - da mochte sich auch Erleichterung ausdrücken, daß der schwache erste Tag nun geschafft war.

          Dieser junge Autor mag immerhin ein Versprechen sein. Ein Mißgriff, den man von der hochkarätigen Jury (Katja Lange-Müller, Lutz Seiler, Peter Stamm) nicht erwartet hätte, war dagegen der zweite zweite Preis für Dagrun Hintzes Geschichte „Ich schreibe Anima“. Sie zelebriere, so die lapidare Begründung, „das Spiel zwischen Mann und Frau“. Zelebriert wird hier vor allem ein Spiel mit Personalpronomen, dessen man auf halber Strecke überdrüssig wird, weil sich dahinter nichts als eine banale Dreiecksgeschichte verbirgt.

          Und eine wirkliche Entdeckung

          Den ersten Preis zu vergeben war nicht schwierig. Die Pyramide ist unten breit, aber oben hat sie eine Spitze, und zwar die Erzählung „Winken bis nach Buenos Aires“ von Lucy Fricke. Eine dreißigjährige Frau trifft einen älteren Mann wieder, der in ihrer Kindheit eine Weile der Partner ihrer Mutter war - und für sie selbst der Wunschvater, der sich dann doch entzog. Nun ist er sechzig und liegt im Sterben; Rippenfellkrebs. Die Wiederbegegnung entwickelt sich zu einer ergreifenden Szene, in der sich Lebenstragik kompakt ausdrückt. Dies ist eine wirkliche Entdeckung. „Spröde und emphatisch“, „ehrlich und bewegend“ lautete das Urteil der Jury, die hier ihre Kompetenz zurückgewonnen hatte.

          Ein Sonderpreis wäre einzurichten für die Ankündigungsprosa der Lektoren. Begeisterungsfähigkeit ist eine Voraussetzung des Berufes, aber was sich manche an Klappentextschwulst aus den Fingerkuppen saugen, ist durch nichts zu legitimieren. Die Palme trug Max Dorner (Klett-Cotta) davon. Er schlug vier Autoren vor, von denen nicht einer auch nur eine lobende Hervorhebung erringen konnte. Um so deplazierter seine Hymnen. An der Geschichte von Andreas Browa etwa rühmte er die „alles übersteigende Bedeutung in diesem einen unwiederbringlichen Moment des Transits“. Bei Simone Hirth pries er eine „Sprache, die singt“. Die „schwerelos erzählte Geschichte“ von Hanna Lemke ging seines Erachtens das „größte Wagnis überhaupt“ ein, indem sie „vom Glück erzählte“.

          Außerdem ein wenig Lob

          Untergegangen ist die runde Story „Sabine Schneider“ von Ariane Faber; sie schildert ein Bewerbungsgespräch an einem Provinztheater, das einen höchst merkwürdigen Verlauf nimmt. Mit Recht wurde die schräge Urlaubsgeschichte „Nur in Italien, nur eine Straße“ von Katharina Bendixen lobend hervorgehoben. Hier war, sonst eher selten, subtile Komik wirksam, wie auch in der ebenfalls mit einem Extralob versehenen Lyrik von Soma Amos, die bisweilen an Morgenstern erinnerte. Zu ihrem Repertoire gehörte ein vierseitiges Medea-Gedicht, die sprachverliebt-furiose Dekonstruktion eines Mythos.

          Die Atmosphäre in der „Wabe“ war angenehm. Und schön zu sehen, wie manche Jungautorin nach vollbrachter Lesung vom Freundeskreis seelisch gestützt wurde: „War toll.“ „Richtig gut.“ „Professionell.“ „Ich war doch so nervös“, zaudert die Gelobte. „Hat man gar nicht gemerkt.“ In der Tat: Am performancebewußten Auftreten mangelt es den Nachwuchsschriftstellern am wenigsten.

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