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„Open Mike“ : Wenn Texte eine Reise tun

  • -Aktualisiert am

Um „Texte, die unterwegs sind“ ging es beim wichtigsten Talentschuppen der jungen deutschen Literatur. Was es beim Berliner Wettbewerb „Open Mike“ in dessen zwölftem Jahr zu erleben gab.

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          Als Christian Schloyer am Samstag nachmittag beim Berliner „Open Mike“, dem wichtigsten Talentschuppen der jungen deutschen Literatur, zu lesen begann, flackerte im Saal kurz Gelächter auf: diese hohe Stimme, und dann die preziöse Eingangswidmung „Pour la petite mademoiselle“! Aber schnell wurde amüsierte Distanz unmöglich.

          Völlige Stille kehrte ein, als der 1976 geborene und am Ende zu Recht mit dem ersten Preis ausgezeichnete Autor leise und nachdrücklich seine Gedichte vortrug, jedem Wort Gewicht gebend. Wenn er das Blatt mit den gerade gelesenen Versen beiseite legte, tat er das mit demonstrativer Behutsamkeit - man spürte, hier wird kostbare Fracht umgebettet.

          Adams erste Sahne

          Schloyers Wortmusik ist eigenständig, wenn auch eine kräftige Prise Celan sowie eine Löffelspitze George als Geschmacksverstärker wirken und eine gewisse Neigung zum Zuckerstangenhaften kritisches Sodbrennen verursachen kann. Der Autor liebt den hohen Ton und das seltene Wort; “klaustrophil-aprinarkosen“ lautete der Titel eines Gedichts. Was Augenzwinkern nicht ausschließt: „... du bist nämlich fein / rippchen · adams · erste · sahne.“

          Der Kontrast zu Kirsten Fuchs' frostbeulenschlagender Prosa aus dem Alltag frustrierter Sozialamtssachbearbeiter, die im vergangenen Jahr den ersten Preis davontrug, konnte größer nicht sein. Solche Varianz spricht für den von der Literaturwerkstatt Berlin veranstalteten Wettbewerb, der seine Attraktivität auch im zwölften Jahr nicht verloren hat. Beeindruckend ist die Liste der Autoren, die darüber Zugang zum Literaturbetrieb gefunden haben, darunter Karen Duve, Terezia Mora, Julia Franck, Kathrin Röggla, Zsuzsa Bánk, Jochen Schmidt und Marcus Jensen.

          Lektoren lesen anders

          Zwar hat sich nach den Goldgräberjahren, in denen mancher Jungautor fabelhafte Vorschüsse einstreichen konnte, allgemein wieder ein gewisser Debütantenverdruß breitgemacht. Die Veranstaltung ist deshalb nach wie vor Treffpunkt von Talenten und Agenten.

          Mehr als sechshundert Texte sind in diesem Jahr in die Wertung gekommen; sechs Lektoren hatten sich die Mühen der Vorausscheidung zu teilen. Das muß wohl grausam sein: immer wieder Ich-Geschichten; offenbar ist die Bereitschaft, sich eine Figur auszudenken, bei den meisten Jungautoren nach wie vor gering ausgeprägt. Aber Lektoren lesen anders. Vor allem lesen sie mehr, als im Manuskript steht. Wo Kritiker nur die Mängel des fertigen Produkts sehen, nimmt der Lektor beglückt die Anfänge eines Autors wahr. Das Vergnügen des Lektors sind „Texte, die unterwegs sind“, wie Patricia Klobusiczky vom Rowohlt Verlag glaubhaft versicherte.

          Nur einmal war der Wecker schneller

          Auch den besten Beiträgen des Wettbewerbs war anzumerken, daß sie noch unterwegs sind, wie René Bechers mit dem zweiten Preis ausgezeichneter Erzählung “Mit dem Vater stirbt der Sohn“, in der es um die katholischen Beschädigungen einer süddeutschen Kleinstadtjugend geht. Wie viele Prenzlauer-Berg-Beziehungsgeschichten muß man gelesen haben, um solche Abrechnungen wieder spannend zu finden? Aber das Talent, dicht und suggestiv zu erzählen, war deutlich genug zu erkennen, was noch mehr für den mit dem dritten Preis gewürdigten Text „Das Wasser in dem wir schlafen“ von Rabea Edel gilt. Zwar konnte hier der Handlungsverlauf nicht überzeugen, die sensible Stimmungsmalerei der zweiundzwanzigjährigen Autorin dafür um so mehr. Ein Text, der wirklich unterwegs ist; man darf gespannt sein, wo er ankommt.

          Zumindest lobend hervorgehoben wurde auch Matthias Sachaus “Schütze holt“, eine kleine Kindheits- und Fußballgeschichte, in der ein surrealer Schweißfuß sein albtraumhaftes Unwesen treibt. Das Publikum ist dankbar für komische Beiträge, aber gerade deshalb gehen ihre Autoren meist leer aus. Die Jury - in diesem Jahr Thomas Hettche, Michael Lentz und Christina Viragh - will sich die Entscheidungskompetenz durchs Gelächter nicht abnehmen lassen. So gab es weder eine Würdigung für Albrecht Selge, der in „Ich und mein Bandwurm“ schrägen Humor an der Ekelgrenze bewies, noch für die Kriminalroman-Persiflage von Stefan Schein.

          Erstaunlich war die Souveränität, mit der die Autoren ihren oft ersten Auftritt vor großem Publikum absolvierten. Lesebühnen und Hörbuch-Boom haben ein Bewußtsein dafür geschaffen, daß auch eine gute „Performance“ zur Autorschaft gehört. Haarscharf war das Timing; kaum ein Teilnehmer überschritt die erlaubten fünfzehn Minuten Lesezeit. Nur die Kriminalerzählung „Luftwurzeln“ von Barbara Davidson wurde zehn Sätze vor Schluß vom rasselnden Wecker abgebrochen. Es war, wie sich beim Nachlesen herausstellte, das Beste, was dieser Geschichte passieren konnte.

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