https://www.faz.net/-gqz-10ya5

Open Mike : Tauschhandel mit Reißzwecken

  • -Aktualisiert am

Auf dem Berliner Open mike, dem zweitwichtigsten deutschsprachigen Literaturwettbewerb, übten sich die Nachwuchshoffnungen der Literatur in Melancholie. Die Tendenz geht zum Entkräfteten und psychisch Gezeichneten. Die Siegerin Sonia Petner setzte dem Schauer immerhin komische Lichter auf.

          3 Min.

          Das Kulturzentrum „Wabe“ am Prenzlauer Berg summte wieder vor Betriebsamkeit, als am Wochenende beim 16. „Open mike“ literarisches Pollensammeln angesagt war. Diesmal drängte sich das enthusiastische junge Publikum noch enger als in den vergangenen Jahren, auch wenn nicht immer der Honig kaltgeschleuderter Prosa oder der Seim erlesener Poesie das Zuhören versüßte. „Wir sind richtig glücklich“, meinte Thomas Wohlfahrt, Leiter der veranstaltenden Literaturwerkstatt Berlin. Der Open mike, als zweitwichtigster deutschsprachiger Literaturwettbewerb nach den Klagenfurter Bachmann-Tagen längst anerkannt, sei eine „richtig große und runde Sache“ geworden. Zum Programm gehört inzwischen auch ein Colloquium über ein „schreibphilosophisches“ Thema sowie ein „Workshop in Klosteratmosphäre“. Und gleich darauf, also in dieser Woche, findet die Preisträger-Lesereise in die Literaturmetropolen Zürich, Frankfurt, Wien statt.

          Das alles ist beachtlich, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Open mike seinen Ruf als Nadelöhr in den Literaturbetrieb den frühen Jahren verdankt. Mitte der Neunziger begannen bei diesem Wettlesen die Karrieren von Karen Duve, Kathrin Röggla, Julia Franck oder Terézia Mora. 2001 war mit den Preisträgern Nico Bleutge und Tilman Rammstedt noch einmal ein großes Jahr. Danach aber blieb die Durchschlagskraft begrenzt, auch wenn Open-mike-Entdeckungen wie Christian Schloyer oder Jörg Albrecht von renommierten Verlagen unter Vertrag genommen wurden und bei der Kritik reüssierten. Zum Teil mag es an der gesunkenen Nachfrage nach Debütanten liegen. Der Hype der jungen deutschen Literatur vor zehn Jahren war eben die Ausnahmesituation. „Jetzt ist es so, wie es immer war: schwer“, meinte Wohlfahrt.

          Verheißungen des Unfertigen

          Das Interesse der Schreibenden ist indes eher noch größer geworden. Teilnehmen kann, wer nicht älter als 35 ist und noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hat. In diesem Jahr sind 650 Texte in die Wertung gekommen. Sechs Lektoren hatten sie zu bewältigen, um die 22 Vorlesekandidaten zu ermitteln. Anders als die Kritiker, die literarische Endprodukte auf Mängel prüfen, freuen sich Lektoren über jede Verheißung des Unfertigen. Und nehmen beglückt die Anfänge eines Autors wahr.

          Dem Trend zur Lyrik zollt der Open mike Tribut, indem einer der drei Preise inzwischen ausschließlich für Gedichte vergeben wird. In diesem Jahr war es der dritte: Thien Tran, geboren 1979 in Ho-Chi-Minh-Stadt und seit 1982 in Deutschland, erhielt ihn für seine technoiden Parlando-Verse. Mit lässiger Modernität verbinden sie naturwissenschaftliche und existentielle Motive und hoben sich angenehm von der selbstverliebten Wortakrobatik anderer Lyrikbeiträge ab. Man musste die Qualitäten allerdings im Stillen entdecken, denn Trans Vortrag ist noch sehr verbesserungsfähig.

          Im Rätsel verstrickt

          Svealena Kutschkes raffiniert gebaute Geschichte „Rückspiegel“ wurde von der Jury (in diesem Jahr Feridun Zaimoglu, Thomas Glavinic und Monika Rinck) mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Es geht hier um einen katzenbedingten Autounfall, nach dem für die Ich-Erzählerin und ihren Freund nichts mehr ist, wie es war. Wer die Zeichen der Erzählung zu lesen versteht, erfährt, was an keiner Stelle offen gesagt wird: der Freund, ein Pianist, ist erblindet. Es könnte eine gute Geschichte sein, wäre sie nicht allzu sehr mit ihrer eigenen Verrätselung beschäftigt.

          Gebannter hörte man dem unprämierten Text von Kristine Bilkau über eine Frau aus prekären Verhältnissen zu – eine Supermarktkassiererin, die eine Schwangerschaft verdrängt und die „Symptome“ auf eine Krankheit schiebt, bis sie im Wäschekeller ihres Wohnblocks von der Geburt überrascht wird. Dergleichen soll ja vorgekommen. Später stellt sie die Tasche mit dem Neugeborenen neben einer Parkbank ab. Dennoch beeinträchtigte ein Beigeschmack von effektbewusster Sozialreportage die Lesung der Geschichte, während der ein Mädchen im Publikum kollabierte und hinausgetragen werden musste.

          Hang zum Siechtum

          Auffallend viele Texte (nachzulesen in einem soeben im Allitera-Verlag erschienenen Band) erzählten von alten, sterbenden Menschen, vom Leben an der sozialen Abbruchkante oder in den Fluren der Psychiatrie. Zeichnet sich da eine Tendenz zum Entkräfteten, Hinfälligen ab, nach Jahren, in denen die keimfreien Lebenswelten und urbanen Spielplätze der verlängerten Jugend dargestellt wurden? Das Hineindenken in Siechtum, Alter und Wahn führte oft zu manierierten Ergebnissen. Johanna Wacks Psycho-Satire „Punkte“, in der eine skurrile Borderliner-Überbietungskonkurrenz ausgetragen wird, erhielt immerhin den „taz“-Publikumspreis: Eine routiniert auf Pointen gearbeitete Lesebühnengeschichte.

          In eine Welt von pittoresker Kaputtheit führte auch Sonia Petners Siegertext „Zitronen“. Die 1979 im polnischen Waldenburg geborene Autorin schilderte eine abgewrackte osteuropäische Hinterweltshölle mit schäumendem Schmutzfluss, der aber doch auch in Richtung Meer fließt, also gut für eine Sehnsucht ist. Ein Junge erzählt von seinem Leben in vitaminarmen Verhältnissen, von der fetten Schwester („im Nacken hockt ihr ein schwarzer Zopf“) und dem Geruch der sterbenden Großmutter: „Er kriecht unter Großmutters Tür durch, er kriecht nachts unter unsere Decken und schläft mit uns. Morgens ist er als erster wach, begrüßt uns, reibt sich uns in die Nase.“ Eine Familienidylle also. Man treibt Tauschhandel mit Reißzwecken auf dem „Schwarzmarkt“ und zieht ansonsten mit dem „Hackebeilchen“ los, um gegen den Hunger etwas Schlachtbares, gegen die Kälte etwas Brennbares zu finden.

          Den vielleicht nicht ganz neuen Schauer-Motiven aus der Provinz setzt Petner komische Lichter auf. Ihre im Präsens erzählten, knackig-knappen Sätze haben nichts zu tun mit der dürren Lakonie, wie sie eine Zeitlang modisch war. Ein Stil ist also da, ein Humor und ein Sehnsuchtston. Aber man darf gespannt sein, ob sich dieser finstere Ausschnitt zur Romanwelt, ob sich die Kostprobe zur Hauptmahlzeit ausbauen lässt.

          Weitere Themen

          Die Rückkehr des Theaters Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Staffel 2 : Die Rückkehr des Theaters

          Der Titel unserer F.A.Z. Video-Theaterserie war für die Bühnenhäuser des Landes in der Corona-Pandemie bitterstes Programm: „Spielplanänderung“. Bis zu unserem Dreh im Mai 2021 waren die Theater noch immer geschlossen. Welchen Stellenwert Theater in unserer Gesellschaft hat, wollen wir mit einer zweiten, finalen Staffel unserer Videoserie erkunden.

          Wer den Ausnahmezustand beherrscht

          Comic-Moloch Gotham : Wer den Ausnahmezustand beherrscht

          Vor achtzig Jahren erschien der erste Comic über Gotham: Heimat von Batman, Symbol von Chaos und Korruption. Rechtshistorische Gedanken zum Mythos dieser Stadt, die uns nicht schlafen lässt, weil ihre Konflikte an unsere erinnern. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Szenen wie diese in Florida würde Joe Biden gerne öfter sehen: Denn vor allem die Jungen lassen sich in den USA gerade nicht impfen.

          Kampf gegen Corona : Biden verfehlt sein Impfziel

          Bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli wollte Joe Biden siebzig Prozent der Amerikaner impfen lassen. Doch viele Bürger ziehen nicht mit – nicht einmal, wenn man sie mit Millionengewinnen lockt.
          Wohnhäuser wie dieses findet man nur noch selten in Frankfurt, außer man ist steinreich.

          Stadtplanung im Ballungsraum : Die Wohnungsbau-Misere

          Vor zehn Jahren war der Markt für Wohnungen in Frankfurt noch in Ordnung. Seither geht es bergab. Doch auf der Suche nach den Gründen muss man noch weiter zurückblicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.