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Olga Martynovas Lesereise : Mythos von deutscher Ordnung und russischer Tyrannei

  • -Aktualisiert am

Die Lyrikerin und Essayistin Olga Martynova, 1962 in Russland geboren, lebt in Frankfurt. Bild: Helmut Fricke

Wann schmilzt der Schnee? Die offizielle Stimmung zwischen Russland und Deutschland war lange nicht mehr so frostig, nur die Vorurteile sprießen. Eindrücke von einer Lesereise durch Russland.

          Sankt Petersburg, Nischnij Nowgorod, Moskau, Nowosibirsk, Ufa. So verschieden die Städte sind, so gleichermaßen sind sie durch den in diesem Jahr ungewöhnlich langen Winter geprägt. Der dicke Schnee braucht auch bei Plustemperaturen und Sonne ein paar Wochen, um wegzuschmelzen. Die Züge fahren pünktlich, obwohl Schnee die Gleise bedeckt. Der aus dem Zugfenster sichtbare Schnee ist weiß, man sieht blaue Fußstapfen und dunkle Kreise um die Baumstämme. In den Städten ist er von Autoabgasen oft schwarz, aber auch blau, golden und silbern von Lichtreflexen. Riesige Eiszapfen an den Dachrändern. In allen Städten ist es draußen noch kalt, drinnen überheizt, man heizt im Norden viel stärker, und wenn Dostojewski den Geiz der Deutschen beklagte, die im Winter lieber zu Tode frören, als anständig zu heizen, dann leiden wiederum Deutsche in überheizten russischen Zimmern. Kulturunterschiede eben.

          Verliebt in den sächsischen Frühling

          Der Zeitpunkt für eine solche Lesereise hätte kaum spannender sein können: Alle Zeitungen berichten von gegenseitigen Diplomatenausweisungen zwischen Russland und westlichen Ländern. Das Letzte, was ich bei einem „Smalltalk“ in Deutschland sage und das Erste in Russland: Hoffentlich wird der Skripal-Fall nicht zu einem neuen Schuss von Sarajevo. Nach dreiwöchiger Reise durch den russischen Schnee sitze ich nun in einem tschechischen Zug, der nach Prag fährt und mich von Berlin bis Dresden mitnimmt, und bin in den sächsischen Frühling draußen verliebt.

          Der Syrien-Konflikt steigert nahtlos die Eskalation des außenpolitischen Gemüts. „Der russische Bär brüllt, beißt aber nicht... Auch die deutsche Öffentlichkeit sollte sich diese Lehre beim nächsten Mal zu Herzen nehmen und nicht jede säbelrasselnde Wortmeldung aus Moskau für bare Münze nehmen“, schreibt eine Zeitung, als würde sie die Länder noch näher an eine Katastrophe rücken wollen. Wenn ich in Russland erzähle, dass ich auf Einladung des Goethe-Instituts da bin, sagen alle sofort, möge es nicht das Schicksal des eben in Russland geschlossenen British Council teilen. Da unsere Bekannten naturgemäß Künstler und in erster Linie Literaten sind, sind sie von solchen Ereignissen oft unmittelbar betroffen.

          „Warten wir lieber ab“

          Wir sitzen in Petersburg mit einem Lyriker in einem georgischen Lokal. Den Weg hierher haben wir uns durch vereiste Schneehaufen und knöcheltiefe Pfützen gebahnt. Unser Freund ist eben aus Moskau gekommen, wo er an einem vom amerikanischen PEN organisierten Abend von ihm übersetzter Autoren teilnahm. Am nächsten Tag gehen wir mit einem anderen Freund, der im Petersburger PEN für die Autorenlesungen zuständig ist, die zugefrorene Newa entlang, einige Menschen laufen über das Eis, erst ein paar Tage später wird das Notfallministerium an alle Mobiltelefonnummern der Petersburger eine SMS schicken, dass aufgrund der Temperaturerwärmung das Betreten des Eises lebensgefährlich ist. „Versuchen wir etwas gemeinsam mit dem deutschen PEN zu organisieren?“, frage ich. „Warten wir lieber ab, bis sich alles etwas beruhigt hat“, sagt er. In einem Café treffen wir die Chefin eines kleinen anspruchsvollen Verlags. Obwohl alles hoffnungslos aussehe, sagt sie, mache der Verlag, was er kann. Gemeint ist vor allem die Buchmarktentwicklung, die in Russland nicht erfreulicher ist als im Westen.

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