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Olga Martynovas Lesereise : Mythos von deutscher Ordnung und russischer Tyrannei

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Wir haben Glück und erreichen noch das Ende eines Gebets. Mullah, Muezzin, alles sehr ruhig, nicht zu voll. Später eilen Männer zu ihren Schuhen und sind schnell weg. Frauen ziehen ihre Stiefeletten langsam an. Nachdenklich. Die andere Seite Ufas stellen viele Holzhäuser mit geschnitzten Fensterrahmen dar, eine für alte russische Städte typische Architektur. In einem davon verbrachte der Schriftsteller Sergej Aksakow in den Jahren von 1795 bis 1797 seine frühe Kindheit. Ich gehe durch diese Räume, die ich aus seinem Werk kenne, und erkenne alles wieder.

Manchmal habe ich das Gefühl, mich in zwei symmetrischen Situationen zu befinden: In Deutschland versuche ich, die medialen Verzerrungen über Russland zu korrigieren und vice versa in Russland die über Deutschland. Eine russlandweite Studentenkonferenz: Man spricht über das Verhältnis zu Europa. In Russland wird Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ oft und gerne bemüht, wobei nicht alle Nebentöne mitbesprochen werden können: Während „das Abendland“ in Deutschland einstweilen von Pegida in Anspruch genommen wird, wurde das Wort ins Russische schlicht mit „Europa“ übersetzt, weshalb es heute die EU miteinbezieht. Darüber, ob Russland zu irgendeinem Europa gehört, ist keine Einigung in Sicht.

Auf meine These, es gebe weder Identität noch Mentalität, nur die Umstände, die Menschen so oder so agieren lassen, wobei zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer professionellen Gruppe womöglich mehr ausmache als zu einer nationalen, erwidert ein Student, es gebe doch so etwas wie Mentalität, man nehme nur die deutsche Ordnung, die aus den Tiefen des deutschen Charakters komme. Natürlich lachen alle, als ich sage, dass die deutsche Ordnung ein Mythos sei, und denken, ich würde scherzen. Ich werde noch an dieses Gespräch denken, wenn ich in Berlin-Schönefeld landen und zur S-Bahn eilen werde, um pünktlich in Dresden zu sein, wo ich gemäß einer logistisch komplizierten Verabredung abgeholt werden soll. Ich habe es pünktlich aufs Gleis geschafft und sehe, dass der Zug ohne jede Begründung ausfällt und der nächste erst in vierzig Minuten zu erwarten ist.

Sicherlich ist das eine besondere Sache für mich: eine Lesereise als deutsche Autorin in Russland. Eine junge Journalistin fragt mich, ob die Deutschen eine Konfrontation mit Russland wollten, was ich mit „nein“ beantworte. Sage ich die Wahrheit? Ich glaube ja, mit dem Vorbehalt, dass es nicht „die Deutschen“ gibt, wie auch nicht „die Russen“, sondern viele verschiedene Menschen. Wenn man die allgemeine Stimmung mit der vor dem Ersten Weltkrieg vergleicht (im Jubiläumsjahr 2014 gab es viele Anlässe, daran zu erinnern), sieht man, dass die meisten Menschen sich zu solch einem fanatischen Enthusiasmus nicht verleiten lassen wollen. Vor bald hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. Es folgen die Jahrestage vieler Katastrophen. Keine Probleme der heutigen Welt können lediglich durch die Macht weniger gelöst werden. Und trotzdem gibt es weltweit viele Parteien, die eben sich für diese wenigen halten.

Immer wieder derselbe Blick aus dem Taxi zum Flughafen. Dicker Schnee in Schichten: die Geologie des Winters. Überall aber herrschen Plustemperaturen. Im zum russischen Ostern mit künstlichen Kirschblüten und gigantischen Ostereiern geschmückten Moskau wurde die vereiste Schneekruste an den Boulevards mit Schaufeln gelockert, damit alles schneller schmelze. Ich tippe diese letzten Reisenotizen im plötzlich hochsommerlich anmutenden Frühling in Frankfurt ab und ertappe mich dabei, dass ich überlege, ob das eine Metapher für die erwünschte Lockerung der neuen Eiszeit ist. Das bietet sich natürlich an.

Olga Martynova, geboren 1962 bei Krasnojarsk, ist Schriftstellerin und lebt in Frankfurt am Main. Gerade ist ihr Essayband „Über die Dummheit der Stunde“ erschienen (Verlag S. Fischer).

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