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NS-Pornographie : Die Nackten und die Toten

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Der Fallensteller” Bild: Norbert Guthier

Thor Kunkels Roman über die Porno-Filmindustrie der Nazis und deren angeblichem Handel damit: Ist das Buch der Skandal - oder der Umstand, daß der Rowohlt Verlag es nicht veröffentlichen will?

          6 Min.

          Es sollte eines der Bücher dieser Saison werden. Mit allem, was einen schönen, großen Publikumserfolg zu garantieren scheint: Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis. Politische Brisanz. Biologie- und Chemieträume, Zukunftsvisionen, Sektenglück und ein großes romantisches Finale. Und das alles basierend auf bislang kaum bekannten Rechercheergebnissen des Autors, der der Existenz einer kleinen Pornoindustrie in der Nazi-Zeit nachging und das zum Rahmengerüst seines Romans ausbaute.

          Der Rowohlt-Verlag kündigte das Buch in seiner Programmvorschau reißerisch an: "In seinem packenden, minutiös recherchierten Porträt der morbiden NaziGesellschaft vernetzt der Autor Geschichte und Sexualität, Wissenschaft und Okkultismus und schildert den Untergang des ,Dritten Reiches' als furioses Ende der ,technisch überlegenen' Welt von einst." Man hätte sich da schon wundern können, daß der Rowohlt-Verlag in einer Eigenwerbung das "Dritte Reich" flott und knapp mit "technisch überlegener Welt von einst" gleichsetzt. Es scheint sich aber niemand gewundert zu haben, und die Buchhändler bestellten das Buch in großer Zahl.

          Angst oder Vorurteil?

          Das Buch heißt "Endstufe", der Autor heißt Thor Kunkel. Es ist ein Romanprojekt, von dem der vierzigjährige Frankfurter schon spricht, seit er vor vier Jahren die öffentliche Bühne betrat, als er in Klagenfurt den zweiten Preis erhielt. Damals mit dem ersten Kapitel seines kurz darauf bei Rowohlt erschienenen furiosen Loser-, Disco-, Frankfurt-, Siebzigerjahre-, Biologietraumromans "Das Schwarzlicht-Terrarium", in dem sich bereits Anspielungen auf "Endstufe" fanden. Jetzt also, in diesem Frühjahr, sollte es soweit sein - doch dann erreichte am vergangenen Freitag die Literaturredaktionen des Landes per Post eine karge Presseerklärung des Verlags: "In der letzten Phase der Lektoratsarbeit an dem Roman ,Endstufe' haben der Autor Thor Kunkel und der Verlag in einigen inhaltlichen und ästhetischen Fragen keine Einigung erzielen können und beschlossen, das Vertragsverhältnis aufzulösen."

          Der Film „Frühlingserwachen” war ein weiteres Werk aus der Reihe der „Sachsenwald”-Filme der NS-Zeit. Ob mit den Pornostreifen tatsächlich schwunghafter Handel getrieben wurde, bleibt unbewiesen
          Der Film „Frühlingserwachen” war ein weiteres Werk aus der Reihe der „Sachsenwald”-Filme der NS-Zeit. Ob mit den Pornostreifen tatsächlich schwunghafter Handel getrieben wurde, bleibt unbewiesen : Bild: Norbert Guthier

          Darüber hinaus gibt es vom Verlag keine Erklärung. Der verlegerische Geschäftsführer Alexander Fest schweigt zu den Gründen. Sagt, es sei schlechter Stil, über ein unveröffentlichtes Manuskript zu sprechen. Auch zu der Frage, warum so spät gehandelt wurde: kein Wort. Warum diese drastische Maßnahme, warum nicht, wie sonst in solchen Fällen üblich, der Erscheinungstermin verschoben wurde, um mehr Zeit für das offenbar überraschend komplizierte und aufwendige Lektorat zu gewinnen: auch dazu gibt es keine Erklärung.

          Politische oder moralische Frage?

          Das öffnet natürlich größten Spekulationen Tür und Tor. Was ist so überaus bedenklich an dem Manuskript, daß es bei Rowohlt nicht erscheinen darf? Immerhin hatte der Verlag dafür einen beachtlichen Vorschuß gezahlt. Ist es ein Nazi-Roman? Ein die Nazi-Zeit verharmlosender Roman? Ein politisch unmögliches Buch, das uns zu Recht vorenthalten wird? Oder sind Verleger inzwischen, seit sich im letzten Jahr immer öfter Gerichte für die Publikationsfähigkeit von Büchern zuständig erklärten, schon im Vorfeld so ängstlich, daß sie außergewöhnliche Bücher nicht mehr wagen? Doch um was geht es überhaupt?

          Uns liegt das Manuskript des Romans vor - und auch wenn es unüblich ist, sich öffentlich über unpublizierte Werke zu äußern, machen wir in diesem Fall eine Ausnahme. Denn die Ankündigung des Verlages und der Gegenstand des Romans lassen ganz automatisch den Verdacht aufkommen, hier gehe es um eine politische, eine moralische Frage und Kunkel habe vielleicht einen Roman über die Nazi-Zeit geschrieben, der diese auf unverantwortliche Weise verharmlost.

          Eine kleine Pornoindustrie

          Der Roman spielt in Nazi-Deutschland, beginnend 1941, im Zentrum des Verbrechens, im SS-Hygiene-Institut. Eine kleine Gruppe von Biologen, Hobbyfilmern, Wissenschaftsfreaks und Sexabhängigen, die am Rande der Nazi-Gesellschaft lebt, beschließt ihr Glück mit einer kleinen Pornoindustrie zu machen. Bald stellt sich Erfolg ein. Es entsteht ein großes Pornohandelsnetz, das sich über weite Teile des Kriegsgebietes erstreckt und das die Filmemacher, die ihre weltweit hochbegehrte Ware gegen Eisenerz und andere Rohstoffe tauschen, in immer absurdere Situationen und immer größere Gefahren bringt.

          Wir lernen eine dekadente, moralfreie, vergnügungssüchtige Nischengesellschaft kennen, bei der Kriegsgeschehen und die Verbrechen, die vor ihrer eigenen Tür geschehen, nur Langeweile und Überdruß erzeugen. Kunkel schildert diese Gesellschaft so: "Der Dienst an der Waffe war verpönt, die Verfolgung der Juden hielt man zwar für einen Skandal, aber als Thema restlos passe. Auch die täglich ausposaunten Siegesmeldungen wurden weitgehend ignoriert. Allein Rommels Kabinettstückchen in Nordafrika vergnügten ein wenig. „Sollte er Kairo besetzen, eröffnen wir dort ein Luxushotel." Das ist die fette, gleichgültige, zum Untergang bestimmte Welt, die einen großen Teil des Romans ausmacht. Der Holocaust kommt praktisch nicht vor. Er ist dem Leser aber gerade durch seine Auslassung auf besonders beunruhigende Weise immer präsent.

          Dichter oder Spinner?

          Kunkel hat lange recherchiert. Erster Anstoß für den Roman war ein Dokumentarfilm Alexander Kluges, durch den Kunkel vor zehn Jahren zum ersten Mal von jenen Pornofilmen erfuhr, die Nazis im großen Stil gedreht haben sollen. Er rief Kluge an, der nannte ihm den Namen des Sammlers, den emeritierten Kunstprofessor und Avantgardefilmer Werner Nekes, der tatsächlich zwei jener Filme, die in der Nazi-Zeit gedreht wurden, in seinem Besitz hat. Beide, Nekes und Kluge, hatten Hinweise darauf, daß es damals, auch von offizieller Seite, einen florierenden Handel mit Filmen dieser Art gegeben haben muß und daß jene freizügigen, sogenannten "Sachsenwald"-Filme mit so waldromantischen Titeln wie "Der Fallensteller" und "Frühlings Erwachen" gegen große Rohstofflieferungen nach Kiruna und an den Herrscher von Tunis, den Besitzer der angeblich weltweit größten Sammlung erotischer Filme, verkauft beziehungsweise getauscht wurden.

          Kunkel ist dem nachgegangen. Beweise hat er keine gefunden. Der Prokurist jener schwedischen Eisenerzfirma sagt heute: "Über Geschäfte dieser Art wurde selbstverständlich kein Buch geführt." Der ehemalige Reichsfilmintendant Fritz Hippler, der bis zu seinem Tod 2002 in Berchtesgaden lebte, leugnete, daß es solche Filme auch nur halboffiziell gegeben habe, berichtete aber von Partygesellschaften am Starnberger See, die sich "die Wochenscheuen" nannten und ausschweifend lebten, ausschweifend filmten und Filme ansahen.

          Darstellerin im Altersheim getroffen

          Kunkel hat sogar eine der Darstellerinnen der "Sachsenwald"-Filme ausfindig gemacht. Heute lebt sie in einem Altersheim in Quickborn bei Hamburg und war wohl nicht wenig überrascht, als sie auf einmal, mehr als sechzig Jahre nach ihren Nacktszenen, ein Schriftsteller in ihrem Wohnheim besuchte, um ihr zu sagen, er habe soeben ihre "Sachsenwald"-Auftritte gesehen und wolle jetzt mal hören, in wessen Auftrag sie sich damals filmen ließ. Die Quickbornerin leugnete ihre Mitwirkung nicht, konnte sich aber nur noch an zwei freundliche, zivile Herren erinnern, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Freund in einem Tabakladen auf der Reeperbahn angeworben hatten.

          Auf Grundlage dieser Recherchen und Andeutungen begann Thor Kunkel seinen Roman. Einen Roman der Dekadenz, der Wollust und der experimentellen, chemischen Weltverbesserungsfreuden, einen Roman von oft tarantinoartiger Grausamkeit, von Körperfreude, Körperekel und Witz am Rande des Weltuntergangs. Kunkel, ein von Naturwissenschaften und den Weltverbesserungsmöglichkeiten der Biologie besessener Autor, studierte Bildende Kunst und Creative Writing in Frankfurt und San Francisco. Er verdiente lange sein Geld mit Arbeiten für Werbeagenturen in Amsterdam und mit dem Bau und der Pflege sogenannter Community Sites für Sony im Internet und ist ein Schriftsteller mit manchmal merkwürdigen Visionen. Seine schriftstellerische Zukunft stellt er sich mitunter so vor: Er gebe eines Tages nur noch die genetische Grunddisposition der Protagonisten vor sowie das Eingangsszenario, und der Leser läßt die Figuren dann selbst in Interaktion treten, aktiviert und deaktiviert die Gene nach Wunsch. "Und ich", hat er einmal in einem Gespräch gesagt, "ich wäre dann kein Schriftsteller mehr, ich wäre ein genetischer Virtuose."

          Skandal oder normal?

          Bis dahin ist es noch weit, und im Moment hat der Autor Kunkel erst einmal recht gegenwärtige Probleme. Sein Buch wird im Rowohlt-Verlag nicht erscheinen. Ein Skandal ist das aber trotz allem nicht. Denn selbstverständlich ist es die Pflicht jedes Verlegers, nur solche Bücher zu verlegen, die er auch verantworten kann, das Recht jedes Verlegers, nur die Bücher zu verlegen, die er in seinem Programm haben möchte, und es gab Fälle in jüngster Vergangenheit, in der man sich Verleger gewünscht hätte, die zu bestimmten Manuskripten gesagt hätten: Das machen wir nicht! Im letzten Teil des Manuskripts in der bestehenden Fassung gibt es in der Tat Passagen, die eine Lesart erlauben, in der eine Gleichsetzung der Untaten der Alliierten mit den Verbrechen der Nazis möglich erscheint. Auch eine Affinität des Autors zur Technikbegeisterung jener Zeit schimmert immer wieder durch. Aber das sind nicht die tragenden Elemente des Romans - einem guten Lektor würde die Überarbeitung dieser Passagen nicht allzu große Mühe machen.

          Deswegen den Roman nicht veröffentlichen? Man kann wie gesagt über die Gründe nur spekulieren. Alexander Fest, nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren von den Feuilletons begeistert als Sonnenkönig der Branche gefeiert, erlebt gerade, an den hämischen Kommentaren einiger Zeitungen, wie schnell man wieder auf der Schattenseite steht. In den letzten Wochen kamen gleich zwei Bücher aus seinem Verlag wegen zweifelhafter Faktenlage ins Gespräch, Ines Geipels Erfurt-Buch und der Nahost-Thriller der angeblichen Ex-Spionin Nima Zamar. Vielleicht ist das ein Grund zur übergroßen Vorsicht. Vielleicht spielen auch die skandalösen Gerichtsentscheidungen des letzten Jahres mit hinein. Jedenfalls liegt hier ein glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten deutschen Autoren der jüngeren Generation vor, das auf seine Veröffentlichung wartet. Es sollte lektoriert - und dann gedruckt werden.

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