https://www.faz.net/-gqz-ohtu

NS-Pornographie : Die Nackten und die Toten

  • -Aktualisiert am

Auf Grundlage dieser Recherchen und Andeutungen begann Thor Kunkel seinen Roman. Einen Roman der Dekadenz, der Wollust und der experimentellen, chemischen Weltverbesserungsfreuden, einen Roman von oft tarantinoartiger Grausamkeit, von Körperfreude, Körperekel und Witz am Rande des Weltuntergangs. Kunkel, ein von Naturwissenschaften und den Weltverbesserungsmöglichkeiten der Biologie besessener Autor, studierte Bildende Kunst und Creative Writing in Frankfurt und San Francisco. Er verdiente lange sein Geld mit Arbeiten für Werbeagenturen in Amsterdam und mit dem Bau und der Pflege sogenannter Community Sites für Sony im Internet und ist ein Schriftsteller mit manchmal merkwürdigen Visionen. Seine schriftstellerische Zukunft stellt er sich mitunter so vor: Er gebe eines Tages nur noch die genetische Grunddisposition der Protagonisten vor sowie das Eingangsszenario, und der Leser läßt die Figuren dann selbst in Interaktion treten, aktiviert und deaktiviert die Gene nach Wunsch. "Und ich", hat er einmal in einem Gespräch gesagt, "ich wäre dann kein Schriftsteller mehr, ich wäre ein genetischer Virtuose."

Skandal oder normal?

Bis dahin ist es noch weit, und im Moment hat der Autor Kunkel erst einmal recht gegenwärtige Probleme. Sein Buch wird im Rowohlt-Verlag nicht erscheinen. Ein Skandal ist das aber trotz allem nicht. Denn selbstverständlich ist es die Pflicht jedes Verlegers, nur solche Bücher zu verlegen, die er auch verantworten kann, das Recht jedes Verlegers, nur die Bücher zu verlegen, die er in seinem Programm haben möchte, und es gab Fälle in jüngster Vergangenheit, in der man sich Verleger gewünscht hätte, die zu bestimmten Manuskripten gesagt hätten: Das machen wir nicht! Im letzten Teil des Manuskripts in der bestehenden Fassung gibt es in der Tat Passagen, die eine Lesart erlauben, in der eine Gleichsetzung der Untaten der Alliierten mit den Verbrechen der Nazis möglich erscheint. Auch eine Affinität des Autors zur Technikbegeisterung jener Zeit schimmert immer wieder durch. Aber das sind nicht die tragenden Elemente des Romans - einem guten Lektor würde die Überarbeitung dieser Passagen nicht allzu große Mühe machen.

Deswegen den Roman nicht veröffentlichen? Man kann wie gesagt über die Gründe nur spekulieren. Alexander Fest, nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren von den Feuilletons begeistert als Sonnenkönig der Branche gefeiert, erlebt gerade, an den hämischen Kommentaren einiger Zeitungen, wie schnell man wieder auf der Schattenseite steht. In den letzten Wochen kamen gleich zwei Bücher aus seinem Verlag wegen zweifelhafter Faktenlage ins Gespräch, Ines Geipels Erfurt-Buch und der Nahost-Thriller der angeblichen Ex-Spionin Nima Zamar. Vielleicht ist das ein Grund zur übergroßen Vorsicht. Vielleicht spielen auch die skandalösen Gerichtsentscheidungen des letzten Jahres mit hinein. Jedenfalls liegt hier ein glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten deutschen Autoren der jüngeren Generation vor, das auf seine Veröffentlichung wartet. Es sollte lektoriert - und dann gedruckt werden.

Weitere Themen

Roberto Calasso gestorben

Autor und Verleger : Roberto Calasso gestorben

Als glänzender Essayist widmete er sich Nietzsche und Baudelaire, der griechischen Antike ebenso wie der indischen Kultur. Als Geschäftsführer leitete er den Verlag Adelphi Edizioni. Nun ist Roberto Calasso im Alter von achtzig Jahren gestorben.

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

„Impfen ohne Anmeldung“: Mit niederschwelligen Angeboten (wie hier vor dem Kongresshaus in Salzburg)  versucht Österreich, die Impfquote zu erhöhen.

Impfen im Europa-Vergleich : Impfmuffel und Impfwillige

In ostmitteleuropäischen Ländern wie Österreich, Ungarn, der Slowakei und der Tschechischen Republik versuchen die Regierungen verzweifelt, die Impfquote zu erhöhen. Dagegen fehlt in Spanien und Portugal der Impfstoff.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.