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NS-Pornographie : Die Nackten und die Toten

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Eine kleine Pornoindustrie

Der Roman spielt in Nazi-Deutschland, beginnend 1941, im Zentrum des Verbrechens, im SS-Hygiene-Institut. Eine kleine Gruppe von Biologen, Hobbyfilmern, Wissenschaftsfreaks und Sexabhängigen, die am Rande der Nazi-Gesellschaft lebt, beschließt ihr Glück mit einer kleinen Pornoindustrie zu machen. Bald stellt sich Erfolg ein. Es entsteht ein großes Pornohandelsnetz, das sich über weite Teile des Kriegsgebietes erstreckt und das die Filmemacher, die ihre weltweit hochbegehrte Ware gegen Eisenerz und andere Rohstoffe tauschen, in immer absurdere Situationen und immer größere Gefahren bringt.

Wir lernen eine dekadente, moralfreie, vergnügungssüchtige Nischengesellschaft kennen, bei der Kriegsgeschehen und die Verbrechen, die vor ihrer eigenen Tür geschehen, nur Langeweile und Überdruß erzeugen. Kunkel schildert diese Gesellschaft so: "Der Dienst an der Waffe war verpönt, die Verfolgung der Juden hielt man zwar für einen Skandal, aber als Thema restlos passe. Auch die täglich ausposaunten Siegesmeldungen wurden weitgehend ignoriert. Allein Rommels Kabinettstückchen in Nordafrika vergnügten ein wenig. „Sollte er Kairo besetzen, eröffnen wir dort ein Luxushotel." Das ist die fette, gleichgültige, zum Untergang bestimmte Welt, die einen großen Teil des Romans ausmacht. Der Holocaust kommt praktisch nicht vor. Er ist dem Leser aber gerade durch seine Auslassung auf besonders beunruhigende Weise immer präsent.

Dichter oder Spinner?

Kunkel hat lange recherchiert. Erster Anstoß für den Roman war ein Dokumentarfilm Alexander Kluges, durch den Kunkel vor zehn Jahren zum ersten Mal von jenen Pornofilmen erfuhr, die Nazis im großen Stil gedreht haben sollen. Er rief Kluge an, der nannte ihm den Namen des Sammlers, den emeritierten Kunstprofessor und Avantgardefilmer Werner Nekes, der tatsächlich zwei jener Filme, die in der Nazi-Zeit gedreht wurden, in seinem Besitz hat. Beide, Nekes und Kluge, hatten Hinweise darauf, daß es damals, auch von offizieller Seite, einen florierenden Handel mit Filmen dieser Art gegeben haben muß und daß jene freizügigen, sogenannten "Sachsenwald"-Filme mit so waldromantischen Titeln wie "Der Fallensteller" und "Frühlings Erwachen" gegen große Rohstofflieferungen nach Kiruna und an den Herrscher von Tunis, den Besitzer der angeblich weltweit größten Sammlung erotischer Filme, verkauft beziehungsweise getauscht wurden.

Kunkel ist dem nachgegangen. Beweise hat er keine gefunden. Der Prokurist jener schwedischen Eisenerzfirma sagt heute: "Über Geschäfte dieser Art wurde selbstverständlich kein Buch geführt." Der ehemalige Reichsfilmintendant Fritz Hippler, der bis zu seinem Tod 2002 in Berchtesgaden lebte, leugnete, daß es solche Filme auch nur halboffiziell gegeben habe, berichtete aber von Partygesellschaften am Starnberger See, die sich "die Wochenscheuen" nannten und ausschweifend lebten, ausschweifend filmten und Filme ansahen.

Darstellerin im Altersheim getroffen

Kunkel hat sogar eine der Darstellerinnen der "Sachsenwald"-Filme ausfindig gemacht. Heute lebt sie in einem Altersheim in Quickborn bei Hamburg und war wohl nicht wenig überrascht, als sie auf einmal, mehr als sechzig Jahre nach ihren Nacktszenen, ein Schriftsteller in ihrem Wohnheim besuchte, um ihr zu sagen, er habe soeben ihre "Sachsenwald"-Auftritte gesehen und wolle jetzt mal hören, in wessen Auftrag sie sich damals filmen ließ. Die Quickbornerin leugnete ihre Mitwirkung nicht, konnte sich aber nur noch an zwei freundliche, zivile Herren erinnern, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Freund in einem Tabakladen auf der Reeperbahn angeworben hatten.

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