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Norbert Scheuers neuer Roman : Der Krieg am Hindukusch aus der Vogelperspektive

Der Stabsfeldwebel und Vogelfreund Frank Joisten fotografierte die Blauracke auf Natodraht in Faizabad in der Provinz Badashkan. Bild: Foto Joisten

Nominiert für den Leipziger Buchpreis: Norbert Scheuer erzählt in „Die Sprache der Vögel“ von einem Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, der Zuflucht in der Vogelschau findet. Und kommt der Wirklichkeit dabei erstaunlich nahe.

          5 Min.

          Am Silvesterabend 2014 endete nach dreizehn Jahren der aufwendigste und verlustreichste Einsatz der Bundeswehr. Mit dem Ende der Isaf-Mission hat sich Deutschland aus dem fortdauernden Krieg in Afghanistan zurückgezogen. Dreizehn Jahre, in denen Brunnen gebaut, Aufständische bekämpft und um Stabilität gerungen wurde. Während Afghanistan heute weiter denn je davon entfernt ist, befriedet zu sein, beginnt hierzulande das große Nachdenken darüber, was diese dreizehn Jahre bedeuten. Und wie es uns verändert, dass es siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder deutsche Kriegsheimkehrer gibt.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Vor allem Afghanistan-Veteranen haben in letzter Zeit Bücher über ihre Erfahrungen veröffentlicht. Wie sie lernten, den Umgang mit dem Töten und dem Sterben zu ertragen, oder eben nicht, wie das war mit dem Fortgehen und dem Wiederkommen. Welche literarischen Möglichkeiten sich indes auftun, sich diesem Thema zu nähern, das führt jetzt ausgerechnet ein Schriftsteller vor, der selbst nie im Krieg war und nie einen Fuß nach Afghanistan gesetzt hat.

          Norbert Scheuer, der in Romanen wie „Überm Rauschen“ oder „Kall, Eifel“ ein ums andere Mal die vulkanische Landschaft seiner Kindheit durchmessen hat, begibt sich in seinem neuen Werk auf ungesichertes Terrain. „Die Sprache der Vögel“, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und deshalb kurzfristig vom Verlag um zwei Wochen vorgezogen, unternimmt erst gar nicht den Versuch, mit beschaulichem Realismus den fernen Stoff afghanischer Kriegsrealität durch eingebildete Erfahrung zu fassen zu kriegen. Scheuer versucht etwas anderes, Außergewöhnliches: Er erzählt, verdichtet und kleinteilig, eine Geschichte von Menschen und von Vögeln, in der die Tragödie des Krieges nur noch als vermittelte Geschichte ins Bild rückt. Die Wucht, die dieses stille Drama um den Sanitäter vom IV. Infanteriebataillon entfaltet, ist dafür umso stärker. Paul Arimond ist aus seiner Heimat, der Eifel, geflohen, weil er eine Schuld mit sich herumträgt, die ihn dorthin trieb, wo niemand sein will. Anders hielt er sich in der Welt nicht mehr aus.

          Ein Kriegsroman jenseits der gewohnten Bilder

          Ein Spaziergang mit dem Schriftsteller durch die hügelige Eifellandschaft führt ins Herz des imaginären Scheuer-Lands. Die Wirklichkeit besteht aus feuchten Wiesen, Windrädern und einer zersiedelten Landschaft, in der nicht wenige Häuser leer stehen. Scheuer, der in seinem bürgerlichen Leben als Systemanalytiker arbeitet, kennt hier jeden Fleck. Doch fertig ist er mit der Gegend noch lange nicht. In der Ferne zeigt er auf künstlich aufgeworfene Hügel, Zeichen für die kriegerische Vergangenheit des beschaulichen Ahrtals. Das militärische Sperrgebiet, mit Draht umzäunt, sollte einst im Kalten Krieg als Bundeswehrdepot für Fahrzeuge, Waffen und Munition dienen. Das unterirdische Tunnelsystem unter dem Bleibergwerk verfügte über einen eigenen Bahnanschluss. Die letzten Übungen sind Jahre her, aber der Boden ist noch immer verseucht, für Menschen und Tiere nicht zu betreten.

          Es ist eine eigenwillige Technik von Anverwandlung und Auslassung, in der Scheuer vom Krieg erzählt. Seine Prosa hat so gar nichts mit Bildern von zerstörten Städten, vermummten Soldaten, rollenden Panzern zu tun, die man aus den Nachrichten kennt und die so wenig erzählen. Im Zentrum seines Romans stehen die Tagebuchnotizen jenes Paul Arimond, die durch Zufall in die Hände seiner früheren Lehrerin gelangen. Die losen Blätter mit kurzen Texten und Vogelskizzen reichen von April 2003 bis Juni 2004.

          Und wie erstaunt ist die Pädagogin und wir mit ihr, darin vom Trillern der Flussregenpfeifer, vom Flöten der Bienenfresser, dem Sturzflug der Turmfalken zu erfahren. Schon als Kind sah Paul im Unterricht am liebsten den Vögeln im Schulgarten zu, und auch jetzt fallen dem Obergefreiten in der schweren Splitterschutzweste bei der Ankunft im flimmernden Dunst des Militärflughafens als Erstes die Elstern ins Auge, die um die Landepiste herumflattern. Dass die asiatische Art mit ihrem grünlich glänzenden Flügelsaum und dem bronzefarbenen Schwanzgefieder ein wenig größer sei als zu Hause, bemerkt der Neuankömmling sofort. Und es ist bezeichnend für Scheuers Prosa, dass die prächtigen Tiere tatsächlich gerade dabei sind, an einem Küken herumzupicken, das sie aus einem Nest geraubt haben.

          Ein Stück Leben, das mehr ist als wir selbst

          Die Männer im Camp gehen auf je eigene Weise mit der Angst, der Gewalt und der Langeweile um. Fast mehr noch als die Gefechte und Raketenbeschüsse zehren die endlosen Pausen an ihren Nerven. Sergej, vor Heimweh krank, dreht unentwegt an seinem Zauberwürfel. Levier, der die Drohnen steuert, versinkt zusehends in Selbstgespräche. Paul dagegen hat stets den Himmel im Blick, den er mit seinem Fernglas wie mit einem Suchscheinwerfer nach den Vögeln abtastet, während er an zu Hause denkt, seine Freundin, mit der es in die Brüche ging, an den Vater, den Stabhochspringer, der sich in die Tiefe stürzte. „Vielleicht kommt es im Leben nur darauf an, irgendetwas zu finden, bei dem alles andere in Vergessenheit gerät“, notiert er.

          Während die Raketen Nacht für Nacht über das Lager hinwegpfeifen, fieberträumt Paul von Wiedehopfen, Drongos, Kiebitzen und Bülbüls. Ein See außerhalb des Camps wird für den Versehrten immer mehr zur Obsession. Das Gewässer wird zur Fluchtlinie aus dem Kriegsgeschehen wie aus dem Käfig des Camps, doch ist es, hinter dem Natozaun mit seinem messerscharfen Spitzen unerreichbar. Als Pauls Antrag, das Camp zu verlassen, offiziell abgelehnt wird, bricht er alle Regeln, um zum Wasser zu gelangen, als könne es ihn reinwaschen.

          Vögel bedeuten für Norbert Scheuer, dass im Leben etwas existiert, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt. Damit steht er in einer literarischen Tradition, die vor allem im zwanzigsten Jahrhundert eine irritierende Nähe zwischen den Vögeln und dem Krieg stiftet. Robert Musil etwa setzte in der Novelle „Die Amsel“ seine Nahtoderfahrung im Krieg literarisch um, als er den hohen, singenden Ton der von Flugzeugen abgeworfenen Pfeile als hypnotisierenden Todesgesang beschrieb, Ernst Toller schilderte im „Schwalbenbuch“ den irrationalen Kampf, den die Gefängnisverwaltung während seiner Haft gegen die Schwalben führte. Marcel Beyer legte mit „Kaltenburg“ ein Vogelepos vor, das anhand der Lebensgeschichte eines Ornithologen das gesamte dunkle zwanzigste Jahrhundert durchmaß und den Dresdner Feuersturm 1945 mit den als schwarze Teerklumpen vom Himmel fallenden Vögeln unvergesslich visualisierte.

          Der Soldat als Ornithologe

          In jüngster Zeit fügte sich der amerikanische Soldat Jonathan Trouern-Trend mit seinem Kriegstagebuch in diese Tradition ein, der während seines Einsatzes im Irak ebenfalls auf Vogelerkundung gegangen war. „Birding Babylon“ enthält neben Texten auch Zeichnungen von Löffelenten, Purpurhühnern und Stelzenläufern. Denn Trouern-Trend war es als Mitglied der amerikanischen Streitkräfte nicht gestattet, zu fotografieren. Sein deutscher Kollege Frank Joisten hingegen durfte bei seinen Einsätzen in Afghanistan die Kamera mitnehmen. Der Stabsfeldwebel im Ruhestand ist tatsächlich wohl der einzige unter den vielen Bundeswehrsoldaten, der in Kundus und Faizabad auf Vogelschau ging. „Andere nahmen ihre Schmusedecke auf den Einsatz mit, ich hatte meine Bestimmungsliteratur über die Vogelarten der Region dabei“, sagt Joisten im Gespräch. Der Vogelnarr in Uniform, der wegen seines eigenwilligen Hobbys bald auch mit deutschen Wissenschaftlern zusammenarbeitete, hat mehr als 125 Arten in Afghanistan beobachtet und fotografiert.

          Von Joistens Existenz erfuhr Norbert Scheuer allerdings erst, als sein Manuskript fertig war. Gleichwohl schickte er es ihm zur Prüfung. Der einzige Einwand des Gegenlesers: Niemand könne das Camp heimlich verlassen.

          Der Berufssoldat a.D. lebt heute als Vogelwart an der deutsch-polnischen Grenze. Sein literarischer Wiedergänger Paul Arimond verfügt nicht über seine Robustheit. Der Trost, den ihm der Anblick der Vögel spendet, kommt gegen den Krieg in ihm nicht an.

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