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Nolte und Fo zum Fall Grass : „Versöhnung mit der gesamten deutschen Geschichte“

  • -Aktualisiert am

Dario Fo: Vielleicht wird Grass humaner Bild: picture-alliance/ dpa

Weitere Stimmen zum Fall Günter Grass: Der Historiker Ernst Nolte will sich nun auch mit den „schrecklichsten Seiten“ der deutschen Geschichte versöhnen. Der Dramatiker Dario Fo sieht Grass durch sein Geständnis „humaner“ als zuvor.

          Der Versuch, den Historiker Ernst Nolte zur Unperson zu machen, ist in Italien nicht gelungen. Kein Wunder, daß der Mailänder „Corriere della sera“ Nolte, der mit seiner Sommerresidenz bei Lübeck quasi ein Nachbar von Günter Grass ist, zum Fall des Nobelpreisträgers zu Wort kommen läßt. In der durch das Bekenntnis des einstigen Waffen-SS-Angehörigen ausgelösten Debatte nimmt der Historiker Anzeichen für eine Verschiebung der herrschenden Begriffe wahr, wie sie Nolte seit dem „Historikerstreit“ des Jahres 1986 vorausgesagt hat.

          Angesichts der Neubewertung der Flakhelfergeneration stellt Nolte fest, das von ihm bekämpfte Konzept der Kollektivschuld liege in Scherben: „Eine gemeinschaftliche Schuld allen zuzuschreiben, ohne das individuelle Verhalten zu bewerten, ist absurd. Sicher sind die Anhänger einer Ideologie in gewissem Sinn ,schuldig', aber wenn sie kein kriminelles Delikt begangen haben - wessen könnte sie ein Richter anklagen?“ Daß Grass mit seiner persönlichen Verstrickung, die Nolte für „irrelevant“ hält, so lange gewartet hat, kreidet ihm der Historiker allerdings an.

          Kehrtwendungen gab es ja schon viele

          Grass habe mit „Im Krebsgang“ immerhin spät die Leiden deutscher Kriegsopfer ans Licht gezogen, der linke intellektuelle Mainstream habe da seit Jahrzehnten versagt: „Ich finde es besonders schlimm, daß viele bedeutende Autoren sich verpflichtet gefühlt haben zu schweigen und sich angepaßt haben.“ Wie die deutsche Linke auf das Bekenntnis ihrer Galionsfigur reagiere? Nolte antwortet mit der ihm eigenen Süffisanz: „Kehrtwendungen gab es ja schon viele, weitere könnten nun folgen.“ Das lange Schweigen von Grass sieht der Berliner Emeritus - „wenn ich auch keinen Zugang zu seinem Herzen habe“ - als Ausfluß des Ehrgeizes: Das Bekenntnis hätte eine Karriere ruinieren können.

          Für die Historiographie fordert Nolte - ganz im Sinn früherer Appelle - eine Revision des Geschichtsbildes: „Die gesamte Vergangenheit Deutschlands als ,Schuld' zu betrachten, ist nur eine Autosuggestion interessierter einzelner. Der Nationalsozialismus kann in sich sicherlich als verwerflich betrachtet werden, doch es wäre auch gerecht zu präzisieren, von welchem Gesichtspunkt man vorhat, ein derart gigantisches und vielfältiges Phänomen zu bewerten.“ Er sieht den Augenblick gekommen für eine „Versöhnung mit der gesamten deutschen Geschichte, auch mit ihren schrecklichsten Seiten“.

          Fo vergleicht sich mit Schwejk

          Im, wie Nolte sagen würde, nicht unvergleichbaren italienischen Fall hat der Dramatiker Dario Fo, der ein halbes Jahr vor Grass geboren wurde und zwei Jahre vor ihm den Nobelpreis erhielt, für seine Person diese Versöhnung schon vor Jahrzehnten vollzogen. Wie er jetzt gleichfalls im „Corriere della sera“ betont, habe er aus seinem kurzen Gastspiel bei den Truppen von Mussolinis „Repubblica Sociale Italiana“ nie ein Hehl gemacht. Man habe sich in seiner Heimat am Lago Maggiore freiwillig gemeldet, um nicht nach Deutschland zum Arbeitseinsatz und in den Bombenkrieg eingezogen zu werden. Nach einigen Wochen ohne Kampfhandlung sei er ausgebüxt und habe versteckt das Kriegsende erwartet.

          Fo vergleicht sich mit Haseks listig-hasenfüßigem Schwejk und attestiert den Deutschen, daß sich wegen ihres missionarischen Geist der Sinn für Ironie nicht so entfalte wie in Italien: „Der junge Grass hat sich gewiß gemeldet, weil er von romantischen, heldenmütigen Wallungen gedrängt wurde. Bei uns herrschten Opportunismus und Überlebenswille vor. Am Ende standen wir besser da - um es mit Brecht zu sagen: Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat.“

          Fo hatte erst jüngst in eine italienische Kriegsschulddebatte eingegriffen, als er den Theaterkollegen Giorgio Albertazzi mit einem diskursiven Persilschein in Schutz nahm. Dem Mimen hatte man nach peinlichen Archivfunden vorgeworfen, an Erschießungen im Mussolini-Heer mitgewirkt zu haben. Fo hatte das mit Hinweisen auf den erwiesen guten Charakter Albertazzis abgetan. Im Fall Grass erweist sich Fo als ähnlich großmütig: Günter Grass, auf dem das deutsche Schicksal laste, treffe keine Schuld. Durch das lange Schweigen freilich, das ein Fehler gewesen sei, verliere sein Nobelpreiskollege zweifellos an intellektuellem Ansehen: „Aber vielleicht wird er dadurch humaner, rückt näher an die Zerbrechlichkeit aller heran.“

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