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Nobelpreis: Reaktionen : Handke: „unglaublich“, Schlingensief: „sensationell“

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Freut sich für Jelinek: Reich-Ranicki Bild: dpa

Reaktionen auf den Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek: Kollege Peter Handke und Regisseur Christoph Schlingensief sind begeistert, und auch Marcel Reich-Ranicki lobt - freilich nicht Jelineks Werke.

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          Deutschlands bekanntester Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki findet es „hocherfreulich“, daß wieder einmal eine deutschsprachige Autorin - die erste und letzte sei Nelly Sachs - den Literaturnobelpreis erhalte.

          Elfriede Jelinek sei eine „ganz ungewöhnliche, völlig aus dem Rahmen fallende, radikale und extreme Schriftstellerin und in Folge dessen höchst umstritten“, sagte Reich-Ranicki. Sie habe glühende Anhänger, aber auch Gegner. Jelinek sei eine „höchst nervöse, sehr empfindliche und sensible Frau“, sagte Reich-Ranicki. „Meine Bewunderung für ihr Werk hält sich in Grenzen. Meine Sympathie für ihren Mut, ihre Radikalität, ihre Entschlossenheit und ihre Wut ist enorm“, sagte er in Frankfurt.

          Der österreichische Schriftsteller Peter Handke hat sich begeistert zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises an seine Kollegin Elfriede Jelinek geäußert. Der Nachrichtenagentur APA, die ihn am Donnerstag in Paris erreichte, sagte er: „Na so was! Super! Unglaublich! Gewaltig! Da muß ich mich erst einmal setzen.“ Jelinek sei „eine Schriftstellerin von heute - wie sonst fast niemand. Sie bringt alles auf den Punkt.“

          Schlingensief: „sensationell“

          Als „sensationell und in höchstem Maße verdient“ hat der Berliner Theaterregisseur Christoph Schlingensief die Auszeichnung Elfriede Jelineks mit dem Nobelpreis bezeichnet. „Ihre Texte sind keine Beruhigungstabletten. Jelinek will benutzt und nicht verehrt werden, dafür wird sie jetzt belohnt“, sagte Schlingensief, der gegenwärtig ein neues Projekt an der Berliner Volksbühne vorbereitet. Der Regisseur hatte zuletzt im Dezember vergangenen Jahres mit der österreichischen Autorin bei der Uraufführung des Stückes „Bambiland“ am Wiener Burgtheater zusammengearbeitet.

          „Ich freue mich total über den Nobelpreis für eine Autorin, die sich immer obsessiven Feldern verpflichtet fühlte“, sagte Schlingensief. „Das ist eine Belohnung dafür, daß sie sich die Freiheit nimmt, das Absurde im System zu attackieren, ohne sich als Märtyrerin zu sehen, sondern vielmehr als Katalysatorin. Ich sehe in ihrer Arbeit auch eine stete Aufforderung zur eigenen Autonomie, die für viele unerträglich ist.“ Das habe die Abwehr in Österreich erzeugt, weil viele in ihr eine Frau sehen, „die sich anmaßt, kritische Töne anzuschlagen, den andere als Angriff verstehen“.

          Frank Baumbauer, Intendant der Münchner Kammerspiele, sagte zur Auszeichnung Jelineks: „Wir freuen uns riesig, zumal es ja auch sehr überraschend kam. Ich schätze sie nicht nur als Dramatikerin, Elfriede Jelinek hat auch wunderbare Romane geschrieben. Diese Ehre gewinnt umso mehr an Bedeutung, weil sie sehr zurückgezogen lebt und in Österreich immer um Akzeptanz gekämpft hat.“

          Fest: Sie hat es verdient

          Der verlegerische Geschäftsführer des Rowohlt-Verlags, Alexander Fest, sagte in Frankfurt am Main, die Entscheidung sei für ihn eine besonders große Freude. „Sie hat es verdient", freute sich Fest in einer ersten Stellungnahme. Sie sei eine Schriftstellerin „von einer unerhörten Eigenart mit großem Mut und großer Schonungslosigkeit gegenüber ihren Themen und sich selbst“. Jelinek habe den Verlag erst vor zwei Jahren verlassen, als sie gemeinsam mit ihrem Lektor zum Berlin-Verlag wechselte. Im Mai 2005 sollen laut Fest Theaterstücke Jelineks bei Rowohlt erscheinen. Der Hamburger Verlag hält laut Verlags-Sprecherin Ursula Steffens die Theaterrechte der Autorin.

          Der kaufmännische Geschäftsführer von Rowohlt, Helmut Dähne sagte, man sei von der Entscheidung der schwedischen Akademie sehr überrascht gewesen. Jelinek habe aber bereits im Vorjahr auf der Vorschlagsliste für den Literatur-Nobelpreis gestanden. Beim Rowohlt-Stand auf der Frankfurter Buchmesse waren Mitarbeiter fieberhaft dabei, Jelinek-Bücher aufzustellen.

          „Das ist eine fantastische Entscheidung und eine Riesenüberraschung“, sagte Elfriede Jelineks Lektor Delf Schmidt auf der Frankfurter Buchmesse. „Ich bin sicher, daß sie von der Nachricht genauso überwältigt ist wie ich.“ Schmidt wechselte im Oktober 2000 zusammen mit Jelinek vom Rowohlt Verlag zum Berlin-Verlag. Verlagssprecher Carsten Sommerfeld sagte: „Da hat man sich für eine Autorin entschieden, die sich vom Literaturbetrieb nicht hat vereinnahmen lassen. Sie ist auf jeden Fall ein Mensch mit einer eindeutigen Haltung.“

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