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Alfred Nobel : Vermächtnis mit Sprengstoff

Erfinder, Stifter, rastlos Reisender: Alfred Nobel (1833 bis 1896), gezeichnet von Ola Skogäng Bild: Nobel-Museum, Stockholm

An diesem Donnerstag werden die Nobelpreise verliehen. Die schillernde Persönlichkeit des Stifters kann man am besten im Nobel-Museum in Stockholm kennenlernen.

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          Was er sein Leben lang am meisten gefürchtet hatte, trat am Ende ein: Er starb allein, am 10. Dezember 1896, in seinem Haus in San Remo. Sein Leben war einsam und ruhelos, er reiste durch die halbe Welt in Geschäften, von denen er, wie er selbst sagte, nichts verstand und die ihn nicht interessierten, ihm aber ein ungeheures Vermögen einbrachten. Es beruhte auf der Verbindung von Nitroglycerin und den Siliciumdioxidschalen fossiler Kieselalgen, Dynamit genannt, sowie insgesamt 355 Patenten, die er in jenen neunzig Fabriken und Laboratorien verwertete, welche er im Laufe der Jahre in zwanzig Ländern errichtet hatte.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Er konnte sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen, als im Alter allein von seinem Hauspersonal umgeben zu sein, in dessen Augen er tagein, tagaus nur diese eine Frage zu lesen vermochte: „Wie viel wird er mir hinterlassen?“ Auch dies blieb ihm nicht erspart. In seinen letzten Stunden, in denen er nur noch schwedisch sprach, waren nur einige italienische Angestellte bei ihm. Sie konnten ihn nicht verstehen. An seinem Sarg sagte der spätere Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Nathan Söderblom, er sei gestorben „ohne das wärmende Kaminfeuer eines Zuhauses, ohne die Hand eines Sohnes oder einer Ehefrau auf seiner erkaltenden Stirn“.

          Sein Testament

          Der Mann, der davon geträumt hatte, literarischen Ruhm zu erlangen, der Gedichte und ein Theaterstück mit dem Titel „Nemesis“ hinterließ, der im Alter von siebzehn Jahren fünf Sprachen beherrschte, in denen er später täglich zwanzig bis dreißig Briefe verfasste, der sich davor fürchtete, versehentlich lebendig begraben zu werden, er wurde unsterblich durch einen einzigen Text: sein Testament.

          Schießbaumwolle und Salpetersäure wiesen den Weg zur Erfindung des Dynamits.
          Schießbaumwolle und Salpetersäure wiesen den Weg zur Erfindung des Dynamits. : Bild: NobelMuseum

          Im Nobel-Museum in der Stortorget 2 in Stockholms Altstadt hängt ein Faksimile des Dokuments in einer eigenen Vitrine. Es ist die zweite und letzte Fassung, aufgesetzt und unterzeichnet am 27. November 1895 im Schwedisch-Norwegischen Club in Paris. Die Vitrine steht ganz hinten, in einer Ecke, wie verborgen hinter von der Decke herabhängenden Leinwänden, auf denen vierzehn Nobelpreisträger der letzten Jahrzehnte ihre Videobotschaften überbringen. Es sind Männer und Frauen in Anzügen, Kostümen oder Polohemden, Chemiker, Biologen und Mediziner, die ihre persönliche Geschichten erzählen: wie und warum sie Wissenschaftler oder Schriftsteller wurden, welchen Eigenschaften, Umständen oder Zufällen sie ihre großen Entdeckungen und Werke verdanken, was sie als ihr persönliches Vermächtnis betrachten.

          „Legacy“ ist der Titel der aktuellen Wechselausstellung, die ihre Besucher dazu aufruft, sich zu fragen, was sie selbst zum Fortschritt der Menschheit beitragen könnten. Man müsse kein Genie sein, so lautet die Botschaft im Nobel-Museum, es reicht schon, eines werden zu wollen.

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          Im Überblick : Nobelpreisträger von 1901 bis 2021

          Niemand hatte Tolstoi vorgeschlagen

          „Alfred N. - jämmerlich, halbtot, wäre besser von einem gütigen Arzt erstickt worden, als er kreischend erstmals diese Welt betrat. Größte Leistungen: hält stets seine Fingernägel sauber, und fällt nie irgendjemandem zur Last. Größte Fehler: hat keine Familie, ist nicht von heiterer Erscheinung, hat keinen kräftigen Magen. Größte Sünde: den Mammon nicht zu verehren. Bedeutende Ereignisse in seinem Leben: keine.“ - Alfred Nobel verfasste diese Selbstbeschreibung etwa zehn Jahre vor seinem Tod, als er längst weltberühmt war. Sein Bruder Ludvig hatte ihn für eine geplante Familienchronik um einen autobiographischen Text gebeten. Alfreds Antwort fiel vernichtend aus, für ihn selbst, für den Bruder, für die Menschheit: „Wer hat die Zeit, Biographien zu lesen, und wer wäre so naiv oder pretiös, sich dafür zu interessieren? Ich frage dies in aller Ernsthaftigkeit.“

          Einen kleineren Teil seines Vermögens hinterließ er seinen sechs Nichten und Neffen sowie vierzehn weiteren Personen, darunter auch ehemaligen Hausangestellten. Der größte Teil sollte in eine Stiftung einfließen, die alljährlich eine Handvoll von Persönlichkeiten auszeichnen sollte, die auf ihrem jeweiligen Gebiet den größten Beitrag zum Wohle der Menschheit geleistet hatten. Obwohl das Testament auf den ersten Blick recht sorgfältig und umsichtig formuliert scheint und etliche Details zur Stiftungsstruktur und zu den Modalitäten der Preisvergabe enthält, sollte sich zeigen, dass es erheblichen Spielraum für Interpretationen zuließ. Die Geschichte des Literaturnobelpreises lässt sich deshalb auch beschreiben als „eine Reihe von Versuchen, einen unpräzise formulierten letzten Willen zu interpretieren“, wie Kjell Espmark in einer 1991 erschienenen Untersuchung der Vergabekriterien der Nobelpreis-Jurys schreibt.

          Streit gab es von Anfang an. Erwartungsgemäß. Noch vor der ersten Vergabe hatte C.G. Malmström prophezeit, dass auf dem Feld der Literatur wenig anderes zu erwarten sei als „Unfreundlichkeiten, Repressalien aller Art, Intrigen, Missbilligung und Verleumdung“. Ganz falsch lag er damit nicht. Kaum war im Jahr 1901 der erste Preisträger benannt, es war der französische Lyriker Sully Prudhomme, schrieben zweiundvierzig schwedische Künstler und Intellektuelle einen offenen Brief an Leo Tolstoi, in dem sie dem Russen als dem „verehrungswürdigsten Patron der modernen Literatur“ huldigten und ihn gleichsam stellvertretend für die Akademie um Entschuldigung dafür baten, dass er übergangen worden war. Die Akademie tat, was sie im Lauf ihrer Geschichte noch öfter tun sollte: Sie zog sich auf Formalia zurück. Niemand hatte Tolstoi vorgeschlagen, also konnte er die Auszeichnung auch nicht bekommen.

          Im Zentrum des Nobel-Museums, hinter der kleinen Kasse und vor den Leinwänden mit den Videobotschaften von „Legacy“ steht eine Stafette von Computermonitoren, für jedes Jahrzehnt seit 1901 einer. Hier kann man Informationen zu jedem einzelnen Preisträger aufrufen, bislang sind es 860, darunter sechsundvierzig Frauen. Vierzehn von ihnen haben den Nobelpreis für Literatur erhalten, von Selma Lagerlöf im Jahr 1909 bis zu Swetlana Alexjewitsch, die heute im Stockholmer Konzerthuset die Auszeichnung entgegennehmen wird. Das macht einen Frauenanteil von mageren 12,5 Prozent, während die Gesamtquote bei knapp neunzehn Prozent liegt.

          Viel ist es nicht, was an Informationen aus den Diskussionen in der Schwedischen Akademie in die Öffentlichkeit dringt. Umso interessante r sind die knappen Zusammenfassungen, mit denen das Nobel-Museum jedes einzelne Jahrzehnt zu charakterisieren versucht. Es gab Phasen der Politisierung, der Hinwendung zur Lyrik oder der Abkehr vom Eurozentrismus. Die Rolle der Generalsekretäre erscheint in diesem Überblick doch gewichtiger, als man gedacht hätte. Seit 1990 sieht sich die Akademie auf der Suche nach einer globalen Perspektive. Man will Versäumtes nachholen. Acht der vierzehn Preisträgerinnen wurden seit 1990 ausgezeichnet, zuvor fast vollständig ignorierte Weltgegenden wie Afrika, die Karibik, Asien stärker berücksichtigt. Gegen Ende seines Lebens war Alfred Nobel die Erde zu klein geworden, wie er 1893 in einem Brief an den Entdecker Sven Hedin schrieb. Auf eine fast schon maßlose Weise interessiere er sich nun für einen viel kleineren Weltkörper: das Atom.

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