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„Tausendundeine Nacht“ : Zwei Dämonen und ein Liebespaar

Eine der schönsten Adaptionen der Märchen aus „Tausendundeine Nacht“: Lotte Reinigers Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Bild: Primrose Film Productions, London/München 1995

Das leidenschaftliche, abgründige Märchenwerk: Die Orientalistin Claudia Ott spricht im Interview über die Fortsetzung ihres Übersetzungsprojekts zu „Tausendundeine Nacht“.

          4 Min.

          Frau Ott, als Arabistin haben Sie einen großen Teil Ihrer Arbeit der Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ gewidmet. 2004 erschien Ihre Übersetzung der berühmten Galland-Handschrift, 2012 haben Sie mit „Hundertundeine Nacht“ eine bis dahin unbekannte Variante der Sammlung aus dem maurischen Spanien ins Deutsche gebracht, und 2016 erschien „Das glückliche Ende“ auf Deutsch – ein Teil einer unbekannten Tausendundeine Nacht-Version mit einem überraschenden Schluss. Schon diese drei Texte unterscheiden sich erheblich, obwohl sie sich doch auf dieselbe Märchensammlung beziehen. Warum ist das so?

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Da ist zunächst der grundlegende Unterschied zwischen Tausendundeiner Nacht – der großen, weltberühmten, zuerst in Indien und Persien, dann etwa 1000 Jahre lang im arabischen Orient, danach seit 300 Jahren auch in Europa überlieferten Erzählsammlung – und ihrer „kleinen Schwester“ Hundertundeine Nacht, die man nur im arabischen Okzident kannte, also im maurischen Spanien und im Maghreb. Die beiden Werke sind wie Schwestern: nah verwandt, aber sehr verschieden. Sie teilen nur zwei ihrer Geschichten, der Rest ist ganz eigenständig. In Hundertundeiner Nacht atmen wir das Flair Andalusiens, wir reiten mit Troubadouren durch trockene Flusstäler und Wadis, besuchen Burgen, wie man sie aus der maurischen Architektur Spaniens kennt, oder schlagen uns durch die Märkte Kairouans im heutigen Tunesien. Die Hundertundeine-Nacht-Handschrift, die ich übersetzt habe, ist von 1234, also aus der Zeit unseres Hochmittelalters.

          Wovon erzählen diese beiden Schwesterwerke?

          Beide Bücher beginnen mit der Rahmengeschichte, in der der grausame König Schahriyar und Schahrasad, die kluge und gebildete Tochter seines Wesirs, die Hauptrollen spielen. König Schahriyar ist von seiner Frau betrogen worden und will sich nun an allen Frauen der Welt rächen. Er heiratet jeden Abend eine neue Frau und lässt sie gleich am Morgen nach der Hochzeitsnacht umbringen. Nachdem schon viele Frauen gestorben sind, lässt sich Schahrasad freiwillig mit dem König verheiraten, nimmt aber ihre Schwester mit ins Hochzeitsgemach, damit diese sie um eine Gutenachtgeschichte bitten kann. Diese Geschichte wird bis zum Morgen so spannend, dass der König die Erzählerin nicht tötet, weil er sonst die Fortsetzung nicht erfahren würde.

          Wie hängen die Geschichten jeweils zusammen?

          In Hundertundeine Nacht werden nur insgesamt 17 Geschichten erzählt. Sie sind voneinander unabhängig, und jede endet mit derselben Happy-End-Formel, die ein bisschen so klingt wie „Und wenn sie nicht gestorben sind“ aus den Grimmschen Märchen. Die Geschichten aus Tausendundeine Nacht sind dagegen anfangs lang und dramatisch und kompliziert ineinander verschachtelt. Als Leser und Hörer weiß man oft nicht mehr, wer gerade wem was erzählt; das lustvolle Irreführen durch das Labyrinth der Geschichten ist geradezu Programm. Am Ende werden die Geschichten viel kürzer, sogar Witze werden erzählt. Für alle Geschichten aber gilt: Sie sind nicht Schahrasads eigene Erlebnisse, nicht einmal ihre eigenen Erfindungen, sondern Schahrasad hat sie sich angelesen. In der Rahmengeschichte von Tausendundeine Nacht wird ausführlich geschildert, wie viele Bücher Schahrasad gelesen hat und dass sie ihre Geschichten aus diesen Büchern bezieht. Und tatsächlich konnten Philologen für viele Geschichten eine Herkunft aus der arabischen Literatur nachweisen. Insofern ist Schahrasad auch ein Paradebeispiel für eine emanzipierte Art weiblicher Auflehnung. Sie schlägt den Sultan ja nicht mit den „Waffen einer Frau“, sondern mit der Macht von Bildung und Literatur, die sonst oft den Männern vorbehalten war. Ihre Botschaft lautet: Lest Bücher, denn Lesen kann Leben retten!

          Und die dritte Handschrift, die Sie übersetzt haben, das „Glückliche Ende“?

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