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Neues Max-Planck-Institut : Fischwunder

  • -Aktualisiert am

Liegen die erhöhten Werte jetzt an Wilhelm Busch oder doch vielleicht am Ingwertee? Bild: dpa

Empirie und Ästhetik? Bringt man beides zusammen, ergibt sich mehr noch als ein weites Feld: eine exponentiell wachsendes Forschungsgebiet.

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          Oft ist das Denken schwer, indes / das Schreiben geht auch ohne es.“ Diese Verse Wilhelm Buschs treffen ein Problem der wunderbaren Textvermehrung unserer Tage. Es wird einfach so viel veröffentlicht, dass die Zahl der Sätze die der Gedanken notwendig übersteigt. Das Internet mit seiner ungeheuren Ausdehnung der Schreibflächen hat zu weiteren Siegen der Schall- über die Lichtgeschwindigkeit geführt. In den Wissenschaften wiederum sorgt der Publikationsdruck dafür, dass immer kleinere Fische aus dem Meer geholt werden.

          Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus hat gerade in Frankfurt eine neue Technik des Erkenntnisfangs in den Geisteswissenschaften vorgeführt. Bei der Eröffnung des neuen Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik zeigte er, wie sich aus Buschs zwei Versen ein fast grenzenloses Forschungsfeld erzeugen lässt. Man lese sie dazu nur jemandem vor, den man an allerlei Messgerät angeschlossen hat, das den Herzschlag, den Puls, die Hautoberflächenspannung, den Blutdruck oder das Gänsehautprofil des Zuhörers aufzeichnet. Wie schwer atmen Busch-Leser? Führt Witzeln zu Schwitzen? Hüpft das Herz im Versmaß?

          So viele Messwerte, so viele Zusammenhänge, so viele Aufsätze! Dazu kommen schier endlose Vervielfachungschancen, wenn man nun, wie Menninghaus ausführte, die für Reim und Metrum entscheidenden Versworte „schwer“ sowie „indes“ durch „schwierig“ oder/und „jedoch“ ersetzt und die entsprechenden psychophysischen Messwerte für „Oft ist das Denken schwierig, jedoch / das Schreiben geht auch ohne es“ mit denen des Originals vergleicht. Nimmt man noch einen Hirnscanner hinzu, so erhält man viele, viele bunte Karten von dem, was dann als Versabweichungserkennungszentrum oder Rhythmusregion angesprochen werden könnte.

          Menninghaus genügte das als Andeutung seines Forschungsprogramms, aber natürlich sind dessen Möglichkeiten damit längst nicht ausgeschöpft. Man kann den Leuten die Verse morgens und abends vorlesen, im Freien oder am Kamin, mit einer hohen und einer tiefen Stimme, unter Zufuhr von Aperol Spritz oder Ingwertee, kann sie Frauen und Männern zu Gehör bringen, die gerade traurig oder bester Laune sind, man kann sie selbst leise lesen lassen, und man kann natürlich alle Permutationen dieser Merkmale durchspielen. Danach ersetze man Busch durch Rilke („Sein Blick ist vom Vorübergehn der Forscher / so müd geworden. . .“) oder Benn („Einsamer nie als im Labor. . .“). Und man variiere die Sprache „The Thinking est un problème, indes / pubblicazione funziona auch ohne es“. Das dann neuerlich nach Geschlecht, Getränkezufuhr oder Gemütszustand variiert und hirngescannt - man sieht: „Oft ist das Denken schwer, indes / Ästhetik geht fast ohne es.“ Oder wie ein jüdischer Theologe einmal zur Speisung der Fünftausend angemerkt hat: Ich zweifle nicht, dass er sie gespeist hat, ich zweifle, dass sie satt geworden sind.

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