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Neuerscheinungen : Mit der Welt geht es zu Ende

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Auf der Suche nach den besten Büchern des Frühjahrs: Besucher der Leipziger Buchmesse Bild: dpa

Im Schatten von Katastrophe und Untergang, im Schatten von Kriegen, Umweltkatastrophen und Terror überall wird in den neuen deutschen Büchern dieses Frühjahrs mitunter wunderbar erzählt. Ein Überblick zur Leipziger Buchmesse.

          6 Min.

          Es geht abwärts mit der deutschen Literatur, tief hinab, wo die Welten enden, wo nur noch die letzte Einsamkeit ist, das Unglück und die Nacht. - Ach? Ist es endlich soweit? Die deutsche Literatur ist tot? Haben die Schreihälse, die alle fünf Jahre mit einem neuen Sterbeglöckchen auf die Buchmessen geritten kamen - "Innerlichkeit!" klingelten sie, "Kopfliteratur!", "Popliteratur!" -, also endlich, endlich recht? - Nein. Haben sie nicht.

          Denn im Schatten der Katastrophe und des Untergangs, im Schatten von Kriegen, Umweltkatastrophen und Terror überall wird in den neuen deutschen Büchern dieses Frühjahrs mitunter wunderbar erzählt.

          Frank Schätzing - ein Thriller, wie es ihn bisher kaum gegeben hat

          Es beginnt mit einem Wurm. Mit einem winzigkleinen Zangenwurm, der auf dem Grund des Meeres lebt. Und der - durch Gefräßigkeit, durch Zufall, durch Mutation - die Methanhydratschicht am eiskalten Meeresboden langsam auflöst, das Eis herauslöst und damit eine weltenverschlingende Flutwelle auslöst, der weitere apokalyptische Katastrophen folgen.

          Um dieses - biotechnisch mögliche - Untergangsszenario hat der Kölner Musiker und Werbeagent Frank Schätzing in dem Buch "Der Schwarm" einen rasanten, schnellen, spannenden Thriller gebaut, wie es ihn in der deutschen Literatur bisher kaum gegeben hat. Vorangetrieben vom Sog der sich zurückziehenden Flutwelle, entwickelt sich ein Untergangsdrama, das einen tausend Seiten lesen, lesen, lesen läßt.

          Günter Kunert: Gegen die Eile, die das Erzählen tötet

          Bringt die Angst vor der Katastrophe das Erzählen voran? Günter Kunert meint: Nein! In den soeben erschienenen Aufzeichnungen "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast" schreibt der Fünfundsiebzigjährige am Ende seitenweise vom sicheren Weltenende, das jetzt bald, sehr bald kommen muß, und daß heute keine Hoffnung mehr hilft, endgültig keine Hoffnung mehr, sondern nur noch Verzweiflung. Und daß so eine Eile in die Welt gekommen sei, ein frohes Voranstürzen auf das Ende hin. Und daß diese letzte Eile das Erzählen töte.

          "Die Schwäche der deutschen Gegenwartsliteratur resultiert möglicherweise aus diesem Faktum. Wir können uns der allgemeinen Eile nicht mehr entziehen, doch Eile ist ein schlechter Berater, in jeder Hinsicht." Und endet seine Aufzeichnungen aber gut lutherisch und mit letztem Erzählermut: "Und trotzdem bringt man seinen Garten in Ordnung, pflanzt Büsche und Sträucher", um am Ende mit der verklungenen Stimme eines alten Dichters zu sagen: "I cover all!"

          Sibylle Bergs Weltwiderstandsroman

          Gute Idee, würde Sibylle Berg dazu wohl sagen. Oder besser: die Erzählerin aus ihrem neuen, herrlichen Katastrophenplauder- und Weltwiderstandsroman "Ende gut", der schon auf dem Cover die Botschaft verkündet: "Die Welt geht unter. Das ist das Beste, was mir jemals passiert ist."

          Und am Ende, als sie sich in ein kleines finnisches Inselglück fern des Weltuntergangs zurückziehen konnte, sagt sie: "Ich mache weiter den Garten, das Gemüse, das Essen und lese. Lesen genügt als Lebensinhalt, merke ich. Und jemanden haben, mit dem man das teilt, das Leben." Und schreiben, muß man hinzufügen. Und weiterschreiben. Im Schatten der alltäglichen Katastrophe.

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