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Neuer Roman von Robert Harris : Raketenangst auf allen Seiten

  • -Aktualisiert am

Hitlers geheime Waffe: V2-Rakete im Centre d'Histoire et de Mémoire de La Coupole im französischen Helfaut Bild: AFP

Ein neuer Thriller über den Zweiten Weltkrieg: „V2“ von Robert Harris ist gerade auf Englisch erschienen und beschäftigt sich mit mehr als der Entstehung von Hitlers „Wunderwaffe“.

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          In der Zeit, in der die Vereinigten Staaten im Wettlauf mit der Sowjetunion zum Mond strebten, stellte der satirische Chansonnier Tom Lehrer die moralische Integrität des Raketenpioniers Wernher von Braun in Frage. In dem Disput um den Mann, der dem Hitler-Regime die „Wunderwaffe“ V2 brachte und den Amerikanern den Weg ins All bahnte, schlug sich Lehrer auf die Seite derer, die den Ingenieur mit Albert Speer und den anderen „unpolitischen Technikern“ der Kategorie berechnender Karrieristen zuordneten. „Sag nicht, er sei heuchlerisch“, stichelt Lehrer in der Ballade, die Klavierbegleitung mit einem sarkastischen Triller verzierend, „sag lieber, er sei unpolitisch. Wen kümmert es, wo die Raketen landen, wenn sie einmal oben sind“, fährt er mit deutschem Akzent fort, „das fällt nicht in mein Ressort, sagt Wernher von Braun.“

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Frage nach der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers steht im Kern von „V2“, dem jüngsten Thriller von Robert Harris. In dem soeben in Britannien erschienenen Buch, das im November mit dem Titel „Vergeltung“ auf den deutschen Markt kommt, spinnt der britische Bestsellerautor aus einer wenig bekannten Episode der Endphase des Zweiten Weltkrieges parallel zueinander verlaufende Erzählfäden, die nach seiner bewährten Methode Tatsachen und Fiktion spannungsreich miteinander verweben. Hier macht Harris diese Fäden an zwei erfundenen Figuren fest, dem deutschen Ingenieur Rudi Graf, einem Weggefährten von Brauns aus Jugendtagen, der dessen Jules-Verneschen Traum von der Weltraumfahrt teilt, und an Kay Caton-Walsh, einer britischen Luftwaffenhelferin im Offiziersrang.

          Angst und Verwüstung

          Von Braun, der früh erkannte, dass die Phantasie der jungen Raketenenthusiasten sich nur mit militärischer Unterstützung realisieren lasse, hat seinen Freund bereits Anfang der dreißiger Jahre rekrutiert für die Entwicklung einer Flüssigkeitsrakete an der später nach Peenemünde verlegten Heeresversuchsstelle Kummersdorf. Graf erinnert sich, wie von Braun ihn damals umstimmte mit der Versicherung, der Weg zum Mond führe durch Kummersdorf. Hitlers Kriegspläne leiten die Forscher jedoch auf einen anderen Weg. Statt Weltraumraketen bauen sie ballistische Flugkörper, von denen sich das Militär eine entscheidende Wende des Krieges erhofft. Von der holländischen Küste aus erreichen diese Geschosse mit vierfacher Schallgeschwindigkeit London in bloß fünf Minuten.

          Mit seiner Fähigkeit, die Vergangenheit durch atmosphärische, stoffliche und historische Details greifbar zu machen, schildert Harris die Angst und Verwüstung der vor der Detonation lautlos über den Kanal huschenden Raketen. An einem Tag, an dem Hausfrauen mit ihren Kindern wegen einer seltenen Lieferung von Kochtöpfen in eine Woolworth-Filiale im Südosten Londons drängen, werden 160 Menschen getötet, darunter Passagiere eines vorbeifahrenden Busses, deren innere Organe durch die Wucht der Explosion zerstört werden.

          Mit Stift, Rechenschieber und Logarithmentafeln 

          Während Graf im November 1944 im niederländischen Scheveningen als technischer Verbindungsmann am Einsatz der sogenannten „Vergeltungswaffe Zwei“ mitwirkt, die London in die Knie bringen soll, sitzt Kay Caton-Walsh hundertfünfzig Kilometer davon entfernt in einem Banktresor der gerade erst von den deutschen Truppen geräumten belgischen Kleinstadt Mechelen mit Stift, Rechenschieber und Logarithmentafeln bereit.

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