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Romangroteske von Timur Vermes : Alles soll authentizistisch bleiben

Journalist und Autor Timur Vermes: Nicht zum ersten Mal schafft er Parallelen zwischen der aktuellen politischen Lage und der Handlung seines Romans. Bild: dpa

Timur Vermes’ Romangroteske „Die Hungrigen und die Satten“ will eigentlich die Migrationsdebatte abbilden. Allerdings macht sie es sich in Anbetracht der Realität dabei zu leicht.

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          Als der Medienredakteur Kasewalk wegen eines Interviews bei ihm anruft, weiß sich der Privatfernsehproduzent Sensenbrink kaum zu halten vor Glück: Endlich interessiert sich die seriöse Presse für seine Krawallsendung „Auf der Flucht“ mit dem Untertitel „Nadeche Hackenbusch ist ein: Engel im Elend“. Das Interesse hat mit den exzellenten Quoten zu tun, für das die Starmoderatorin Hackenbusch im mittleren Afrika für einige Wochen das größte Flüchtlingslager der Welt besucht und mit einem Filmteam täglich nach Deutschland berichtet. Die Sendung zeigt Hackenbusch beim Holz- oder Wasserholen, sie besucht das Lazarettzelt oder lässt sich zeigen, wie man aus Bohnen und Maismehl die immer gleiche Mahlzeit zubereitet. Über all das sprechen der Mann von der Qualitätszeitung und der zufriedene Produzent, bis am Ende des Interviews die Frage kommt, auf die der Befragte keine rechte Antwort weiß: „Wie wird die Sendung enden?“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Exakt ein Viertel von Timur Vermes’ Roman „Die Hungrigen und die Satten“, dem zweiten Buch des Autors nach seinem Bestseller „Er ist wieder da“ (2012), hat der Leser an dieser Stelle bewältigt, und so liegt es auf der Hand, dass mit dem baldigen Finale der Fernsehsendung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Angesiedelt ist das Buch in einer nahen Zukunft, in der Deutschland vom Nachfolger der durch einen Putsch gestürzten Angela Merkel regiert wird so wie Europa von einer Kommissionspräsidentin. Maßnahmen zur Verhinderung von Migration sind inzwischen beschlossen worden: Deutschland hat eine „Obergrenze“ der jährlichen Zuwanderung verkündet, und die EU bezahlt die nord- und mittelafrikanischen Staaten dafür, dass sie jeden aufhalten, der Richtung Europa reist. Zuwanderung findet zwar nach wie vor statt, ist aber durch die Kontrollen so aufwendig geworden, dass sich nur wenige Flüchtlinge die teuren Schlepper leisten können. Die übrigen landen in überfüllten Lagern südlich der Sahara. Und träumen weiterhin von der Flucht in den Norden.

          Der Roman zeigt was geschähe, wenn sich alle, die nach Deutschland wollen, zusammenfinden

          Die Ankunft des Filmteams bedeutet da zunächst die Hoffnung auf Arbeit und darauf, am Ende vielleicht doch genug Geld für die Schlepper zu verdienen. Das Fernsehteam veranstaltet dafür ein aufwendiges Casting, und ein Flüchtling, den die Deutschen „Lionel“ nennen, macht das Rennen: Er führt Nadeche durchs Lager und findet täglich neue telegene Ziele. Die Moderatorin verliebt sich in ihn und will mit ihm im Lager bleiben, um, wie sie sagt, endlich etwas Sinnvolles zu tun. Lionel dagegen will weiterhin nach Deutschland und schlägt Nadeche vor, die 150.000 Bewohner des Lagers einfach mitzunehmen. Dafür tut er sich mit dem Kriminellen Mojo zusammen, der den endlos langen Fußmarsch organisiert und die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sicherstellt. Die Flüchtlinge zahlen einen täglichen kleinen Beitrag, der Mojo in der Summe schwerreich macht. Nadeches Sender ist anfangs überrumpelt von ihrem Plan, dann begeistert dabei.

          Der Roman spielt durch, was geschähe, wenn sich tatsächlich alle, die nach Deutschland wollen, zusammenfinden und in den Norden aufbrechen. Dafür wählt Vermes im Wesentlichen drei Perspektiven: Kapitel, die den Treck schildern, wechseln sich ab mit dem Geschehen im Fernsehsender und den Beratungen der deutschen Regierung. Und während Lionel, Nadeche und ihre Begleiter über ein Jahr unterwegs sind, um täglich fünfzehn Kilometer durch Afrika und den Nahen Osten zurückzulegen, sieht man in Berlin wachsend beunruhigt der Erosion aller Vorkehrungen zu, mit denen man die Migranten weit weg halten wollte. Das Mittelmeer wird den Zug aufhalten, hoffen die Strategen des Innenministeriums, aber dann wählen die Flüchtlinge den Weg über den Suezkanal. Der Irak und Jordanien erlauben den Transit und geben dem Zug noch Zehntausende eigene Flüchtlinge mit. Die Türkei fürchtet Fernsehbilder mit schießenden Soldaten auf marschierende Frauen und Kinder, öffnet die Grenzen und sorgt sogar mit Bussen dafür, dass die Reisenden schneller wieder aus dem Land sind. Die BalkanStaaten halten es ebenso. Und schließlich stehen 400000 Menschen in Österreich vor der deutschen Grenze.

          Vermes ist weit davon entfernt, eine Heldengeschichte zu erzählen. Die Strapazen des langen Marsches bleiben eher blass, dafür ist der Kriminelle Mojo von gleichmütiger Grausamkeit, Lionel würde für ein gutes Angebot der Deutschen zur Einreise sofort den Zug im Stich lassen, Nadeche zumal ist auf gefährliche Weise kurzsichtig, was die Folgen ihres Handelns angeht, und sich zugleich ihrer medialen Wirkung bewusst. Sie stehe für „ehrliches Engagement“, bescheinigt sie sich selbst, während die Klatschreporterin, die den Zug im klimatisierten Van begleitet, in ihr gar einen „neuen, weiblichen Moses“ sieht. Andere beklagen ihre „umfassende Verlogenheit“ und nennen sie „so dumm, dass sie brummt“.

          Die Frage nach der Verantwortung der Medien bleibt unbeantwortet

          Dass sie von vielem keine Ahnung hat, schon gar nicht von den Verhältnissen in Afrika, betont der Autor gern. Und ebenso, dass sie eine prätentiöse Sprache verwendet und damit häufig strauchelt. Sie sagt „pyrotaktisch“ für „vorbeugend“, alles soll „authentizistisch“ bleiben, und in den afrikanischen Bäumen sieht sie „Marlboros“ landen statt Marabus. Und dann ihr wunderliches Englisch: „I am so up one hundred eighty. We cannot simple homego.“ Das war schon vor dreißig Jahren, gemünzt auf Helmut Kohl, nicht übermäßig witzig, und überhaupt wird man speziell dieses Distanzierungssignals des Autors rasch müde.

          Timur Vermes: „Die Hungrigen und die Satten“. Roman. Eichborn Verlag, Köln 2018. 509 Seiten, gebunden, 22 Euro.

          Der ahnungslosen Helferin stehen die zynischen Quotenjäger gegenüber. Ein kleiner Junge stirbt im Lager – am Fieber? „Solche Szenen sind für uns Gold wert“, sagt der Fernsehboss Sensenbrink, der nichts von „staatsbürgerlicher Verantwortung“ hören möchte: „Wir können nur auf Missstände aufmerksam machen, aber wir können die Probleme nicht lösen.“ Ob die Berichterstattung allerdings neue Probleme hervorbringt, fragt er nicht. In Deutschland bilden sich derweil sogenannte Bürgerwehren, schwer bewaffnet und „komplett radikalisiert“. Je näher die Flüchtlinge kommen, umso stärker wird die rechte Bewegung, und es ist ausgerechnet ein CSU-Innenminister, der einen besonnenen Vorschlag zu einer gesteuerten Migration macht und dafür in der aufgeheizten Lage einen hohen Preis bezahlen muss.

          All das kommt als Groteske daher, in der entsetzliche Szenen ebenso ihren Platz finden wie Knallchargengeschichten, und dieses Miteinander überzeugt nicht vollends. Dass es Vermes nicht zuletzt um Sprachkritik geht, wird deutlich, und auch um die Frage, wie effizient ahnungslose Helfer sind, wenn es darum geht, situationsadäquat zu handeln – wobei sich der Autor da ausgesprochen leichte Ziele geschaffen hat. Mit größerem Gewinn aber wird man diejenigen Passagen lesen, die Diskussionen über den grundsätzlichen Umgang mit Migration abbilden. „Der Staat kann sich nicht erpressen lassen“, sagt ein Politiker angesichts der heranziehenden Flüchtlinge. Man diskutiert über einen Grenzzaun, gar über Starkstrom und Selbstschussanlagen – also über das, was der Mob will. Und so fragt das Buch, ob eine solche Entwicklung das Land nicht viel stärker veränderte als die Zuwanderung einiger Hunderttausend.

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