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Romangroteske von Timur Vermes : Alles soll authentizistisch bleiben

Vermes ist weit davon entfernt, eine Heldengeschichte zu erzählen. Die Strapazen des langen Marsches bleiben eher blass, dafür ist der Kriminelle Mojo von gleichmütiger Grausamkeit, Lionel würde für ein gutes Angebot der Deutschen zur Einreise sofort den Zug im Stich lassen, Nadeche zumal ist auf gefährliche Weise kurzsichtig, was die Folgen ihres Handelns angeht, und sich zugleich ihrer medialen Wirkung bewusst. Sie stehe für „ehrliches Engagement“, bescheinigt sie sich selbst, während die Klatschreporterin, die den Zug im klimatisierten Van begleitet, in ihr gar einen „neuen, weiblichen Moses“ sieht. Andere beklagen ihre „umfassende Verlogenheit“ und nennen sie „so dumm, dass sie brummt“.

Die Frage nach der Verantwortung der Medien bleibt unbeantwortet

Dass sie von vielem keine Ahnung hat, schon gar nicht von den Verhältnissen in Afrika, betont der Autor gern. Und ebenso, dass sie eine prätentiöse Sprache verwendet und damit häufig strauchelt. Sie sagt „pyrotaktisch“ für „vorbeugend“, alles soll „authentizistisch“ bleiben, und in den afrikanischen Bäumen sieht sie „Marlboros“ landen statt Marabus. Und dann ihr wunderliches Englisch: „I am so up one hundred eighty. We cannot simple homego.“ Das war schon vor dreißig Jahren, gemünzt auf Helmut Kohl, nicht übermäßig witzig, und überhaupt wird man speziell dieses Distanzierungssignals des Autors rasch müde.

Timur Vermes: „Die Hungrigen und die Satten“. Roman. Eichborn Verlag, Köln 2018. 509 Seiten, gebunden, 22 Euro.

Der ahnungslosen Helferin stehen die zynischen Quotenjäger gegenüber. Ein kleiner Junge stirbt im Lager – am Fieber? „Solche Szenen sind für uns Gold wert“, sagt der Fernsehboss Sensenbrink, der nichts von „staatsbürgerlicher Verantwortung“ hören möchte: „Wir können nur auf Missstände aufmerksam machen, aber wir können die Probleme nicht lösen.“ Ob die Berichterstattung allerdings neue Probleme hervorbringt, fragt er nicht. In Deutschland bilden sich derweil sogenannte Bürgerwehren, schwer bewaffnet und „komplett radikalisiert“. Je näher die Flüchtlinge kommen, umso stärker wird die rechte Bewegung, und es ist ausgerechnet ein CSU-Innenminister, der einen besonnenen Vorschlag zu einer gesteuerten Migration macht und dafür in der aufgeheizten Lage einen hohen Preis bezahlen muss.

All das kommt als Groteske daher, in der entsetzliche Szenen ebenso ihren Platz finden wie Knallchargengeschichten, und dieses Miteinander überzeugt nicht vollends. Dass es Vermes nicht zuletzt um Sprachkritik geht, wird deutlich, und auch um die Frage, wie effizient ahnungslose Helfer sind, wenn es darum geht, situationsadäquat zu handeln – wobei sich der Autor da ausgesprochen leichte Ziele geschaffen hat. Mit größerem Gewinn aber wird man diejenigen Passagen lesen, die Diskussionen über den grundsätzlichen Umgang mit Migration abbilden. „Der Staat kann sich nicht erpressen lassen“, sagt ein Politiker angesichts der heranziehenden Flüchtlinge. Man diskutiert über einen Grenzzaun, gar über Starkstrom und Selbstschussanlagen – also über das, was der Mob will. Und so fragt das Buch, ob eine solche Entwicklung das Land nicht viel stärker veränderte als die Zuwanderung einiger Hunderttausend.

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