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Ian McEwans neuer Roman : Ein kleines Monster für den Hausgebrauch

  • -Aktualisiert am

Ein „Laptop auf zwei Beinen“ ist Hauptfigur von Ian McEwans neuem Roman. Bild: dpa

Haushaltshilfe, WG-Mitbewohner, Sexspielzeug: Sogar die Charaktereigenschaften sind frei wählbar. In „Maschinen wie ich“ entwirft Ian McEwan einen Roboter, der gekommen ist, um zu bleiben.

          Vielleicht mag es noch Leute geben, die niemals ihren Laptop angeschrien oder wegen Bockigkeit beschimpft haben. Wer immer einen kühlen Kopf bewahrt, ist sich jederzeit bewusst, dass auch die unentbehrlichste Maschine, deren Tücken uns am hartnäckigsten plagen, nie etwa boshaft sein oder es gar auf uns abgesehen haben kann. Maschinen selbst können gar nichts, außer was man ihnen aufgetragen hat, und aller Ärger mit ihnen rührt bloß von Bedienungs- oder Programmierungsfehlern her. So viel scheint klar.

          Und doch fällt es unendlich schwer, dieser Einsicht konsequent zu folgen. In der täglichen Interaktion mit mobilen Endgeräten, denen viele Menschen heute mutmaßlich mehr Zeit widmen, als sie für andere Interaktionspartner erübrigen, stellt sich daher der Pygmalion-Effekt ein: Wir erleben das Gemachte als etwas Lebendiges, reagieren mit Gefühlen, entwickeln Zuneigung bis hin zu Liebe und sind zutiefst verstört, sobald das Gegenüber nicht mehr mitzieht. Jetzt hat Ian McEwan, der altbewährte Spezialist für wirklichkeitsverändernde Fiktionen, sich diesen Effekt vorgenommen.

          Einen „Laptop auf zwei Beinen“ stellt er ins Zentrum seines neuen Romans, einen Roboter in Menschengestalt, der Adam heißt und einer Serie von fünfundzwanzig Androiden angehört, die 1982 Marktreife erlangt haben. Zwar kosten sie ein mittleres Vermögen, dafür können sie erstaunlich viel und sehen perfekt aus.

          Der britische Autor Ian McEwan

          Adam ist breitschultrig, mit dunklem Teint und schwarzem Haar, grüblerischem Blick und „einer leicht gekrümmten Nase“, wie es heißt, „die ihn hochintelligent wirken“ lässt. Und schon, in dieser schlichten Wiedergabe eines anthropomorphen Äußeren, die uns der Erzähler auf den ersten Seiten übermittelt, findet sich gleich eine Zuschreibung, die, recht besehen, bloße Projektion ist: Dass Nasenform mit Intelligenz korreliere, ist nichts als ein Klischee und Vorurteil, und doch kann man sich dessen Wirkung kaum entziehen. Die weitere Geschichte zeigt, wie solche Zuschreibungen eskalieren.

          Adam ist im Besitz eines jungen Mannes, Charlie, einer etwas verkrachten Existenz, Anfang dreißig, Computernerd und seiner attraktiven Nachbarin namens Miranda zugetan. Anfangs soll sie nur kurz helfen, den schweren Roboter ins Haus zu tragen, dann darf sie dabei sein, wie er ausgepackt und eingestöpselt wird, und schließlich überlässt es Charlie ihr, die Hälfte der „Charaktereigenschaften“ Adams, die man manuell anklicken muss, selbst einzustellen – ganz so, als teilten sie die Fürsorge für das Gerät wie für ein Kind. Die Strategie verfängt, kurz drauf sind Charlie und sie ein Paar. Adam aber, der anfangs die Verbindung stiftet, bleibt dauerhaft dabei. Schon bald gerät dieses Beziehungsdreieck in Bewegung.

          Ein Rachewerk

          Nicht genug, dass sich Miranda eines Nachts nach einem Streit mit Charlie offenkundig lustvoll Sex mit Adam gönnt, wie der verschmähte Liebhaber als Ohrenzeuge mitanhören muss. Sie verwickeln sich in ein moralisches Dilemma nach dem anderen. Da ist das zweifelhafte Geld, das sie mit Adams Hilfe durch Devisen-Trading machen, das Geringste.

          Die Hauptverwicklungen beginnen damit, dass Adam einen dunklen Punkt in Mirandas Vergangenheit andeutet. Charlie kann das Misstrauen nicht abschütteln und findet tatsächlich heraus, dass seine Freundin in einem Vergewaltigungsprozess als Opfer ausgesagt und einen Täter ins Gefängnis gebracht hat, obschon die sonstige Indizienlage zumindest fragwürdig erschien. Zur Rede gestellt, erklärt Miranda ihr Verhalten als ein Rachewerk, was sofort weitere tiefgreifende Fragen aufwirft. Hinzu kommt, dass sie einen kleinen Jungen adoptieren will und daher selbst einem peniblen Charakter-Screening unterliegt. Immer tiefer geraten sie so in ein Labyrinth komplexer Lebensfragen, in dem klare Entscheidungen, was richtig und was falsch ist, zu verwischen drohen.

          McEwan ist, das zeigt sein Spätwerk immer deutlicher, im Kern ein strenger Moralist. Auch wenn er im Gespräch erklären mag, dass ihn die Frage interessiert, „ob eine Maschine denken kann“, zeigt sein Roman doch sehr viel mehr Interesse daran, ob und wie eine Maschine dazu beiträgt, die moralischen Zwickmühlen, in die wir uns hineinmanövriert haben, zu vermehren und verstärken. Unverkennbar spielt er dabei auf die Tradition künstlicher Menschenwesen an, von Mary Shelleys „Frankenstein“ (selbst eine zutiefst moralische Parabel) über Ridley Scotts „Blade Runner“ (der 1982 erschien und 2019 spielt – bei McEwan ist es genau umgekehrt) bis zurück zu Shakespeares Zauberstück „Der Sturm“, dem der Name Miranda entlehnt ist.

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