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Neuer Chef bei Random House : Ein Außenseiter wird Spitzenreiter

Musste manche von seinem Kandidaten überzeugen: Bertelsmann-Vorstand Ostrowski Bild: picture-alliance/ dpa

Random House, die größte Verlagsgruppe der Welt, bekommt einen deutschen Chef: Markus Dohle, bislang im Druckereibereich tätig. Er soll dem vor sich hin dümpelnden Buchgeschäft von Bertelsmann in Amerika neue Impulse geben.

          Ein Westfale in New York, ein Deutscher auf dem Chefsessel der weltgrößten Verlagsgruppe - der gestern bekanntgegebene Wechsel von Markus Dohle an die Spitze von Random House wird in der Bücherbranche einiges Rätselraten auslösen. Denn mit dem Chef von Arvato Print zieht im Sommer ein unbeschriebenes Blatt in die Hausnummer 1745 am Broadway. Als Manager von Druckereien hat sich Dohle einen Namen gemacht, aber über die Dicke der Nabelschnur, die ihn mit der Bücherwelt verbindet, ist nichts bekannt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Es ist die erste große Personalie, die Hartmut Ostrowski entschieden hat, seit er im Januar den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann AG übernommen hat.

          Wer ist der Neue?

          Er greift mit dieser ungewöhnlichen Lösung auf einen Mann zurück, den er aus der Zusammenarbeit bei der Bertelsmann-Dienstleistungssparte Arvato kennt, dessen Stallgeruch unstrittig ist. „Industry Outsider to Run Random House“ meldete das „Wall Street Journal“ online und brachte damit die Frage auf den Punkt: Wer ist der Neue, der es im Alter von nur neununddreißig Jahren in den Vorstand des Medienriesen bringt?

          Sauerländer von Geburt, Westfale aus Leidenschaft, liberal-katholisches Elternhaus, zwei Kinder, Tennissportler und bekennender Anhänger der Insel Juist. Kind der Firma. Ein Wirtschaftsingenieur, der eine rasche Karriere hingelegt hat, weil man ihm ein Unternehmer-Gen nachsagt. Nach Stationen bei der Vereinigten Verlagsauslieferung und der Mohn-Media-Gruppe ist Dohle derzeit Mitglied im Vorstand von Arvato, demnächst zieht er in den Konzernvorstand der Bertelsmann AG ein.

          Hochintelligent und mitreißend

          Hartmut Ostrowski flicht seinem neuen Vorstandsmitglied denn auch schmeichelhafte Girlanden: Dohle sei hochintelligent, ein mitreißender Unternehmer, ein Spezialist für gesättigte Märkte, der auch reife Produkte noch einmal anschieben könne - so bewiesen im Druckereigewerbe, so fortan zu beweisen im Buchgeschäft. Markus Dohle will, so hat er es in einem ersten Statement erklärt, aus den Kerngeschäften heraus neue Wachstumschancen erkennen: „Die Buchverlagsbranche mit ihrer langen Tradition steht vor einer viel versprechenden Zukunft.“ Viel versprechend - oder doch wohl hoffentlich vielversprechend?

          Möglich und vielleicht auch nötig geworden war der Wechsel, weil der seit zehn Jahren amtierende und seit 2001 im Vorstand sitzende Amerikaner Peter Olson offenbar in seinem Elan zu erlahmen drohte. Alles wartet auf den neuen Roman von Dan Brown: Das Buchgeschäft hatte sich zuletzt schwach gezeigt, bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Euro lag des Ergebnis bei 173 Millionen Euro. Obendrein warf eine schwere Krankheit Olson im vergangenen Herbst aus der Bahn, nun hat er nach zehn Jahren und „vier Milliarden verkauften Büchern“ seine Lebensplanung auf neue Beine gestellt.

          Bertelsmann macht Druck

          Der exzentrische Achtundfünfzigjährige, der gleich mehrere Seelen in einer Brust zu verwahren imstande ist - die des Bankers, Juristen und Büchermenschen -, wird sich in Cambridge, Massachusetts, niederlassen und strebt eine akademische Spätlaufbahn als Professor in Harvard an. In seinem Abschiedsbrief an die Kollegen schreibt Olson, er sei überzeugt davon, dass sein Nachfolger Random House „zu noch größerer kultureller und kommerzieller Blüte“ führen werde.

          Man darf annehmen, dass man daheim in Gütersloh schon froh sein wird, wenn Dohle die kommerzielle Blüte verlängert. Die Buchsparte ist der kleinste Unternehmensbereich von Bertelsmann, aber sie steht unter dem gleichen Wachstumsdruck, den Ostrowski bei seinem Amtsantritt dem Konzern verordnet hat. Schwache Zweige, wie die in den Vereinigten Staaten vor sich hin dümpelnde Direct Group, das Pendant zum hiesigen Club-Geschäft, stehen schon zum Verkauf - nur haben will sie niemand.

          Manager-Lösung für die Buchszene

          Der angelsächsische Buchmarkt ist wenig zimperlich in der Kulturgutfrage; in Großbritannien kämpft das Buch wie in Amerika auf der freien Wildbahn der Supermarktregale um seine Position im Medienmarkt. Dohle wird sich stark auf das Amerika-Geschäft konzentrieren müssen, denn dort erwirtschaftet Random House den Großteil seines Umsatzes. Noch mehr Marketing und ein verstärkter Abwehrkampf gegen die Macht der Handelsketten werden die Folge sein.

          In einer Zeit, in der die deutsche Buchbranche zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Gutenberg und Internet oszilliert, setzt Ostrowski damit ganz pragmatisch auf eine Manager-Lösung: Das Buch ist ein Produkt, und als solches ist es zu verkaufen. Auch für die deutsche Random-House-Filiale in München, deren Finanz-Geschäftsführer Jörg Pfuhl als Kandidat genannt worden war, gilt steigende Marktgröße als Königsweg: Die Zentrale in Gütersloh glaubt fest daran, dass auch im Buchgeschäft mehr als zehn Prozent Umsatzrendite möglich sind. Der neue Mann wird keinen Zweifel daran lassen, dass er diese Auffassung teilt.

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