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Neue Romane in diesem Herbst : Bleibt alles in der Familie

Isländische Dichter tragen widerwillig ihre Sagas weiter und Eugen Ruge erfasst die so fremd-nahe Welt der DDR: ein Blick auf die literarischen Veröffentlichungen im Herbst.

          6 Min.

          Ist es nicht sonderbar, wie uns eine Geschichte mit Haut und Haaren in ihren Bann ziehen kann? Wie wir lesend Zeit und Raum vergessen und sich der Herzschlag beschleunigt, sobald wir mit dem Buch ein neues Universum betreten? Leseabenteuer sind Erfahrungen aus zweiter Hand, Erlebnisse im imaginären Kopf eines anderen, und doch lieben wir nichts mehr als diesen Zustand unter Hypnose: welt- und selbstvergessen den Gleisen zu folgen, die ein Schriftsteller für uns gelegt hat. Sich mit unserer ganzen Vorstellungskraft dem flow hingeben - bis uns der Vorwurf des Eskapismus erreicht.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der Tadel über unsere Urlaubsreisen in die Fiktion - gern ist von Realitätsverweigerung die Rede -, ist so alt wie die Literatur und kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Man kann mit Tolkien darauf antworten: Wer hat denn etwas gegen die Flucht, außer dem Gefängniswärter? Man kann aber auch die Wissenschaft bemühen. Die hat schließlich festgestellt, dass Romanleser alles andere als Couchpotatoes sind, sondern äußerst rege Koautoren, die die Geschichten in ihr eigenes mentales Modell übersetzen: Leser nehmen an fiktiven Erlebnissen teil, als wären es ihre eignenen. Deshalb prägen uns Geschichten oft stärker als jedes rationale Argument. Literatur führt also gerade nicht aus der Wirklichkeit, sondern sie nimmt stattdessen ganz konkret Einfluss darauf, wie wir sie sehen. Zum Beispiel, die Innenwelt der DDR oder auch das ganze deutsche Jahrhundert.

          Eine schon beinahe schmerzhafte Nähe

          Den kühnsten Blick auf diese so fremd-nahe Welt wirft Eugen Ruges spätes Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Der vom Theater kommende, 1954 in Sosswa im Ural geborene Schriftsteller beschreibt darin in knapper, schneidender Sprache den Untergang einer bedeutenden Ost-Berliner Familie. Der Roman ist zugleich ein Abgesang auf die Ideale seiner Väter. Denn die Geschichte, die Ruge erzählt, ist seine eigene. Von der Exilzeit der kommunistischen Großeltern in Mexiko über die Karriere des Vaters als Haus- und Hofhistoriker der ehemaligen DDR bis zur Flucht von dessen Sohn Alexander, Eugen Ruges Alter Ego, in den Westen.

          Unendlich reich Bild: Verlag

          In kühn ineinander verschraubten Episoden mit wechselnden Zeit- und Perspektivebenen lässt Ruge vier Generationen jeweils ihre Sicht der Ereignisse beschreiben. Als Letzter hat der Urenkel Markus das Wort, für den die jüngste deutsche Vergangenheit bloß noch langweiliger Schulstoff ist. Aus der Weltgeschichte, die dem Roman sein Fundament gibt, Mauerbau, Perestroika, Wende, malt Ruge aber kein weitschweifiges Panorama, sondern geht den umgekehrten Weg ins Detail. Alltagsszenen einer Familie, gewöhnlich und hochsymbolisch zugleich, vergrößert der Autor so lange unter seinem Sprachmikroskop, bis das schonungslos freigelegte Bild fast schon schmerzt: die kaputtrenovierte Villa in Potsdam, die gefüllte Weihnachtsgans, die auf dem Fußboden landet, die erniedrigende Selbstanklage des systemtreuen Vaters - all das bringt Eugen Ruge in größtmögliche Nähe zum Leser.

          Peter Kurzecks Heimaterkundung

          Gnadenlos lässt er seine Protagonisten übereinander urteilen. Jeder fällt über die Lügen der anderen her, vor allem während des neunzigsten Geburtstags von Wilhelm, dem hochdekorierten Parteigenossen, kurz vor dem Mauerfall, den Ruge mit böser Komik aus immer neuen Blickwinkeln beschreibt. Dieser Autor schaut so nüchtern, abgeklärt und rücksichtslos auf die Menschen, dass sein Familienroman frei von Rührseligkeit ist. Zu Recht hat es Eugen Ruge mit dem Buch unter die sechs Finalisten des Deutschen Buchpreises geschafft - und zu Recht hat er die Ehrung als Glanzpunkt einer beispiellosen Entstehungsgeschichte dann auch erhalten.

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