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„Neue Frankfurter Schule“ : König Friedrich: Der Zeichner F. K. Waechter ist tot

Waechter war dabei der Mann fürs Graphische (und nebenher arbeitete er auch noch für „Twen“, eine kaum minder stilbildende Zeitschrift jener Jahre), aber in seinen spärlichen Texten der sechziger Jahre ist bereits eine solche Sicherheit für Pointen, eine solch grandios eingesetzte Lakonie zu finden, daß man ihn als den eigentlichen Lehrmeister auch seiner beiden Mitstreiter ansehen muß, selbst wenn alle drei beinahe gleichalt waren. Doch Waechter kam eben nicht aus einem klassisch studentischen Umfeld wie Gernhardt und Bernstein, sondern hatte den Beruf des Gebrauchsgraphikers erlernt. Jemanden mit dieser Bodenhaftung konnte man in der Tat gebrauchen.

Die Herzen der Säue

Zur schönsten Vollendung kam sein graphisches und schriftstellerisches Können in den „Stillen Blättern“ (und nicht zu vergessen deren Rückseiten), die von Beginn an das 1979 gleichfalls von ihm mitgegründete Satiremagazin „Titanic“ zierten. Hier machte er vor, was seitdem zu einem eigenen Feld in der deutschen Humorlandschaft geworden ist: die Kombination von meisterhaft ausgeführten Bildern mit geradezu sardonischen Texten.

Exemplarisch auch hier nur eines, aus dem Dezember 1980: Ein niedliches Ferkel liegt neben seiner Mutter im Stall und lauscht deren Worten: „Du wirst ein großer stolzer Eber werden. Des Lebens Stürme werden über dich hinwegbrausen, aber du wirst lachen und getrost deinen Weg gehen, und die Herzen der Säue werden höher schlagen, wenn sie dein Lachen hören.“ Das kleine Ferkel denkt sich dazu: „Das Leben ist schön.“ Doch unter den wie meistens bei ihm handgeschriebenen Text hat Waechter einen barocken Schnörkel angebracht, der von der letzten Zeile den Blick abwärts führt zum Seitenrand: in jenes Nichts, das auch dem Ferkel bevorsteht, in dem jeder Betrachter bereits das Schlachtvieh ausgemacht hat.

Immer höchste Qualität

Waechters Werke zeichneten sich immer durch höchste Qualität aus - egal, an welches Publikum sie sich richteten. Das war sein Verständnis der Aufgabe von Kunst. Seine hohe, leise, bedächtige Stimme taugte nicht zum Dozieren, und dennoch war er einer der erfolgreichsten Lehrer, der ganze Generationen von Zeichnern und Karikaturisten in seinen Seminaren ausgebildet hat. Die Liebsten waren ihm dabei jene Schüler, die sich gar nicht erst bemühten, den Meister nachzumachen. Und diese Schüler sind es wiederum, die ihm heute den größten Einfluß auf ihr Schaffen zusprechen.

Siebenundsechzig Jahre wurde der 1937 in Danzig geborene Künstler alt. Was er in dieser Frist geschaffen hat, ist unfaßbar, doch da er nie in seiner Neugier nachließ, hätte man noch so viel mehr erwarten können. Sein letztes Bilderbuch, „Vollmond“, erscheint in wenigen Wochen, und die „Titanic“ belebte im vergangenen Jahr noch einmal für wenige Folgen das „Stille Blatt“, allerdings unter dem leider prophetischen Titel „Waechters letzte Witze“. Das war als Reaktion auf die Neubelebung der Konkurrenz von „Pardon“ gedacht, die natürlich wieder Waechters Teufelchen als Signet benutzten. Ob es dem grundgütigen Waechter recht gewesen ist, daß man sein Werk gegenseitig in die Kampfbahn schickte, werden wir nicht mehr erfahren.

Er starb in der Nacht auf diesen Freitag in Frankfurt am Main. Am Morgen, als die Nachricht dieses Todes sich durch den Freundeskreis verbreitete, werden viele die alten und die neuen Bücher herausgezogen haben. Jeder mag es tun. Denn das Lachen über Waechters Witz wird ihm den schönsten Gruß in jenen Himmel nachsenden, wo man schon begierig auf seine neusten Finessen wartet, die wir nicht mehr sehen dürfen.

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