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Neue Biographie der Dichterin : Die vielen Gesichter der Ingeborg Bachmann

Eine komplexe Identität zwischen Glanz und Verzweiflung

Für dieses Buch hat sie ein ambitioniertes Darstellungsverfahren gewählt, das sie selbst im Vorwort vielstimmiges biographisches Erzählen nennt - geboren aus der Not, einfach weil es so viele verschiedene Beschreibungen der Dichterin durch ihre Umwelt gibt, die sich vielfach widersprechen. Vielleicht kommt man auf diese Weise der Dichterin tatsächlich am nächsten. Schließlich hat sie zu der Verwirrung beigetragen, indem sie etwa peinlichst darum bemüht war, ihre Freundeskreise voneinander zu trennen.

Statt die Widersprüchlichkeit nun als Manko zu nehmen, arbeitet Stoll die Gegensätze heraus. Durch die Polyphonie der Stimmen, vielfach belegt durch private Korrespondenz, tritt eine komplexe Identität zutage: Wir begegnen einer selbständigen Frau, die ihre Rolle als Dichterin mit Eleganz und Grandezza ausfüllt, ebenso wie einem Menschen, dem das Martyrium ins Gesicht geschrieben steht, der unsicher ist, scheu und voller Zweifel. Immer wieder oszilliert das Bild zwischen der glanzvollen Erscheinung der Autorin, die Ansprachen zu Lage der Dichtung hält und als Covergirl der Gruppe 47 die Titelseite des „Spiegel“ ziert, und der anderen Existenz, die von Verzweiflung geprägt ist.

1959: Während Max Frisch in Zürich schmollt, ist Ingeborg Bachmann mit Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass unterwegs
1959: Während Max Frisch in Zürich schmollt, ist Ingeborg Bachmann mit Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass unterwegs : Bild: Bachmann-Erben

Denn der Preis für die selbstgewählte Freiheit war hoch. Nicht nur körperlich überforderte sich die Dichterin, die nachts schrieb, unentwegt unterwegs war, zwischen Lesereisen in der Bundesrepublik und ihrem Wohnort in Rom, Besuchen bei Paul Celan in Paris und Fluchten aus der Enge Zürichs, wo sie Ende der fünfziger Jahre mit ihrem damaligen Lebensgefährten Max Frisch lebte. Bachmann durchlitt körperliche Erschöpfungszyklen, von denen sie sich oft nur mühsam erholte.

Die Überforderung sollte zu dem verhängnisvollen Kreislauf aus Aufputsch-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln führen, die ihr letztes Lebensjahrzehnt überschatteten. Der Fokus ihres Bildes in der Öffentlichkeit, entschied Bachmann, sollte auf der historischen, intellektuellen und ästhetischen Dimension ihres Schreibens liegen. Dass die Dichterin manchmal nicht wusste, wie sie die Miete zahlen sollte, dass sie zwar ein teures Kostüm trug, ihr Kühlschrank aber leer war, ist die andere Seite.

Ihr Schreiben sei immer ein Schreibenmüssen gewesen

Sie selbst sprach von der „hundertfachen Hydra Armut“. Auch hier ließ sich der Zwiespalt zwischen dem inszenierten Bild der erfolgreichen Poetin und dem chronischen Geldmangel einer freien Autorenexistenz nur zeitweise überbrücken. Dass Bachmann jedenfalls nicht wie etwa Martin Walser oder Alfred Andersch auf der Grundlage eines Brotberufs als Rundfunkredakteurin oder Lektorin eine existentiell gesicherte Verbindung von Literatur und Leben gesucht hat, begründet Andrea Stoll mit der aus den Briefen abgeleiteten These, Bachmanns Schreiben sei immer ein Schreibenmüssen gewesen - jedenfalls aus der Perspektive der Autorin.

Indem Stoll aber gleichzeitig zeigt, welche ironische Distanz Bachmann mitunter zu ihrer Schriftstellerexistenz aufbauen konnte, zeichnet sie ein erheblich differenzierteres Bild einer Erfolgsautorin und ihrer Fassade im Literaturbetrieb. Schließlich konnte sich Bachmann an guten Tagen ein altes römisches Sprichwort zu eigen machen, dem zufolge der „zu straff gespannte Bogen zerspringt“. Bachmanns Ende jedenfalls erscheint in Stolls Buch auf keiner Seite als zwingende Folge einer Schriftstellerinnenexistenz jener Jahre. Und das ist vielleicht ihr größtes Verdienst.

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