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Neu übersetzte Klassiker : Alter Kunstwerkmeister, steh uns bei!

Eine der schönsten Überraschungen des Buchmarkts ist der Erfolg von neu übersetzten Klassikern. Welche Version dabei die bessere ist, ist oft mehr eine Geschmacks- als eine philologische Frage

          Die Probe auf die Qualität kommt schnell: „Suck is a queer word.“ 1914, als James Joyce seinen Roman „A Portrait of the Artist as a Young Man“ veröffentlichte, hatte dieser Satz aus dem Anfangskapitel einen harmloseren Sinn, als man heute vermuten könnte. Das weiß jeder Übersetzer. Aber das macht die Übertragung des Satzes ins Deutsche noch nicht leichter. Friedhelm Rathjen wählt in seiner gerade beim Manesse Verlag erschienenen Neuübersetzung: „Schmarotzer war ein komisches Wort.“ Klaus Reichert entschied sich vor genau vierzig Jahren für das eher ungebräuchliche „zutschen“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Bestimmung des geeigneten deutschen Worts für „suck“ muss nach zwei inhaltlichen Kriterien erfolgen. Zunächst wird Simon Moonan, ein Mitschüler von Stephen Dedalus, dem jungen Protagonisten von „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, so von seinen Kameraden genannt, weil er die Gunst des Präfekten genießt: „McGlades Schmarotzer“ oder eben „Zutscher“. Aber die eigentliche sprachliche Nagelprobe kommt erst zum Schluss der kleinen Episode. Da vergleicht Joyce den Klang von „suck“ mit dem Geräusch, das der Abfluss eines Waschbeckens nach dem Ablaufen von Wasser macht. Jeder kennt das Phänomen dieses saugend knappen Tons nach vorherigem Gluckern. Wenn Rathjen daraus „schmarotz“ macht, dann vollzieht er die Lautmalerei genauso nach wie Reichert mit „zutsch“. Aber für eine Wahl wie „schmarotz“ sind zudem vierzig Jahre Abstand und damit die Etablierung der durch die Comics popularisierten Lautmalereien in Form von verkürzten Verben („grübel“, „wimmer“) in der Alltagssprache nötig gewesen.

          Haben Übersetzungen nur eine Gültigkeitsdauer von zehn Jahren?

          Was aber ist besser? Das ist oft mehr Geschmacks- als philologische Frage. Sie stellt sich in letzter Zeit oft, denn wir erleben in Deutschland einen regelrechten Boom an Neuübersetzungen von Literaturklassikern. Wohlgemerkt: Neu-, nicht Erstübersetzungen. Also von Büchern, die wir auf Deutsch schon lesen konnten, teilweise seit mehr als hundert Jahren wie etwa „Madame Bovary“, die gerade von Elisabeth Edl noch einmal übersetzt wurde - nach etlichen Vorgängern seit 1858, wobei die letzte vor Edl erst 2001 erfolgte, durch Caroline Vollmann. Haben wir wirklich nur eine Gültigkeitsdauer von zehn Jahren bei der Übersetzung von literarischen Klassikern?

          Die Antwort auf diese Frage finden Sie in der heutigen Literaturbeilage dieser Zeitung, die einen eigenen kleinen Schwerpunkt fünf wichtigen Neuübersetzungen widmet: Edls Arbeit an Flauberts berühmtestem Roman, erschienen bei Hanser, Eva Hesses Lebensprojekt, die „Cantos“ von Ezra Pound ins Deutsche zu bringen (Arche), Alexander Nitzbergs Übersetzung von Bulgakows „Meister und Margerita“ (Galiani), Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ in der Übertragung von Werner Schmitz (Rowohlt) und Nathanael Wests „Miss Lonely Hearts“ in der von Dieter E. Zimmer (Manesse). Und das ist nur ein Teil der Flut solcher Neuübersetzungen. Rathjens Version von „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, Gontscharows „Oblomow“ von Vera Bischitzky (Hanser), Faulkners „Als ich im Sterben lag“ von Maria Carlsson (Rowohlt) oder Virginia Woolfs „Orlando“ von Melanie Walz (Suhrkamp) stammen gleichfalls aus diesem Jahr. Alle haben sie große Begeisterung ausgelöst.

          Altvertraute Titel geändert

          Und sie verkaufen sich gut. Der neue „Oblomow“ etwa ist kein billiges Buch; es kostet 34,90 Euro, ältere Übersetzungen des umfangreichen Werks gibt es schon für weniger als zehn, von preisgünstigen Angeboten in Antiquariaten ganz zu schweigen. Aber der Hanser Verlag, dem wir den neuen Trend verdanken (und auch große Teile seines Erfolgs), seit er vor zwölf Jahren Burkhard Kroebers Übertragung von Alessandro Manzonis „IPromessi Sposi“ herausbrachte und damit nicht nur den literarischen Anspruch, sondern auch sein bis heute gültiges Erscheinungsbild für die Klassiker-Neuübersetzungen festlegte - Dünndruck, Leineneinband, Fadenbindung, handliches Format, verstärkter Schutzumschlag -, hat richtig darauf spekuliert, dass sich qualitätsvoll produzierte Bücher gerade in Zeiten der wachsenden Konkurrenz durch elektronische Publikationen beim avisierten Publikum durchsetzen. Dieses Publikum ist ein bildungsbürgerliches, und man darf es in diesem Fall beruhigend nennen, dass es offenbar so leicht auszurechnen ist.

          Denn der Erfolg vor allem der Hanser-Neuübersetzungen, von Manzonis „Die Brautleute“ bis zu Gontscharows „Oblomow“, beweist, wie zahlreich und entdeckungsfreudig dieses Bildungsbürgertum geblieben ist. Es hätte sich ja auch mit den teilweise seit Jahrzehnten vertrauten Übersetzungen begnügen können. Aber zwei große Werkausgaben hatten in den neunziger Jahren gezeigt, dass selbst bei geradezu legendären Übersetzungsleistungen immer noch Raum für Verbesserungen besteht - und das es dafür eben auch ein Publikum gibt. Luzius Keller hatte für Suhrkamp die Übersetzung von Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ revidiert, und Swetlana Geier übertrug für den Ammann Verlag die wichtigsten Romane von Dostojewski neu ins Deutsche, obwohl es die selbst schon als klassisch geltenden Übertragungen von Elisabeth Kaerrick alias E.K. Rahsin gab. Dabei wurden auch auf Deutsch altvertraute Titel geändert: Bei Proust wurde „In Swanns Welt“ zu „Unterwegs zu Swann“. Aus „Schuld und Sühne“ wurde „Verbrechen und Strafe“, die „Dämonen“ hießen fortan „Böse Geister“. Das hätte sich Heimito von Doderer nicht träumen lassen, als er 1956 seinen eigenen Roman „Die Dämonen“ veröffentlichte - als explizite Hommage an und Konkurrenz zu Dostojewski.

          Ungewöhnliche Wortfindungen

          In der Reihe der Hanser-Neuübersetzungen finden sich seit 2000 gleich mehrere Bücher von Herman Melville (übertragen von Matthias Jenditz, Christa Schuenke, Daniel Göske und Michael Walther), aber auch Tolstois Hauptwerke „Krieg und Frieden“ (von Barbara Conrad) und „Anna Karenina“ (von Rosemarie Tietze), der „Don Quijote“ von Cervantes (von Susanne Lange), Stendhals „Rot und Schwarz“ sowie seine „Kartause von Parma“ (beide von Elisabeth Edl, die erst damit als Übersetzerin bekannt wurde) oder Romane von Mark Twain und Robert Louis Stevenson (jeweils von Andreas Nohl). Man erkennt ein Übergewicht an Frauen auf Übersetzerseite, und die schönen Bücher erfreuen auch vor allem Käuferinnen.

          Weitaus seltener als Romane werden große lyrische Werke wie nun Pounds „Cantos“ neu übersetzt; das entsprechende Publikum ist einfach zu klein. Aber an die Ilias in Raoul Schrotts Version hat sich Hanser in seiner Reihe ebenso gewagt wie an Emily Dickinsons Gedichte, die Gunhild Kübler übertragen hat. An der neuen deutschen „Bovary“ wird der Flauberts Original entsprechende Rhythmus der Sprache gelobt und Elisabeth Edls Suche nach poetischen Entsprechungen im Deutschen für ungewöhnliche Wortfindungen im Originale. Dabei genießt sie natürlich den Vorteil, dass bereits Vorarbeit geleistet wurde.

          Die heutigen Neuübersetzer stehen also auf den Schultern von Riesen, und das sind nicht nur die Autoren, sondern oft auch die Vorübersetzer. Deren Leistungen müssen geprüft und berücksichtigt werden. Das kommt zur normalen Übersetzerarbeit dazu, und deshalb kosten die großen Klassiker meist mehre Jahre Lebenszeit. Das könnten sich die Verlage gar nicht leisten, wenn es neben der großen Kaufbereitschaft der Kundschaft nicht auch Förderprogramme gäbe - durch den Deutschen Literaturfonds zum Beispiel, durch Stiftungen oder Übersetzungsinitiativen anderer Staaten.

          Und wie wählt man aus, was übersetzt wird? Beim „Porträt des Künstlers als junger Mann“ war das entscheidende Kriterium neben der Berühmtheit des Buchs der Ablauf der Schutzfrist siebzig Jahre nach dem Tod von Joyce: Seit 2011 ist sein Werk gemeinfrei, jeder kann es ohne Lizenz übersetzen. Aber nur wenige haben eine solche Befähigung dafür wie Friedhelm Rathjen, denn mit einem Könner wie Klaus Reichert muss man es erst einmal aufnehmen. Der letzte Satz des Romans ist wie ein Übersetzerstoßgebet: „Urvater, alter Kunstwerkmeister, leiste mir deine guten Dienste, jetzt und allezeit.“ Oder bei Reichert: „Urvater, uralter Artifex, steh hinter mir, jetzt und immerdar.“ Das ist ein weiterer Grund für den Erfolg von Neuübersetzungen: Es macht diebische Freude, sie mit den alten zu vergleichen.

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