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Neu übersetzte Klassiker : Alter Kunstwerkmeister, steh uns bei!

Denn der Erfolg vor allem der Hanser-Neuübersetzungen, von Manzonis „Die Brautleute“ bis zu Gontscharows „Oblomow“, beweist, wie zahlreich und entdeckungsfreudig dieses Bildungsbürgertum geblieben ist. Es hätte sich ja auch mit den teilweise seit Jahrzehnten vertrauten Übersetzungen begnügen können. Aber zwei große Werkausgaben hatten in den neunziger Jahren gezeigt, dass selbst bei geradezu legendären Übersetzungsleistungen immer noch Raum für Verbesserungen besteht - und das es dafür eben auch ein Publikum gibt. Luzius Keller hatte für Suhrkamp die Übersetzung von Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ revidiert, und Swetlana Geier übertrug für den Ammann Verlag die wichtigsten Romane von Dostojewski neu ins Deutsche, obwohl es die selbst schon als klassisch geltenden Übertragungen von Elisabeth Kaerrick alias E.K. Rahsin gab. Dabei wurden auch auf Deutsch altvertraute Titel geändert: Bei Proust wurde „In Swanns Welt“ zu „Unterwegs zu Swann“. Aus „Schuld und Sühne“ wurde „Verbrechen und Strafe“, die „Dämonen“ hießen fortan „Böse Geister“. Das hätte sich Heimito von Doderer nicht träumen lassen, als er 1956 seinen eigenen Roman „Die Dämonen“ veröffentlichte - als explizite Hommage an und Konkurrenz zu Dostojewski.

Ungewöhnliche Wortfindungen

In der Reihe der Hanser-Neuübersetzungen finden sich seit 2000 gleich mehrere Bücher von Herman Melville (übertragen von Matthias Jenditz, Christa Schuenke, Daniel Göske und Michael Walther), aber auch Tolstois Hauptwerke „Krieg und Frieden“ (von Barbara Conrad) und „Anna Karenina“ (von Rosemarie Tietze), der „Don Quijote“ von Cervantes (von Susanne Lange), Stendhals „Rot und Schwarz“ sowie seine „Kartause von Parma“ (beide von Elisabeth Edl, die erst damit als Übersetzerin bekannt wurde) oder Romane von Mark Twain und Robert Louis Stevenson (jeweils von Andreas Nohl). Man erkennt ein Übergewicht an Frauen auf Übersetzerseite, und die schönen Bücher erfreuen auch vor allem Käuferinnen.

Weitaus seltener als Romane werden große lyrische Werke wie nun Pounds „Cantos“ neu übersetzt; das entsprechende Publikum ist einfach zu klein. Aber an die Ilias in Raoul Schrotts Version hat sich Hanser in seiner Reihe ebenso gewagt wie an Emily Dickinsons Gedichte, die Gunhild Kübler übertragen hat. An der neuen deutschen „Bovary“ wird der Flauberts Original entsprechende Rhythmus der Sprache gelobt und Elisabeth Edls Suche nach poetischen Entsprechungen im Deutschen für ungewöhnliche Wortfindungen im Originale. Dabei genießt sie natürlich den Vorteil, dass bereits Vorarbeit geleistet wurde.

Die heutigen Neuübersetzer stehen also auf den Schultern von Riesen, und das sind nicht nur die Autoren, sondern oft auch die Vorübersetzer. Deren Leistungen müssen geprüft und berücksichtigt werden. Das kommt zur normalen Übersetzerarbeit dazu, und deshalb kosten die großen Klassiker meist mehre Jahre Lebenszeit. Das könnten sich die Verlage gar nicht leisten, wenn es neben der großen Kaufbereitschaft der Kundschaft nicht auch Förderprogramme gäbe - durch den Deutschen Literaturfonds zum Beispiel, durch Stiftungen oder Übersetzungsinitiativen anderer Staaten.

Und wie wählt man aus, was übersetzt wird? Beim „Porträt des Künstlers als junger Mann“ war das entscheidende Kriterium neben der Berühmtheit des Buchs der Ablauf der Schutzfrist siebzig Jahre nach dem Tod von Joyce: Seit 2011 ist sein Werk gemeinfrei, jeder kann es ohne Lizenz übersetzen. Aber nur wenige haben eine solche Befähigung dafür wie Friedhelm Rathjen, denn mit einem Könner wie Klaus Reichert muss man es erst einmal aufnehmen. Der letzte Satz des Romans ist wie ein Übersetzerstoßgebet: „Urvater, alter Kunstwerkmeister, leiste mir deine guten Dienste, jetzt und allezeit.“ Oder bei Reichert: „Urvater, uralter Artifex, steh hinter mir, jetzt und immerdar.“ Das ist ein weiterer Grund für den Erfolg von Neuübersetzungen: Es macht diebische Freude, sie mit den alten zu vergleichen.

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