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Neu: F.A.Z.-Romanatlas : Virtuelles Handgepäck für Weltenbummler

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Ob nach Dublin mit Joyce, nach Paris mit Dan Brown oder nach Calw mit Hesse: Wer reist, der liest - und wer liest, der reist. Von heute an präsentieren wir den F.A.Z.-Romanatlas im Netz. Gehen Sie mit unseren Autoren auf Reisen in die farbige Welt berühmter Romane.

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          Die Welt ist groß und voller reizvoller Flecken, aber wo ist es schon so außergewöhnlich, dass man es mit schöner Literatur nicht noch besser haben könnte? Selbst öde Orte werden durch die passende Lektüre plötzlich ansehnlich und hinterlassen einen intensivierten Eindruck. So hält schon der junge Werther „seinen Homer“ zwischen sich und die hessische Provinz und stellt plötzlich fest: Gar nicht so schlecht, dieser Sonnenuntergang - im Glanz der Odyssee. Auch Dublin muss man sich nicht unbedingt mit ortsüblichen Alkoholika schöner trinken, wenn man es sich auch schöner lesen kann, am besten natürlich mit James Joyces „Ulysses“, womit wir beim Bloomsday wären, jenem Urphänomen der literarischen Überblendung von Wirklichkeit und dem Urtyp der literarischen Städtereise.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

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          Man kann das, was sich da rings um den Liffey-Fluss am 16. Juni jeden Jahres abspielt, nur immer wieder bestaunen: Nach der Romanmode gekleidete Menschenmassen verfolgen den Anzeigenverkäufer Leopold Bloom in einem Zeitsprung auf seinem recht wahllosen Rundgang durch Dublin, würgen gefügig halbgare Nieren und andere Leibspeisen Blooms herunter (er hat fatalerweise einen Hang zu Innereien) und fallen abends betrunken mit ihm ins Bett, in der Gewissheit, dass die Literatur manchmal eben doch über das Leben dominiert und das erlebte Lesen alle Distanzen in Raum und Zeit aufhebt.

          Bild: FAZ.NET

          Kiloweise Romane im Gepäck

          Wer reist, liest - in der Regel wenigstens Ortsschilder, Reiseführer oder Krimis am Strand -, und wer liest, reist. Ein naives Reisen ist dabei wahrscheinlich ebenso unmöglich wie naives Lesen. Dem Reisen und dem Lesen haftet von vornherein etwas Sentimentales an, denn ziemlich sicher war die Welt früher noch schöner, verführerischer, aufregender, zumindest erweckt die Literatur immer wieder diesen Eindruck. Und möglicherweise befinden sich kiloweise Romane auch deswegen so oft im Reisegepäck, weil Lesen und Reisen - zusammen auf eine Ortsmarke konzentriert - Empfindungen in einer Weise steigert, die ein naives Erleben dann schon fast wieder möglich erscheinen lässt.

          Es waren Bücher wie Sternes „Sentimental Journey“ und Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, die Europas Blick auf die Natur und das Reisen geprägt haben, auch wenn das Lesen hier paradoxerweise oft gegen das wahre Erleben herabgesetzt wird. Auf die Spitze getrieben wird der Widerspruch zwischen Literatur und Leben - um bei den Seereisen zu bleiben - im „Alexis Sorbas“. Man kennt die Szene aus der Verfilmung von Michael Cacoyannis: Im Hafen von Piräus regnet es in Strömen, und als würde das Wetter die Überfahrt nach Kreta nicht schon genug erschweren, hat der Schriftsteller Basil nur das Wohl seiner unzähligen, tropfenden Bücherkisten im Kopf, die gerade linkisch verladen werden. Der Naturmensch Sorbas beobachtet das Schauspiel belustigt und fragt später einmal nach dem Nutzen all dieser Bücher, da sie Basil ganz erkennbar nicht dabei helfen, das Leben auf der schönen Insel zu meistern. Die Antwort, die Nikos Kazantzakis Basil in den Mund legt, ist eine Lektion für den welterfahrenen Sorbas und ein bestechendes Lob der Literatur: „Sie erzählen mir von den Leiden der Menschen, die deine Fragen auch nicht beantworten können.“

          Ziel- und Sehnsuchtsorte nach Wahl

          Schlecht wegzukommen scheint die Literatur als Anwendungsgebiet zunächst auch im „Don Quijote“, wo der ritterliche Ausritt zur „Aventiure“ - im Mittelalter die durch literarische Leitbilder kultivierte Reise schlechthin - dadurch persifliert wird, dass der Titelheld gegen Windmühlen anreitet, weil ihm seine exzessive Ritterromanlektüre die Wahrnehmung trübt. Andererseits beginnt er damit eine neue, moderne Aventiure, und wir Leser befinden uns mitten in einem Klassiker der Weltliteratur vor der grandiosen Landschaftskulisse der spanischen Mancha.

          Und wer sich von all diesen Argumenten für das literatur-intensivierte Reisen, das ja wiederum ein intensiviertes Leben ist, noch immer nicht beeindrucken lassen will, dem sei ein neues Lese-Reise-Angebot ans Herz gelegt, das wir von heute an auf unseren Internetseiten präsentieren: der F.A.Z.-Romanatlas, eine animierte Weltkugel, die sich um die Literatur dreht. Besucher können Ziel- und Sehnsuchtsorte ihrer Wahl anklicken, und dann in Reiseberichten, Autorenporträts, Reportagen oder anschaulichen Buchbesprechungen unseren F.A.Z.-Autoren interaktiv in die farbige Welt berühmter Romane folgen.

          Hier gibt es nicht nur ein Wiedersehen mit Bloom in Dublin, mit Sorbas auf Kreta und Quijote in Kastilien, es verschlägt uns auch auf die Aleuten, nach Patagonien, nach Island oder New York. Sei es ein bestimmter Autor oder ein besonderes Buch, dessen Spur verfolgt wird - immer geht es darum, die Wirklichkeit in der Literatur zu spiegeln, ob mit Lampedusas „Leopard“ auf den Straßen Siziliens oder bei einer „Sakrileg“-Führung durch Paris. Dabei handelt es sich bei dieser literarisch motivierten Weltenbummelei natürlich um ein work in progress - mit den Büchern und den Reisen wächst auch unser Romanatlas ständig weiter.

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