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Kermani über das Christentum : Vom heiligen Rom ins heilige Köln und wieder zurück

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Für Navid Kermani ist Caravaggios Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von 1595 ein Schlüsselwerk des Christentums. Bild: AKG

Evangelische Kirchentage sind unerotisch? Navid Kermani nähert sich dem Christentum über die bildende Kunst. Dabei übersieht er wichtige Dimensionen und offenbart pietistische Blockaden.

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          Unter den mir bekannten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart ist Navid Kermani der Einzige, bei dem ich das Wort „Abendland“ ohne ein Gefühl innerer Abwehr lesen kann. Denn dieser in Deutschland geborene Sohn iranischer Einwanderer weiß, dass Luthers Wort „Morgenland“ für die Region, aus der die Heiligen Drei Könige kamen, älter ist als das ihm nachgebildete Wort „Abendland“. Dieses Wort hat für ihn deshalb einen nachvollziehbaren Ort im Rahmen der west-östlichen Erkundungen, denen er die meisten seiner Schriften widmet.

          Der erste Schritt in der intellektuellen Biographie dieses außergewöhnlichen Homme de lettres bestand darin, dass er in der deutschen Literatur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts heimisch wurde. Die großen Werke zwischen Goethe und Kafka prägten seine geistige Welt. Erst von hier aus erschloss er sich den kulturellen und religiösen Reichtum seiner Herkunft – und zwar von dessen literarischer Seite aus, wie sein Standardwerk über die ästhetische Schönheit des Korans zeigt.

          Das Christentum von innen verstehen

          Seine west-östlichen Erkundungen bewegten sich nicht etwa vom Koran zu Kafka, sondern umgekehrt von Kafka zum Koran. Dieser Weg war für den Autor notwendig, um sich in einem nächsten Schritt dem Christentum zuzuwenden: Sein neues Buch als eine Abfolge von Meditationen „über das Christentum“ anzukündigen ist allerdings übertrieben. Der Autor hätte sich ruhig dazu bekennen können, dass er „über mein Christentum“ meditiert; häufig genug greift er in seinem Buch zu dieser Wendung. Untertrieben dagegen ist der Haupttitel. Denn es bleibt keineswegs beim „ungläubigen Staunen“.

          Kermani ist ein Wanderer zwischen den Glaubenswelten von Ost und West, der auf Schritt und Tritt eine wahre Leidenschaft für den Glauben zu erkennen gibt. Seine subjektive Sicht auf das Christentum ist deshalb auch dort sympathisch, wo man ihr widersprechen möchte. Denn er betrachtet das Christentum keineswegs nur von außen, sondern sucht es von innen zu verstehen.

          Die Kritik am Barbarischen läuft ins Leere

          Den Islam begreift er als Schriftreligion; dem Christentum dagegen nähert er sich über die bildende Kunst. Dafür wurden wichtige Weichen durch ein Stipendium der Villa Massimo in Rom gestellt. Die barocke Bildwelt, der er in dieser Zeit begegnete, veranlasste ihn zu einer Reihe von „Bildansichten“, die zunächst in der „Neuen Zürcher Zeitung“, dann in dem Romanwerk „Dein Name“ veröffentlicht wurden und nun ein drittes Mal aufgegriffen werden. Dass er in einer „Bildansicht“ zu einer Altartafel von Guido Reni die Darstellung des gekreuzigten Christus als blasphemisch bezeichnete, legte man ihm 2009 im Streit um den Hessischen Kulturpreis als Beleidigung des Christentums aus.

          Der diesjährige Friedenspreisträger Navid Kermani.

          Dass Kermani Renis Gemälde mit dem erstaunten Ausruf kommentierte, zum ersten Mal könne er selbst an ein Kreuz glauben, überlasen manche Kritiker. Deshalb entging ihnen auch die theologische Begründung: Hier leide Christus nicht, um Gott zu entlasten, sondern um der Klage einer verlassenen Schöpfung Ausdruck zu geben.

          Auch in seinem heute erscheinenden neuen Buch widmet Kermani dem Crucifixus von Guido Reni ein eigenes Kapitel. Doch die gerade referierten Überlegungen findet man dort nicht; sie sind vielmehr an eine ganz andere Stelle gerückt. Hier ordnet Kermani seine Kritik der christlichen Kreuzestheologie einer modernen Kreuzesdarstellung (ohne den Körper des Gekreuzigten) zu, die von dem Bildhauer Karl Schlamminger stammt. Dabei läuft die wörtlich aufgenommene Kritik, das Kreuz hypostasiere auf barbarische Weise den Schmerz, sei körperfeindlich und undankbar gegenüber der Schöpfung, ins Leere.

          Vieles tritt in den Hintergrund

          Überraschenderweise wiederholt Kermani angesichts dieses zeitgenössischen, im besten Sinn des Wortes abstrakten Kreuzes, was er an anderer Stelle mit dem Blick auf Renis gegenständliche Darstellung des Gekreuzigten aus dem siebzehnten Jahrhundert gesagt hatte: „Erstmals denke ich, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Ein aufmerksamer Kermani-Leser kann herausfinden, dass das doppelte „Erstmals“ durch „copy&paste“ zustande kam. Doch die Begründung wechselt. Das Kreuz, so heißt es nun, „steht nicht für die Inkarnation in nur einer Person, es steht für das Prinzip“.

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