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Friedenspreis für Kermani : Europas blutiger Zaun

West-östlicher Aufklärer: Der Autor und Orientalist Navid Kermani Bild: dpa

Navid Kermani erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er zeigt uns in seinem Werk, was kritische Intellektualität heute zu leisten hat und was sie bewirken kann.

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          Man kann das Werk von Navid Kermani nicht auf einen einzigen Satz zurückführen. Aber wenn man es könnte, dann müsste es wohl dieser Satz sein: „Religionen haben ihre Ästhetik.“ Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels des Jahres 2015 ist ein Gelehrter und ein Schriftsteller, ein Ästhet und ein Philosoph, ein Mann des Wortes und der Poesie. Navid Kermani ist aber auch ein Mann der Empirie, ein Reporter und Reisender, der die eigene Anschauung braucht, das Gespräch sucht und dafür weite Wege auf sich nimmt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem Band „Schöner neuer Orient“ (2003) versammelte Kermani „Berichte von Städten und Kriegen“ – so der Untertitel des Buches – aus Ägypten, Iran, Pakistan, Tadschikistan, Indonesien, Israel und Palästina. Zwei Jahre zuvor hatte er in „Iran. Die Revolution der Kinder“ eine Reise nach Offenbach beschrieben. Wieso Offenbach? Dort lebte die iranische Künstlerin Parastou Foruhar, deren Eltern am 22. November 1998 in Teheran von Mitarbeitern des iranischen Geheimdienstes umgebracht worden sind. Kermani ließ sich die Mordnacht in allen Details schildern, bis hin zu der Frage, wie oft und an welchen Stellen das Messer der Mörder in die Körper der Eltern eindrang. Dann fiel ein bezeichnender Satz: „Ich will jede Einzelheit wissen und frage oft nach, dabei schäme ich mich meiner Fragen.“

          Im Stacheldraht ihr Leben gelassen

          Erkenntnisdrang und Einfühlungsvermögen, Wissensdurst und Empathie, das sind Eigenschaften, die Kermanis Bücher prägen. Die Scham, die der Fragende empfindet, entspringt seiner Menschlichkeit, sie geht einher mit seiner Einfühlung in den Schmerz, an den er mit seinen Fragen rührt. Die Tochter antwortet, weil sie will, dass die Welt erfährt, was der iranische Staat ihren Eltern angetan hat.

          Warum will Kermani solch blutige Details wissen? Aus demselben Grund, aus dem er im Herbst 2005, als er die spanische Enklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste besucht, zu den Stacheldrahtzäunen fährt, die in der Nacht zuvor einige hundert Flüchtlinge erstürmen wollten, um auf europäischen Boden zu gelangen. Die meisten waren aufgehalten worden, einige wenige waren durchgekommen, und einige hatten im Stacheldraht ihr Leben gelassen. Kermani tritt an den Zaun und sieht, was sich ihm „stärker eingeprägt hat als alle Nachrichten von Flüchtlingskatastrophen seither, von zweihundert, vierhundert oder sechshundert Toten. Das sind nur Zahlen, wir sehen die Ertrunkenen ja nicht, kennen nicht ihre Geschichten. Deshalb vergessen wir diese Zahlen so schnell...“ Das Blut am Zaun, das „Blut an den Grenzen Europas“, lässt sich nicht so leicht vergessen.

          Politik ist ein synästhetischer Vorgang

          Empathie, Menschlichkeit, Solidarität, Moral und Verantwortung, das sind für Kermani Begriffe, die lebendig sind und ihre eigene Sinnlichkeit besitzen. Kermanis wacher Sinn für Unterschiede und Ambivalenzen, die man benennen muss, um sie aushalten zu können, speist sich aus der Konkretion. Auch Politik ist ihm ein synästhetischer Vorgang. Mag sein, dass diese Sichtweise auf seine islamwissenschaftlichen Studien zurückgeht, mit denen der Orientalist sich großes Ansehen erworben hat. Sie stehen am Beginn einer langen Reihe von mittlerweile fast zwei Dutzend Büchern und zahlreichen Reportagen, Berichten und Kommentaren, von denen viele in dieser Zeitung erschienen sind und in denen Kermani seine zentralen Themen auf unterschiedlichste und mitunter unerhört neue Weise behandelt hat.

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