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Napoleons Russland-Feldzug vor 200 Jahren : Kälter als der Tod

Der Erhabene oder der Lächerliche? Napoleon auf der Anhöhe von Borodino, wie Wassili Wassilijewitsch ihn 1897 malte Bild: akg-images

Eine Million Opfer: Zwei neue Bücher erforschen den grausam gescheiterten Feldzug Napoleons nach Russland im Jahr 1812. Lange Zeit galt er als Inbegriff eines militärischen Debakels.

          Der 6. Dezember 1812 war ein guter Tag zum Sterben in der Ebene westlich der weißrussischen Kleinstadt Molodetschno, auf halber Strecke zwischen Smolensk und Wilna, wo sich die Überlebenden der Grande Armée ein sicheres Quartier nach sechs Wochen Strapazen erhofften. Am Abend zuvor hatte sich ihr Anführer in aller Stille von seinen Generälen verabschiedet, um in der kaiserlichen Kutsche nach Paris vorauszufahren. Das Bulletin, das nach Napoleons Ankunft veröffentlicht werden sollte, lag schon bereit; es endete mit den Worten: „Die Gesundheit Seiner Majestät war nie besser.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Davon konnte bei seinen Truppen keine Rede sein. Am Morgen zeigte das Thermometer des Armeearztes Lagneau 37 Grad unter null. Als die Sonne über der Schneewüste aufging, sahen die um ihre Biwakfeuer gekrümmten Soldaten, wie das ganze Land bis zum Horizont rubinrot zu schimmern begann. Die Kälte hatte den Nebel in der Luft zu winzigen Eissplittern gefrieren lassen, die die Gesichter der Menschen und Tiere blutig schnitten, sobald der leiseste Windhauch ging. Der Speichel der Pferde fror an den Mäulern zu langen Eiszapfen, während die Marschierenden ihre vereisten Wimpern mit den Fingern zusammendrücken mussten, um wieder sehen zu können. Viele wurden schneeblind. Andere starben aufrecht an Baumstämmen und Kanonen, wo sie Wache gehalten oder eine Stütze gegen die Müdigkeit gesucht hatten.

          Kollaps im Frost

          Doch dieser Tod war nicht der schlimmste. Heinrich von Brandt, ein deutscher Hauptmann in der polnischen Weichsellegion des kaiserlichen Heeres, sah, wie Männer im Gehen von der Kälte buchstäblich niedergestreckt wurden. „Sie verlangsamten ihre Schritte, torkelten wie Betrunkene und fielen dann“, wobei ihnen Blut aus Mund und Nase, Augen und Ohren lief. Andere gerieten in jenen Zustand des Außersichseins, für den in den Vernichtungslagern des 20. Jahrhunderts der Begriff des „Muselmanns“ geprägt wurde - apathisch, empfindungslos, ausgezehrt, mit starren, leeren Augen, hatten sie jedes Gefühl für sich selbst und ihre Umgebung verloren. „In der Menge, in der sie in tiefstem Schweigen wie die Automaten mitliefen, konnte man sie sofort erkennen.“ Einige liefen geradewegs in die Lagerfeuer oder versuchten sogar, sich zum Schlafen hineinzulegen.

          So endete der Russlandfeldzug der Großen Armee, der gut fünf Monate zuvor mit schmetternden Fanfaren und blendender Siegeszuversicht am Grenzfluss Njemen - der deutschen Memel - begonnen hatte. Es war die größte Truppenkonzentration, die die Welt bis dahin gesehen hatte, und die internationalste: Italiener, Spanier, Portugiesen, Polen, Österreicher und Schweizer dienten in ihren Reihen. Dazu kamen die Kontingente der deutschen Verbündeten Napoleons: Preußen, Sachsen, Hannoveraner, Württemberger, Bayern, Hessen, Westfalen und andere mehr. Von den (je nach Zählung) fünf- bis sechshunderttausend Mann, die Ende Juni den Njemen oder weiter südlich den Bug überschritten, stammte nur etwa die Hälfte aus Frankreich selbst. Die wenigsten von ihnen kamen zurück.

          Der Untergang der Grande Armée

          Die Hauptarmee, die von Moskau über Smolensk und die Beresina zurückgeflutet war und dabei laufend Verstärkungen aufgesogen hatte, zählte Ende Dezember noch zwanzigtausend Kämpfer. Bei den zur Flankendeckung aufgestellten Hilfskorps, zu denen die Preußen unter dem Kommando Yorcks und die Österreicher unter Schwarzenberg zählten, gab es etwa doppelt so viele Überlebende. Hunderttausend Soldaten fielen in russische Gefangenschaft, aus der ein Fünftel von ihnen zurückkehrte.

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