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Namensforschung : Herr Angermann wohnt am Anger

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Die meisten Namen sind eher banal. 9,5 Prozent der Deutschen heißen Müller, 0,8 Prozent Jäger. Müller ist damit auf Platz eins der Häufigkeitsliste, Jäger auf Platz 60. Aber schon das lehrt uns, daß es bei unseren Ahnen im Spätmittelalter viel Brot und wenig Wildbret zu essen gab. Müller und Jäger sind sogenannte Berufsnamen wie Schmidt, Köhler und Fischer. Schröder ist auch ein Berufsname, aber hier wird es schon komplizierter. Der norddeutsche Name Schröder bedeutet Schneider, der süddeutsche so etwas wie Bierkutscher. Aus diesem Beispiel lernt man gleich zweierlei: Erstens kommt es auf die Herkunft des Namens an. Zweitens ist man manchmal auf fachmännischen Rat angewiesen, sonst verpaßt man eventuell wichtige Feinheiten.

Detektivarbeit vonnöten

Außer den Berufsnamen gibt es die „Rufnamen“ wie Ullrich, Christiansen und Carstensen, die aus dem Vornamen eines Urahns entstanden sind. Um ihre Bedeutung zu entschlüsseln (wenn man das denn will), muß man sich ein gutes Vornamenbuch kaufen. „Herkunftsnamen“ wie Thüring oder Berliner entstanden natürlich gerade, wenn jemand nicht mehr in Thüringen oder Berlin wohnte. Namen dienen schließlich der Unterscheidung. Wenn daraus dann noch Döring und Berling wurde, dann ist bei der Deutung schon einige Detektivarbeit vonnöten. Für einen „Wohnstättennamen“ mußte man hingegen nicht umziehen. Herr Angermann wohnte am Anger und Herr Ende am Ende des Dorfs.

Besonders faszinierend sind die „Übernamen“. Das sind Namen, die körperliche oder psychologische Eigenschaften des Trägers beschreiben. Schiller, Scheel oder Schily nannte man zum Beispiel jemanden, der schielt. Die Herren Pfannkuchen und Guckinsglas neigten zu übermäßigem Konsum von Nahrungs- und Genußmitteln. In diesem Bereich gibt es leider aufgrund der Veränderung der Sprache im Laufe der Zeit viele Möglichkeiten, etwas mißzuverstehen. Ein Ficker war seinerzeit einfach ein leicht aufzuregender Mensch. Das Wort fickerig steht immer noch mit der Bedeutung „nervös, unruhig“ im Duden. Zum Glück können weniger starke Charaktere solche peinlichen Namen relativ einfach ändern lassen. Der umgekehrte Fall, daß jemand seinen Namen in Ficker ändern will, dürfte allerdings auf geringes Verständnis bei der deutschen Obrigkeit stoßen.

Wertvolle Hinweise von der Telefon-CD-ROM

Damit sind wir auch schon am Schluß des Buchs angelangt. Hier gibt Professor Udolph konkrete Hilfestellung bei der Namensdeutung. Er beschreibt das sinnvolle Vorgehen und erforderliche Hilfsmittel. Er liefert Listen von guten Websites und Büchern. Ein Geheimtip ist eine bestimmte Telefon-CD-ROM von 1998. Diese hat eine Funktionalität, die es heute aus irgendwelchen rechtlichen Gründen nicht mehr gibt: Man kann zu jedem verzeichneten Namen eine kartographische Darstellung der regionalen oder auch deutschlandweiten Verbreitung erstellen. Daraus können sich wertvolle Hinweise ergeben.

In einem Anhang, bei dem ein Jurist mitgearbeitet hat, erfahren wir noch etwas über das Namensrecht. Welche Namen sind zulässig? Wann kann man einen Namen ändern? Hier ist auch viel von Vornamen die Rede. Man darf seine Tochter Bavaria, Tamy Sarelle, Annechien ten Dornkaat oder Azalee, aber nicht Borussia oder Möwe nennen. Bei einem Sohn ist Jesus Maria oder Speedy erlaubt, hingegen nicht Stompie, Verleihnix, Pfefferminze, Lord, Professor oder Mechipchamueh. Bis zu fünf Vornamen hintereinander wie zum Beispiel in einem konkreten Fall Chenekwahow Migiskau Kioma Ernesto Tecumseh sind zulässig. Wenn Sie mich fragen: Ernesto ist ein schöner Name, die anderen kann er ja weglassen. Das ist ganz legal.

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