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Zum Tod von Erasmus Schöfer : Und was machen wir dagegen?

Der Schriftsteller Erasmus Schöfer, aufgenommen 1986 Bild: Brigitte Friedrich

Seine Romane und Gedichte sollten immer helfen, die Welt zu verändern – und waren ihm doch nie nur Mittel zum Zweck. Ein Nachruf auf Erasmus Schöfer.

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          Vor mehr als zehn Jahren gab Erasmus Schöfer, der Verfasser der großen Romantetralogie „Die Kinder des Sisyfos“ über Leiden und Lehren der Linken, eines Werkes, das im Jahr 2008 (nach „Ein Frühling irrer Hoffnung“ von 2001, „Zwielicht“ von 2004 und „Sonnenflucht“ von 2005) mit „Winterdämmerung“ zum Abschluss gelangt war, in einer Kölner Kneipe einem Jüngeren den Rat, dieser solle keinen Brotberuf zur ökonomischen Stabilisierung seiner Schriftsteller­tätigkeit ausüben, sondern sich aufs Dichten konzentrieren. Ein anderer, der mit am Tisch saß, warf ein: „Das ist dann vielleicht sogar für die Karriere besser, man konzentriert die Kräfte.“ Schöfer winkte ab: „Es geht mir ums Schreiben. Mit Karriere hat das nichts zu tun.“ Wer so denkt, erreicht kaum je viele Leserinnen und Leser, denn das Massenpublikum ist heute an analoge wie digitale Werbe- und Verwertungskreisläufe angeschlossen, die wenig anderes zulassen als auf klare Karrierepfade festgelegte Werkspuren.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Erasmus Schöfer konnte zwar, wie sein großes Quartett beweist, langfristig planen und denken, aber um keinen Preis als Selbstvermarkter auf der schmalen Treppe zum Erfolg. Lieber fing er jeden Tag neu an, als hätte er sich eben erst zu diesem seltsamen Beruf entschlossen – „er war ein Morgenmensch“, heißt es in seinem Erzählessay „Der gläserne Dichter“ (2010), weil jeder junge Morgen „das noch unangefochtene Versprechen enthält“, es könnte ein „schöpferischer Tag“ werden, mit „Weltwanderungen am Schreibtisch“ und, allen politischen Scheußlichkeiten ringsum zum Trotz, auch immer neuen Chancen für „lauter ewige Lieben“, wie der Untertitel zu einem späten Gedichtzyklus heißt.

          Werke bleiben, Anekdoten auch: Einmal saß ich auf einem Podium, Anlass war ein sozialistisches Pressefest, und man besprach Aussichten auf Sorgen, Krieg und Unrecht, bis die Blicke im Publikum glasig wurden und viele die Köpfe senkten. Da stand dort unten Schöfer auf und stellte die erste Frage: „Gut, und was machen wir dagegen?“ Es war das Motto seines Lebens. Jetzt ist Erasmus Schöfer im Alter von 91 Jahren gestorben.

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