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Wer war Yahya Hassan? : Ich bin die wandernde Zielscheibe

Der dänisch-palästinensische Dichter Yahya Hassan im November 2019 bei der Buchmesse in Kopenhagen Bild: AFP

Yahya Hassan, dänischer Dichter palästinensischer Herkunft, wurde gefeiert. Und hatte zugleich das Talent, sich alle Welt zum Feind zu machen. Jetzt wurde er beerdigt. Sein früher Tod wirft weiterhin Fragen auf.

          6 Min.

          Der dänisch-palästinensische Dichter Yahya Hassan wurde mit achtzehn berühmt und starb mit vierundzwanzig. Seine Mutter, heißt es, fand ihn am 29. April leblos in seiner Wohnung in Aarhus, in Trillegården, nicht weit entfernt von dort, wo er 1995 geboren wurde. Vergangene Woche hat man ihn auf dem Friedhof in Aarhus beigesetzt, 400 Menschen kamen trotz Corona, der Imam Abu Khaled, ein Onkel von Yahyas Mutter, stand vor dem Sarg, vor allem junge Männer standen um den Sarg herum. Und wenn man sich die Fotos anschaut, die von der Beerdigung veröffentlicht wurden, irritiert vor allem die so selbstverständlich gefeierte religiöse Zeremonie, die sie zeigen. Yahya Hassan hat Gedichte geschrieben, die mit allem abrechneten, auch mit dem Islam, den er, so, wie er in seinem Umfeld praktiziert wurde, als Heuchelei empfand. Die Botschaft der Beisetzung schien dazu einfach nicht zu passen.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Noch weniger allerdings passte dazu das Video, das seine Mutter schon am 30. April auf Facebook teilte. Es zeigte Yahya Hassan zusammen mit seinem Großonkel, dem Imam. Zunächst wechseln sie Worte auf Arabisch, dann fügt Hassan auf Dänisch hinzu: „Allen, die vielleicht Zweifel hatten, ob Yahya den Islam verlassen hat oder vom Islam abgefallen war, möchte ich gerne sagen, davon war zu keinem Zeitpunkt die Rede. Ich bin als Muslim geboren und werde als Muslim sterben.“ In Dänemark ist seither ein letzter Streit um den charismatischen, kriminellen, hochintelligenten Dichter entbrannt. In einem Interview erklärte der Großonkel, das Video sei im November 2019 entstanden. Yahya habe ihn angerufen und ihm gesagt, er habe eine Botschaft, die er übermitteln wolle. Die einen verstehen diese Botschaft nun als sein Vermächtnis. Die anderen sehen in ihr eine Vereinnahmung, jetzt, wo er sich nicht mehr wehren kann, und berühren damit einen empfindlichen Punkt: Yahya Hassans Kampf bestand gerade darin, nicht vereinnahmt werden zu wollen. Von niemandem.

          Begonnen hat alles im Oktober 2013, als in Dänemarks renommiertem Literaturverlag Gyldendal sein erster Gedichtband erschien. Kurz vorher veröffentlichte die Zeitung „Politiken“ ein Interview mit ihm unter dem Titel „Ich bin fucking wütend auf die Generation meiner Eltern“. Martin Krasnik, heute Chefredakteur der Wochenzeitung „Weekendavisen“, lud den damals 18-Jährigen in seine Fernsehsendung „Deadline“ ein, wo er ein Langgedicht aus seinem Buch vorlas, unter anderem die Passage „ICH PISS AUF ALLAH UND SEIN GESANDTEN UND AUF ALLE SEIN NUTZLOSE JÜNGER“. Sofort gingen auf Facebook so viele Drohungen gegen Hassan ein, dass er nicht mehr in sein Zimmer im Kopenhagener Stadtteil Brønshøj zurückkonnte. Er traf sich am nächsten Vormittag mit Martin Krasnik in einem Café, sie kauften eine große Strickmütze, um Yahyas Haarpracht zu verstecken, und gingen nach Hause zu Krasnik und seiner Familie, wo Yahya die nächsten zwei Monate wohnte.

          „Yahya Hassan: Gedichte“ wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher der dänischen Literaturgeschichte und, unter anderem, auch ins Deutsche übersetzt. Es begann mit brutaler Gewalt, der Züchtigung der Kinder durch den Vater, „FÜNF KINDER IN AUFSTELLUNG UND EIN VATER MIT KNÜPPEL“; schilderte die ersten eigenen kriminellen Erfahrungen, dann die Gewalt des Systems der dänischen Sozialpolitik. In Großbuchstaben schrie Hassan seine Verse heraus, mischte Rap und Koran-Rezitation, den Slang der Straßengangs und die Sprache der Bürokraten in seinem auf diese Weise völlig eigentümlichen Dänisch – und wurde überall gelobt. „Indem Hassan die machistischen Renommierposen, Schreie und Flüstern, die Flüche und Obszönitäten aufgehen lässt im interpunktionslosen Fluss der Großbuchstaben“, schrieb in Deutschland der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, „schafft er eine Distanz zum Geschehen und zu der Figur, die ich sagt. So wird, was immer der Sprecher an sexistischen und rassistischen Ressentiments, an Hass auf Israel und auf die eigene Herkunft formuliert, vom Schreiber weder geteilt noch verurteilt.“ Dabei deutete Detering den überwältigenden Erfolg als Hoffnungszeichen dafür, dass diese Schreibkunst zur Überwindung dessen beitrage, was sie so drastisch zeige.

          Beisetzung von Yahya Hassan am 5. Mai 2020 in Aarhus mit Abu Khaled, dem Imam und Großonkel von Yahya Hassan.
          Beisetzung von Yahya Hassan am 5. Mai 2020 in Aarhus mit Abu Khaled, dem Imam und Großonkel von Yahya Hassan. : Bild: AP

          Gleichzeitig geriet Hassan zwischen alle Fronten: Radikale Islamisten bedrohten ihn. Rechte Politiker zitierten seine Gedichte als Beweis dafür, dass Leute wie er nicht nach Dänemark passten. Linke warnten vor seinen Texten, weil sie der anderen Seite als Beleg für deren islamfeindliche Positionen dienten. Yahya Hassan, der vom Staat Schutz bekam – der dänische Inlands-Sicherheitsdienst PET nahm die Morddrohungen aufgrund der Erfahrungen mit den Mohammed-Karikaturen ernst –, erklärte, dass an die Stelle des schlagenden Vaters, der Sonderpädagogen und Gefängnispsychiater jetzt eben der Personenschutz getreten sei, und brachte zum Ausdruck, dass er die Rechtspopulisten und die Islamisten gleichermaßen verachte.

          Als der Personenschutz wieder abgezogen wurde, lief er selbst schwerbewaffnet und mit schusssicherer Weste herum. Es folgten Facebook-Videos, in denen er, eine Rolex-Uhr am Handgelenk, mit Geldbündeln wedelte. 2016 wurde er wegen schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen, weil er einem 17-Jährigen in den Fuß geschossen hatte, der ihn provoziert hatte. Es war einer von 35 Anklagepunkten – darunter Verstöße gegen das Kontaktverbot zu einer Frau, mit der er eine Beziehung gehabt hatte. Das Urteil: ein Jahr und neun Monate Haft. Früher hatte er bereits einmal in einer Besserungsanstalt für Jugendliche gesessen.

          „Es gab in der Zeit vor der Verurteilung definitiv ein Bedrohungsbild, das nicht rein paranoid war, gleichzeitig drohte er im Internet und im wirklichen Leben selber physische Gewalt an – und übte sie aus. In seinen Worten: ,ICH BIN DIE WANDERNDE ZIELSCHEIBE / DIE ZURÜCKSCHIESST‘“, sagt Hannes Langendörfer, der als literarischer Übersetzer aus dem Dänischen in Berlin lebt und Yahya Hassans Werk und Leben genau kennt. Bei vielen sei das auf Unverständnis gestoßen: „Yahya hatte es doch geschafft, hatte Erfolg, auch finanziellen, den renommiertesten Verlag Dänemarks im Rücken, warum verplemperte er nur derart sein Talent?“

          Der „Vorzeigekanake“

          Langendörfer hat bei einem Treffen in Charlottenburg Hassans zweiten, im November 2019 erschienenen Gedichtband dabei, den es bisher nur auf Dänisch gibt. Der Ullstein-Verlag, der sein erstes Buch in Deutschland veröffentlicht hat, plant nicht, wie der Verlag mitteilt, auch das zweite zu übersetzen. Man kann nur hoffen, dass es woanders erscheint. Denn für Werk und Leben des so früh gestorbenen Dichters ist es wie ein Schlüssel. Es beginnt genau da, wo sein Erfolg als Dichter einsetzte, mit dem Höhenflug, der für ihn von Beginn an vergiftet war. Das stecke, sagt Langendörfer, gleich im Titel des ersten Kapitels: „Praemieperker“: „Perker“ sei ein schwer übersetzbares Wort für „Perser“ und „Türke“, am ehesten vergleichbar mit „Kanake“. Und „Praemieperker“ stehe für den „Vorzeigekanaken“, der es zu etwas gebracht hat und der weißen Mehrheitsgesellschaft als Erfolgsmaskottchen dient.

          „Verlagstreffen“, so Langendörfer, heißt das erste Gedicht, in dem zwei Lebenswelten unversöhnlich aufeinanderprallen: Yahya Hassan ist auf dem Weg zu seinem Verlag, um sich mit seinem Lektor Simon Pasternak zu treffen, gelangt aber gar nicht in die heiligen Hallen, weil zwei Polizisten ihn stoppen, seine Personalien überprüfen und ihn einer Leibesvisitation unterziehen. Sein „Ich bin Dichter“ kontern sie mit „Du bist Krimineller“. „DICHTERLESUNG IM GHETTO / FLUGVERBOT / BOMBENHUNDE UND BARRIKADEN / POLIZISTEN IN KAMPFMONTUR AUF DER STRASSE / UND SCHARFSCHÜTZEN AUF DEM DACH“, heißt es in einem Gedicht über eine Lesung im Vorort Vollsmose, die 2013 unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand. Besonders stark, so Langendörfer, sei die Wendung am Schluss. Der Sohn palästinensischer Flüchtlinge findet Schutz bei einem jüdischen Intellektuellen: „ICH LIEGE IN EMBRYOSTELLUNG / IN MARTIN KRASNIKS KINDERBETT / HINTER DER KLEINEN TOILETTE / ICH VERSTECK MICH VERDAMMT NOCH MAL BEI EINEM JUDEN“.

          Telefonanruf aus der Psychiatrie

          Bei Martin Krasnik meldete sich Yahya Hassan auch kurz vor der Veröffentlichung von „Yahya Hassan 2“ im November telefonisch aus der psychiatrischen Anstalt in Aarhus, in die er sich, wie er sagte, hatte einweisen lassen. Er sei kurz davor gewesen, mit einem Küchenmesser in der einen und einem Nudelholz in der anderen Hand über seinen Bruder herzufallen, habe sich besonnen und zum Hörer gegriffen: „Kommt und holt mich ab.“ Krasnik erzählt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass Hassans Psychosen vom Drogenkonsum kamen, vor allem vom Kokain. „Er war in schlechtem Zustand, wild darauf, seine neuen Gedichte veröffentlicht zu sehen, zugleich konnte er das Leben als Literaturstar seit Erscheinen des ersten Bandes nicht ertragen. Er war wirklich zwischen zwei Welten gefangen“, sagt Krasnik, der zu jenen gehört, die die religiöse Botschaft seiner Beerdigung skeptisch sehen: „Ich bin mir sicher, dass er seine Gedichte nicht bereute.“

          Zugleich gibt es in den Gedichten aber diese permanente Ambivalenz, auf die auch Langendörfer hinweist: Yahya Hassan schmähte den Koran – sagte im selben Atemzug aber: Ich bin auch davon geprägt. „ICH WERDE ZWISCHEN ZWEI MACHTSTRUKTUREN ZERQUETSCHT / (. . .) ICH STRÄUBE MICH MIT HÄNDEN UND FÜSSEN“, heißt es im neuen Band, der für den bedeutendsten skandinavischen Literaturpreis nominiert ist.

          Keine äußere Gewaltanwendung

          Über seinen Tod weiß man bisher nur, dass er nicht durch äußere Gewaltanwendung verursacht wurde. Sein Lektor Simon Pasternak erzählt, dass er Yahya zuletzt auf der Buchmesse in Kopenhagen gesehen habe. Es sei das einzige Mal gewesen, dass er aus dem neuen Gedichtband vorlas. „Das Publikum war sehr ergriffen, obwohl die Texte sehr schwarz und gnadenlos sind, es war eine eigenartige Stimmung. Später haben wir mit seinem Bruder Abdullah gegessen, haben uns umarmt und Auf Wiedersehen gesagt. Seitdem haben wir uns nur getextet, das letzte Mal eine Woche vor seinem Tod.“

          „Er war“, sagt er im Gespräch, „eine ganz neue und laute Stimme in der dänischen Literatur, die uns erzählte, dass alles, was wir über die Welt dachten, falsch war. Dass unsere Weltmodelle auf Lüge, Gewalt und Disziplin beruhen. Er hat ganz Dänemark kritisiert, erst durch eine Beschreibung der Gewalt und der Heuchelei in dem Milieu, in dem er aufgewachsen war, später durch eine Beschreibung des sogenannten Wohlfahrtssystems mit seinem eingebauten Rassismus. Schließlich revoltierte er gegen die wohlmeinende kulturelle Mittelschicht, die sein ,ethnisches‘ Talent liebte und ihn vereinnahmen wollte.“ Aber Yahya Hassan gehörte niemandem. Davon erzählen seine Gedichte.

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