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Der Papst in der Diktatur : Mutmaßungen über Pater Bergoglio

  • -Aktualisiert am

Ein Weg mit Brüchen und Wandlungen: der frühere Kardinal Jorge Mario Bergoglio und heutige Papst Franziskus Bild: dpa

Wie hat sich der heutige Papst als Provinzial der Jesuiten während der argentinischen Militärdiktatur verhalten? Zwei Bücher suchen mit unterschiedlichem Ergebnis Antworten auf eine brisante Frage.

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          Als der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Kardinal Bergoglio, im März 2013 in Rom zum Papst gewählt wurde, zeigten sich die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und etliche ihrer Regierungsmitglieder und Gefolgsleute konsterniert oder gar entsetzt. Kirchner schrieb Franziskus einen eiskalt bürokratisch formulierten Glückwunschbrief. Ausgerechnet Bergoglio, der geistliche Oberhirte Argentiniens, den sie und ihr inzwischen verstorbener Ehemann und Vorgänger im Präsidentenamt zu ihrem Erzfeind erkoren hatten, vor allem weil er ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor aller Öffentlichkeit ins Gewissen zu reden pflegte, war Papst geworden!

          Die Verärgerung von Bergoglios damaligen Gegnern in Argentinien über die Papstwahl war allzu deutlich spürbar. Umso verwunderlicher wirkte die radikale Kehrtwendung wenige Tage später hin zu nahezu uneingeschränkter Bewunderung für das neue Oberhaupt der katholischen Kirche. Die Präsidentin nahm an der Amtseinführung in Rom teil und ließ sich von Franziskus in Privataudienz empfangen. Wie das? Cristina Kirchner hatte erkannt, dass es kontraproduktiv war, weiter auf Konfliktkurs mit dem nun an die Spitze der weltumspannenden Religionsgemeinschaft gewählten argentinischen Kirchenmann zu bleiben. Außerdem begann der Charme der völlig ungewohnten, Bescheidenheit und Volksnähe demonstrierenden Gesten des neuen Papstes seine Wirkung zu entfalten.

          Wandlung zur Barmherzigkeit

          Postwendend machten es die anfänglichen Franziskus-Kritiker in Argentinien der Präsidentin nach, wurden zu Sympathisanten des Papstes und machten ihm reihenweise ihre Aufwartung. Zugleich mit dieser wundersamen Wandlung wurden aber auch immer deutlicher Vorbehalte gegen den Papst vom Río de la Plata laut, vor allem als schon früher geäußerte Mutmaßungen über sein mögliches Fehlverhalten während der Militärdiktatur (1976 bis 1983) hochkamen und neue akribische Nachforschungen die Bedenken zu bekräftigen schienen. Es ging dabei vor allem um den Fall der beiden Jesuitenpatres Orlando Yorio und Franz Jalics, die im Mai 1976 vom Militär verschleppt und fünf Monate lang widerrechtlich in Folterhaft festgehalten worden waren.

          Die beiden Patres, die mit der Befreiungstheologie sympathisierten, arbeiteten als Seelsorger in einem Elendsviertel in Buenos Aires. Davon hatte Bergoglio sie abbringen wollen. Er hatte von ihnen verlangt, sich zwischen Jesuitenzugehörigkeit und ihrer Armengemeinde zu entscheiden. Sie behaupteten, ausgeschlossen worden zu sein, er hingegen, sie seien ausgetreten. Er habe ihnen schlechte Zeugnisse ausgestellt, hieß es, und kundgetan, sie eigneten sich nicht für das Priesteramt. Deshalb seien sie schutzlos dem Zugriff der Schergen der Diktatur ausgeliefert worden. Andererseits sind Hinweise darauf bekanntgeworden, dass Bergoglio sich für ihre Freilassung eingesetzt und zahlreiche seiner Landsleute mit stiller Diplomatie aus den Klauen des Vernichtungsapparates befreit oder ihre Ausreise ins Exil organisiert habe.

          Jorge Mario Bergoglio in früheren Jahren (undatiertes Foto)
          Jorge Mario Bergoglio in früheren Jahren (undatiertes Foto) : Bild: REUTERS

          Der britische Autor Paul Vallely hat sich in seinem im englischsprachigen Raum fast schon zum Klassiker gewordenen, jetzt auf Deutsch erschienenen Franziskus-Buch bemüht, die offensichtlichen und scheinbaren Widersprüche in der Vita des Papstes aufzuklären und aufzulösen. Das ist ihm auch weitgehend gelungen, weil er die Entwicklung der Persönlichkeit des Gottesmannes als einen von Brüchen und Kehrtwendungen durchzogenen komplexen Prozess begreift.

          Bergoglio hat sich nach Vallelys Darstellung von einem autoritären, konservativen katholischen Priester, der die Befreiungstheologie entschieden ablehnte, gleichwohl die Fürsorge für Arme grundsätzlich nicht in Frage stellte, erst recht spät zu jener weltoffenen, fast jovialen, Randgruppen der Gesellschaft wie auch anderen Religionen zugewandten Figur entwickelt. Selbst als er 1992 Weihbischof von Buenos Aires wurde, hatte er noch an seinem herrschsüchtigen Gebaren festgehalten. Die entscheidende Wandlung zum milden und seinen Landsleuten Barmherzigkeit vorlebenden Kirchenmann hat der Darstellung Vallelys zufolge erst seine Berufung 1998 zum Erzbischof und späteren Kardinal der argentinischen Hauptstadt gebracht.

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