https://www.faz.net/-gqz-7sixq

Der Papst in der Diktatur : Mutmaßungen über Pater Bergoglio

  • -Aktualisiert am

Machtbewusste Milde

Franziskus selbst schrieb kürzlich mögliches Fehlverhalten in seinen frühen Priesterjahren seinem damals übertrieben autoritären Habitus und der Tatsache zu, dass er bereits im Alter von sechsunddreißig zum Provinzial, also dem Obersten der Jesuiten in Argentinien, ernannt worden war. Ihm wurde vorgeworfen, die Jesuitengemeinschaft in Argentinien in eine konservative und eine mit der Befreiungstheologie sympathisierende Fraktion gespalten zu haben, in ähnlicher Weise, wie auch die katholische Kirche während der Diktatur in zwei Gruppierungen zerfallen war. In eine, deren Vertreter widerspruchslos die Willkürherrschaft der Militärs hinnahmen, sich sogar aktiv für deren Sache engagierten und etwa Gefolterten, die bei den „Todesflügen“ betäubt über dem Río de la Plata abgeworfen wurden, den Segen erteilten. Sowie in jene andere Gruppe Geistlicher, die aktiven Widerstand gegen das Regime leistete. Dazu zählte etwa der Bischof Enrique Angelelli aus der Provinz La Rioja, der am 4. August 1976 vom Repressionsapparat bei einem fingierten Autounfall getötet wurde.

Vallely lässt keinen Zweifel daran, dass Bergoglio auch als Franziskus trotz seiner altersmilden Attitüde und seines volkszugewandten, unkonventionellen Verhaltens ein machtbewusster Kirchenmann geblieben ist. Widersprüchlich sind nach wie vor die Aussagen des Papstes darüber, inwieweit er über die von den Militärs begangenen Verbrechen informiert war. Als Jesuitenprovinzial habe er nur „partiell“ mitbekommen, was damals geschehen sei, behauptete er. Die Ermordung Angelellis und anderer Priester müsste ihm allerdings die Augen geöffnet haben.

Der Mutigste war er nicht

Als wenig glaubwürdig stellt Vallely auch die von Bergoglio vor Gericht vorgebrachte Äußerung dar, er habe erst „vor zehn, vielleicht auch vor 25 Jahren“, also erst nach der Diktatur, vom systematischen Kindesraub erfahren, bei dem die Militärs schwangeren Gefangenen nach der Geburt die Kinder wegnahmen und sie regierungstreuen Familien zur Adoption übergaben. Merkwürdig mutet jedenfalls Bergoglios hartnäckige Weigerung an, die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo, die ihre in der Diktatur verschwundenen Kinder und Enkel suchen, zu empfangen. Erst als Papst Franziskus gewährte er der Präsidentin der „Großmütter“, Estela Carlotto - die bis zuletzt zu seinen schärfsten Kritikern gehört hatte -, eine Audienz.

In der Begeisterung darüber, dass ein Landsmann und zum ersten Mal ein Lateinamerikaner Papst geworden ist, werden in Argentinien Franziskus seine möglichen Fehltritte in der Vergangenheit inzwischen weitgehend nachgesehen. Er habe nicht zu den Mutigsten gehört, habe mit seiner Ablehnung der Befreiungstheologie dem Terrorregime gar möglicherweise in die Hände gespielt und dennoch vielen Personen in der höchsten Not tatkräftig und ohne großes Aufsehen geholfen. So lautet die gängigste Formel, mit der die Widersprüche im Verhalten Bergoglios während der Diktatur eine Erklärung finden sollen. Sie schließt die Frage ein, was geschehen wäre, wenn er selbst Opfer des Repressionsapparates geworden wäre und einer ganzen Reihe von Landsleuten nicht das Leben hätte retten können.

In dem nächste Woche auf Deutsch erscheinenden Buch „Bergoglios Liste“ des italienischen Reporters Nello Scavo werden einzelne Schicksale der vorgeblich von dem früheren Kardinal-Erzbischof während der Diktatur geretteten Personen geschildert. Scavo verweist darauf, dass es außerordentlich schwierig gewesen sei, die Betreffenden ausfindig zu machen und sie zu handfesten Aussagen zu bewegen. Hinweise auf Kollaboration Bergoglios mit der Diktatur habe er indes nicht finden können, beteuert er mehrfach. Ergänzt werden die Schilderungen und Bekenntnisse der Zeugen und die Erkenntnisse über das Engagement Bergoglios zugunsten der Verfolgten durch eine allerdings recht pauschale Darstellung der Vorgänge während der Militärherrschaft, insbesondere der Spaltung der katholischen Kirche.

Außerdem enthält der Band eine Stellungnahme von Amnesty International über das Verhalten Bergoglios während der Diktatur sowie eine Niederschrift des Protokolls der Vernehmung des damaligen Erzbischofs am 8. November 2010 vor einem Gericht in Buenos Aires, das die in der Technikschule der Marine (Esma), dem größten geheimen Folterzentrum, begangenen Verbrechen juristisch aufarbeitet.

Das Buch ist eine Ergänzung zu Vallelys viel umfassenderer Franziskus-Darstellung. Entscheidend andere Erkenntnisse enthält es nicht. Übertrieben wirkt der Eifer, mit dem Scavo Bedenken zerstreuen will, Franziskus habe während der Diktatur durch sein Verhalten Schuld auf sich geladen.

Weitere Themen

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Topmeldungen

Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
Muss sich auch Friedrich Merz gegen Markus Söder durchsetzen? Merz und Söder auf dem Parteitag der CDU.

Merz souverän gewählt : Schon drohen der CDU neue Wunden und Wirren

Die souveräne Wahl von Friedrich Merz ist ein Zeichen dafür, dass Angela Merkel fast schon vergessen ist. Ausgerechnet ein „Konservativer“ steht für den Wunsch, dass nun etwas Neues, Anderes beginnen möge.
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.