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Münchner Disput um "Das Amt" : Wie einmal sogar Habermas überrascht war

Selbstironisch: Jürgen Habermas machte sich Freis Bewertung der Diskussionslage zu eigen Bild: ©Helmut Fricke

Historikerstreiter trifft auf Kommissionsmitglied: In München wurde über die Studie „Das Amt“ diskutiert. Deren Mit-Autor Norbert Frei gab den Unpolitischen.

          Die Autoren von „Das Amt“ sind von der Heftigkeit der kritischen Reaktionen auf ihr Buch überrascht. Das sagte Norbert Frei am Mittwochabend in der Katholischen Akademie in München, wo er mit Christian Hacke, einem der kritischen Rezensenten, zu einem Disput zusammentraf. Im Lichte der Darstellung der Konzeption des Buches, die Frei in einem dreiviertelstündigen Vortrag gab, konnte diese Einschätzung der Rezeption verwundern. Wie der Zeithistoriker von der Universität Jena darlegte, war die von Außenminister Fischer berufene Historikerkommission im Zuge ihrer Forschungen zu der Überzeugung gelangt, sie müsse ihre Darstellung des Umgangs des Auswärtigen Amtes mit seiner Vergangenheit im Hitlerstaat bis zum historischen Moment ihrer eigenen Einsetzung fortführen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Buch verdanke seine Existenz einem „Zufall“, dem Brief, den die pensionierte Dolmetscherin Marga Henseler am 11. Mai 2003 an Fischer richtete, um gegen den Nachruf der AA-Hauszeitschrift auf Generalkonsul a. D. Franz Nüßlein zu protestieren. Von Reinhart Koselleck gibt es einen Aufsatz über den Zufall als „Motivationsrest in der Geschichtsschreibung“. Das Zufällige ist das, was übrig bleibt, wenn alles andere historisch erklärt worden ist. Freis prozesslogische Charakterisierung von Frau Henselers Intervention war seine Umschreibung des Umstands, dass in diesem Fall Privates eine Wirkung in den öffentlichen Angelegenheiten auslöste. Der Zufall soll hier etwas Nicht-Zufälliges an den Tag gebracht haben, mit einem Losungswort der Koselleck-Zeit: eine Struktur – nämlich die systematische, seit Jahrzehnten stabile Praxis euphemistischer Behandlung der personellen Kontinuität des diplomatischen Apparates in der internen Traditionspflege des Amtes. Frei sprach von aktiver Vertuschung.

          Die Selbstüberlistung der „Mumien“

          Die Kampagne pensionierter Diplomaten gegen den von Fischer verfügten Verzicht auf Nachrufe bei NS-Mitgliedschaften im Lebenslauf bildete in Freis Referat wie schon in Fischers Kommentaren zu den Ergebnissen der Kommissionsarbeit die Pointe und sozusagen den Beweis der Wahrheit der von der Kommission erzählten Geschichte. Die „Mumien“ hätten sich demnach selbst überlistet und vor der Öffentlichkeit, an die sie appellierten, ihre sinistren Absichten enthüllt. Obwohl „Das Amt“ ein Gemeinschaftswerk von vier Herausgebern und zahlreichen Mitverfassern ist, folgt die Erzählung also einem klassischen historiographischen Muster, dem Schema der bestraften Hybris.

          Das Buch handelt von der unabsichtlichen Selbstversenkung des Korpsgeistes der deutschen Diplomatie. Die Kritik am Buch deutete Frei, im Sinne des Schemas konsequent, als Wiederaufnahme der Mumienkampagne. Damit muss die Kommission gerechnet haben. Die Überraschung bezieht sich dann wohl darauf, dass sich auch Kollegen scharf kritisch geäußert haben, die sich nicht umstandslos einem Netzwerk nachtragender Legationsräte zuordnen lassen.

          Akten gegen Gedächtnis

          Christian Hacke, Bonner Emeritus der Politikwissenschaft, zitierte in seiner einstündigen Gegenrede ausführlich die Einwendungen, die pensionierte Angehörige des Auswärtigen Dienstes wie Botschafter Heinz Schneppen aufgrund eigener Aktenforschungen erhoben haben. Er wies darauf hin, dass zu diesen amtsinternen Kritikern auch ein angesehener Fachhistoriker wie Ekkehard Eickhoff gehört. Richard von Weizsäcker, der Sohn des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker, hat in dem Interview, das Frank Schirrmacher für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24. Oktober 2010 (Interview: Richard von Weizsäcker über seinen Vater als Staatssekretär im Auswärtigen Amt) mit ihm führte, den Widerstreit von schriftlicher Überlieferung und mündlicher Erinnerung beschworen: Es stünden „sich hier nachlesbare Akten und, wenn ich so sagen darf: das Archiv des eigenen Gedächtnisses gegenüber – kontrovers, ergänzend oder wie immer“.

          Dass der Geheimwiderstand eines Amtsträgers keinen Niederschlag in amtlichen Akten habe finden können, ist ein Topos der Verteidiger Ernst von Weizsäckers. In München war es nun Frei, der den Wert schriftlicher Dokumente pauschal in Zweifel zog. Der „Quellenpositivismus“ Schneppens könne „Das Amt“ nicht erschüttern.

          Abgleiten ins Apologetische

          Jürgen Habermas machte sich in einer Wortmeldung aus dem Saal Freis Bewertung der Diskussionslage zu eigen. Selbstironisch spielte er auf seine Rolle als Auslöser des „Historikerstreits“ von 1986 an: Selbst er sei von der offensiven Verteidigung nationalapologetischer Denkmuster überrascht, die er für ein Phänomen der achtziger und frühen neunziger Jahre gehalten habe. Hacke hatte freimütig zugestanden, dass mit der Perspektive, die er dem Standpunkt von „Das Amt“ entgegensetzte, das Risiko des Abgleitens ins Apologetische gegeben ist.

          Er spitzte die Methodenkritik, die Christopher Browning am 10. Dezember in der F.A.Z. (Historikerstudie „Das Amt“: Das Ende aller Vertuschung) und Daniel Koerfer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. November (Ein Gespräch mit dem Historiker Daniel Koerfer: Macht „Das Amt“ es sich zu einfach? ) vorgetragen haben, anthropologisch zu. Moralischer Rigorismus erschwere die unterscheidende Würdigung der Typen des individuellen Handelns, der Schattierungen und Mischungen von Mitwirkung, Anpassung und Resistenz; der Historiker des Verhaltens in diktatorischen Verhältnissen solle bei Thukydides, Machiavelli und Hans Morgenthau in die Schule der realistischen Menschenkenntnis gehen.

          Weder Beweis noch moralisches Urteil

          Nicht Frei, sondern Habermas nahm diese Herausforderung an und fragte als philosophischer Stellvertreter des Historikers nach: Reichen die von einer realistischen Anthropologie beschriebenen zeitlosen Dispositionen aus, um das spezifische Phänomen der Wehrlosigkeit zumal der akademisch gebildeten Schichten gegenüber dem Nationalsozialismus zu erklären? Komme es nicht auch auf den Inhalt von Mentalitäten an?

          Frei bekannte in seinem Schlusswort, für ihn als Historiker stelle sich die Frage des Menschenbildes nicht. „Das Amt“ wolle nichts beweisen und fälle keine moralischen Urteile. Habermas empfahl den Zeithistorikern, über den beschleunigten Rollenwechsel zwischen objektivierender Forschung und performativem Eingriff nachzudenken. Frei wollte dieser Empfehlung nicht folgen. Die Autoren von „Das Amt“, die sich vorgenommen haben, die Legende vom unpolitischen Fachdiplomaten aus der Welt zu schaffen, begreifen sich erstaunlicherweise als unpolitische Historiker.

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