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Münchner Disput um "Das Amt" : Wie einmal sogar Habermas überrascht war

Christian Hacke, Bonner Emeritus der Politikwissenschaft, zitierte in seiner einstündigen Gegenrede ausführlich die Einwendungen, die pensionierte Angehörige des Auswärtigen Dienstes wie Botschafter Heinz Schneppen aufgrund eigener Aktenforschungen erhoben haben. Er wies darauf hin, dass zu diesen amtsinternen Kritikern auch ein angesehener Fachhistoriker wie Ekkehard Eickhoff gehört. Richard von Weizsäcker, der Sohn des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker, hat in dem Interview, das Frank Schirrmacher für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24. Oktober 2010 (Interview: Richard von Weizsäcker über seinen Vater als Staatssekretär im Auswärtigen Amt) mit ihm führte, den Widerstreit von schriftlicher Überlieferung und mündlicher Erinnerung beschworen: Es stünden „sich hier nachlesbare Akten und, wenn ich so sagen darf: das Archiv des eigenen Gedächtnisses gegenüber – kontrovers, ergänzend oder wie immer“.

Dass der Geheimwiderstand eines Amtsträgers keinen Niederschlag in amtlichen Akten habe finden können, ist ein Topos der Verteidiger Ernst von Weizsäckers. In München war es nun Frei, der den Wert schriftlicher Dokumente pauschal in Zweifel zog. Der „Quellenpositivismus“ Schneppens könne „Das Amt“ nicht erschüttern.

Abgleiten ins Apologetische

Jürgen Habermas machte sich in einer Wortmeldung aus dem Saal Freis Bewertung der Diskussionslage zu eigen. Selbstironisch spielte er auf seine Rolle als Auslöser des „Historikerstreits“ von 1986 an: Selbst er sei von der offensiven Verteidigung nationalapologetischer Denkmuster überrascht, die er für ein Phänomen der achtziger und frühen neunziger Jahre gehalten habe. Hacke hatte freimütig zugestanden, dass mit der Perspektive, die er dem Standpunkt von „Das Amt“ entgegensetzte, das Risiko des Abgleitens ins Apologetische gegeben ist.

Er spitzte die Methodenkritik, die Christopher Browning am 10. Dezember in der F.A.Z. (Historikerstudie „Das Amt“: Das Ende aller Vertuschung) und Daniel Koerfer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. November (Ein Gespräch mit dem Historiker Daniel Koerfer: Macht „Das Amt“ es sich zu einfach? ) vorgetragen haben, anthropologisch zu. Moralischer Rigorismus erschwere die unterscheidende Würdigung der Typen des individuellen Handelns, der Schattierungen und Mischungen von Mitwirkung, Anpassung und Resistenz; der Historiker des Verhaltens in diktatorischen Verhältnissen solle bei Thukydides, Machiavelli und Hans Morgenthau in die Schule der realistischen Menschenkenntnis gehen.

Weder Beweis noch moralisches Urteil

Nicht Frei, sondern Habermas nahm diese Herausforderung an und fragte als philosophischer Stellvertreter des Historikers nach: Reichen die von einer realistischen Anthropologie beschriebenen zeitlosen Dispositionen aus, um das spezifische Phänomen der Wehrlosigkeit zumal der akademisch gebildeten Schichten gegenüber dem Nationalsozialismus zu erklären? Komme es nicht auch auf den Inhalt von Mentalitäten an?

Frei bekannte in seinem Schlusswort, für ihn als Historiker stelle sich die Frage des Menschenbildes nicht. „Das Amt“ wolle nichts beweisen und fälle keine moralischen Urteile. Habermas empfahl den Zeithistorikern, über den beschleunigten Rollenwechsel zwischen objektivierender Forschung und performativem Eingriff nachzudenken. Frei wollte dieser Empfehlung nicht folgen. Die Autoren von „Das Amt“, die sich vorgenommen haben, die Legende vom unpolitischen Fachdiplomaten aus der Welt zu schaffen, begreifen sich erstaunlicherweise als unpolitische Historiker.

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