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München würdigt Gerhard Polt : Bootsverleiher mit Zweitwohnsitz

So isst man eine Weißwurst: „You have to zuzzle“ - Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt bei der Uraufführung von „München leuchtet“ im Jahr 1984 Bild: Oda Sternberg

Man hat halt so eine Freude am Spiel: Eigentlich gehört es sich nicht, vor dem Geburtstag zu gratulieren, aber das Münchner Literaturhaus konnte im Fall von Gerhard Polt nicht an sich halten.

          3 Min.

          So lautet das Bekenntnis eines leidenschaftlichen Zeitvernichters: „Neulich hab’ ich eine Zeit erwischt und hab’ sie totgeschlagen. Ich hab mir ein Butterbrot geschmiert und dafür drei Stunden gebraucht.“ Dafür, dass er keinesfalls Zeit sparen oder gar hereinholen will wie die Mehrheit seiner Zeitgenossen, ist Gerhard Polt auf überraschend vielen Bildern mit wechselnden Armbanduhren zu sehen - wohl nur Teil jener höheren Ironie, der man gleich an der Kasse mit ihrer eingeborenen Tochter, der Brechung, zu Leibe rückt. Dort steht eine Stechuhr für die Besucher. Die „in der Ausstellung verbrachte Lebenszeit“ kann man sich hier selbst auf die Eintrittskarte stempeln.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Ein runder Geburtstag wirft seine Schatten voraus, und das Publikum strömt. Gerhard Polt, Fixstern am deutschen Satirehimmel, ist nach handschriftlicher Selbstauskunft „am 7.5. Mai 1942“ in München geboren und nicht nur hier weltberühmt. Er gilt als der Sprachphilosoph unter den Kabarettisten, und je älter er wird, desto in sich ruhender sein Auftreten. Dem trägt die Schau im Münchner Literaturhaus Rechnung, indem sie sich unter das imaginäre Motto „Mein Leben als Bootsverleiher“ stellt.

          Man kann nie sicher sein, ob er nur spielt

          An allen Wänden Monitore und Leinwände. Auch an der Stirnseite läuft ein Film: Polt auf einem Gartenstuhl mitten auf einem verschneiten Bootssteg, schwarze Strickmütze, zerfurchtes Antlitz. Der Blick dorthin wird über einen langen hölzernen Steg gelenkt, der den Raumschlauch im Literaturhaus durchspannt und auf dem diverse Monitore stehen, auf denen Gerhard Polt in einer Bauernstube sitzt und die Welt erklärt. Mit einem Audioguide ausgestattet, kann man Filmausschnitte aus allen Schaffensperioden abrufen. Ein paar Gartenstühle für das mit seinem Heroen mitgealterte Publikum gibt es auch. Irgendwer lacht, kichert oder prustet immer; eine für Ausstellungen ungewöhnliche Heiterkeit macht sich breit. Wer alle Filme anschaut, kann sich drei Stunden amüsieren, einen Parcours durch deutsche Kabarettgeschichte inklusive.

          Dazu zählt etwa der erste Auftritt Polts und der Biermösl Blosn im Dezember 1986 in Leipzig. Das „Neue Deutschland“ schreibt „Biermoesl“, lobt deren Einsatz „gegen Atomwaffen und Rassenhaß“. Die „Leipziger Volkszeitung“ zieht ebenfalls eine positive Bilanz: Polt gebe den „vorgetäuschten bayerischen Deppen“ und setze sich „vornehmlich mit alltäglichen Erscheinungen der zunehmenden Rechtsentwicklung der BRD auseinander“. Hier ist Polt, bei dem man nie sicher sein kann, ob er spielt, in der Rückschau selten unverstellt - echte Freundschaften seien da entstanden.

          Irgendwer lacht, kichert oder prustet immer: Kabarettist Gerhard Polt in der Bayrischen Staatskanzlei 2009

          Aber Privates muss privat bleiben, da ist Polt auch gegenüber der Kuratorin Sandra Wiest strikt geblieben. Kein Bild von seiner Frau Tini, ohne die seine Laufbahn nicht denkbar ist; kein Bild von seinen Wohnstätten in Neuhaus am Schliersee, in München und Terracina, kein Bild vom Sohn. Dafür im Gegenzug auch keine Bilder, die den Satiriker mit sich anwanzender Prominenz zeigten. Einem Prominentenpaar begegnet Polt 2001 bei der Fünfzig-Jahr-Feier der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, König Karl XVI. Gustaf von Schweden nebst Gattin Silvia. Festredner Polt kreuzt in Strickjoppe zunächst den Weg des Monarchen im Treppenhaus und räsoniert dann vor überwiegend versteinert wirkenden Industriemagnaten und Hofdamen über seine Leidenschaft für Geschichte.

          Einen Blick ins Gebaren des Bürgers Polt geben Briefe. Dem Münchner Stadtkämmerer Ernst Wolowicz hat er einen vergifteten Brief geschickt, in dem er sich für die angeforderte Zweitwohnungssteuer bedankt. „Mit solidarischem Gruß“ schreibt Polt dem damaligen Präsidenten der Akademie der Bildenden Künste, Otto Künzli, als dieser ihm 1996 mitteilt, sein Lehrauftrag im Bereich „Medien und Spiele“ sei aus Kostengründen gestrichen worden. Polt bietet - gegen eine monatliche Spendenquittung „für Raum und Stuhlbenutzung“ - eine honorarfreie Mitarbeit an, er will sich nach neun Jahren Lehrtätigkeit gern sein Honorar von dreißig Mark aus eigener Tasche zahlen, „um der Akademie in diesen schweren Zeiten beizustehen“.

          Der Schwerpunkt in der Filmkonserve

          Auch als der Badeort Terracina aufjault, weil sich die Einwohner durch den Film „Man spricht deutsh“ (1988) verunglimpft fühlen, keilt der Italien-Freund und Zweitwohnsitzer mit: „Ich hoffe, daß mein Film nicht das Bruttosozialprodukt von ganz Italien ruiniert, und daß die Erblast, die Goethe hinterlassen hat, die italienische Hotellerie nicht endgültig stranguliert.“

          Die Kuratorin ist Fernsehjournalistin und legt den Schwerpunkt ganz entschieden auf die Filmkonserve, historische Dokumente sind in der Minderzahl. Viele Klassiker sind zu sehen, „Warten auf Dillinger“ und andere Sketche aus „Fast wia im richtigen Leben“, Ausschnitte aus „Kehraus“ und „Tschurangrati“, legendäre Sketche wie „Longline“ und die Papst-Travestie aus „Offener Vollzug“.

          Sogar der via Youtube weit verbreitete „Leasingvertrag“ - Bremer Studenten legten über Bilder einer Hitler-Rede Originalton Polt -, den der Satiriker zunächst aus Urheberrechtsgründen gar nicht lustig gefunden haben soll, wird gezeigt. Seit Altöttinger Kindheitstagen im Metzgerei- und Auskochgeschäft Steffel hat sich Gerhard Polt die Freude am Spiel erhalten. Und doch zeigen die für die Ausstellung gedrehten Filmbeiträge einen gereiften, nachdenklichen Polt. Seine Abneigung gegen Kulturpessimiesler ist ihm nicht abhanden gekommen.

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