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Roman „Horcynus Orca“ : Nein, es war nicht wahnsinnig

Der erste Übersetzer des gewaltigen „Hornycus Orca“: Moshe Kahn Bild: Hubert Spiegel

Stefano D’Arrigos sizilianisches Epos „Horcynus Orca“ galt jahrzehntelang als unübersetzbares Meisterwerk der Moderne. Einer hat das Unmögliche gewagt: Moshe Kahn, der den Roman behandelt, als fasse er eine Mahler-Sinfonie in Worte.

          5 Min.

          Drehen wir die Zeit dreißig Jahre zurück. Damals, Anfang der achtziger Jahre, lebte Moshe Kahn wie ein Einsiedler in der italienischen Provinz. Wann immer er Besuch von alten Freunden bekam, wurde ihm dieselbe Frage gestellt: Was hast du eigentlich so getrieben in den letzten Jahren? Er habe einen Roman gelesen, lautete die Antwort. Ach, tatsächlich, zwei Jahre lang? Und was hältst du nun von diesem Buch? Moshe Kahn muss Atem schöpfen, bevor er seine Antwort von damals wiederholt: „Das ist ein Roman, der das Tollste ist, was seit Ariost und Tasso in der italienischen Literatur vorgelegt wurde!“ Später habe er sich oft gefragt, ob es nicht maßlos, geradezu wahnsinnig gewesen sei, so etwas zu sagen. „Heute, nachdem ich dieses Buch übersetzt habe, bin ich mir sicher: Nein, es war nicht wahnsinnig.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kein Mensch außerhalb Italiens kennt dieses Meisterwerk: 1454 Seiten dick, 1,5 Kilogramm schwer, gebunden in Leinen so milchig-gelb wie der Sand an den Stränden Siziliens. Stefano D’Arrigos Roman „Horcynus Orca“ ist ein unglaublicher Fall: Weltliteratur, die weitgehend unbekannt blieb, weil sie als unübersetzbar galt. Vierzig Jahre sind seit dem Erscheinen des Romans in Italien vergangen. Jetzt, kurz vor der Leipziger Buchmesse, ist die weltweit erste Übersetzung des „Horcynus Orca“ erschienen. Fast ein Jahrzehnt lang hat Moshe Kahn daran gearbeitet: Sechs Jahre entfielen auf die reine Übersetzungsarbeit, zwei weitere Jahre galten der Überarbeitung, die gemeinsam mit dem Verleger Egon Ammann erfolgte. Am 15. August 2012, ganz Italien feierte Ferragosto, setzte Moshe Kahn den Schlusspunkt unter seine Übersetzung. Warum hat er diese gewaltige Anstrengung auf sich genommen?

          „Wenn ich etwas ganz Verwegenes sagen darf: Es ging mir darum, den Roman so zu behandeln, als müsste ich eine Mahler-Sinfonie in Worte fassen.“ D’Arrigo habe ihm gesagt, es wäre ihm am liebsten, wenn der Roman nicht nur gelesen, sondern gesungen würde. Die enorme Musikalität dieser Prosa, die ihrem Autor so wichtig war, teilt sich bereits auf den ersten Seiten mit: Kahns Übersetzung schlägt einen epischen Tonfall an, einen Tonfall, der den Rhythmus der Meereswellen annimmt, der gleitet, rollt, stampft, sich aufbäumt und den Leser über viele Tage hinweg mit sich führt. Man liest diesen Roman nicht einfach - man betritt ihn, wie man ein Schiff betritt. Man könnte auch sagen: Der Leser schifft sich ein, er geht an Bord dieses Buches.

          Eine von Stefano D’Arrigo (1919 bis 1992) korrigierte Seite seines Romans „Hornycus Orca“. Vierzehn Jahre dauerte die Überarbeitung der Druckfahnen, bevor der Roman 1975 in Italien erschien.
          Eine von Stefano D’Arrigo (1919 bis 1992) korrigierte Seite seines Romans „Hornycus Orca“. Vierzehn Jahre dauerte die Überarbeitung der Druckfahnen, bevor der Roman 1975 in Italien erschien. : Bild: Gabinetto Vieusseux

          Was ihn dort erwartet, ist die Geschichte des Marinesoldaten ’Ndrja Cambria, der nach der Kapitulation Italiens im September 1943 durch die vom Krieg verheerte süditalienische Landschaft zieht. Er will vom kalabrischen Festland in seine sizilianische Heimat zurückkehren und dort sein altes Leben als Fischer wiederaufnehmen. Dazu muss er die Meerenge von Messina überqueren, aber im Krieg wurden nicht nur alle Fährboote zerstört, sondern auch die Traditionen, Bräuche und Lebensformen der sizilianischen Fischer liegen in Trümmern. Cambria ist ein moderner Odysseus: Er kehrt zurück in eine Heimat, die es nicht mehr gibt.

          Eigentlich, sagt Moshe Kahn, erzähle dieser Roman eine ganz einfache Geschichte: „Im ersten Teil besteht sie aus episodischen Begegnungen, die man mit den verschiedenen Etappen der ,Odyssee‘ vergleichen kann, allerdings gibt es viel mehr Episoden als bei Homer, etwa dreißig. D’Arrigos Sprache ist hier ungeheuer bildhaft. Die europäische Literatur kennt nur sehr wenige Bücher mit vergleichbar großartigen Landschaftsbeschreibungen. Das zu übersetzen war eine der großen Herausforderungen dieses Buches.“ Eine weitere sei philologischer Natur gewesen. Um das zu erklären, muss der Übersetzer ein wenig ausholen.

          Stefano D’Arrigo wurde 1919 im heutigen Ali Terme, einer kleinen sizilianischen Küstenstadt, geboren, besuchte ein altsprachliches Gymnasium, studierte Literaturwissenschaften in Messina und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Friedrich Hölderlin ab. Das war 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg und wenige Monate vor dem Italien-Feldzug der Alliierten, der den Hintergrund des Romans abgibt. Seine Ursprünge reichen ins Jahr 1950 zurück, erste Auszüge, die D’Arrigo Ende der fünfziger Jahre veröffentlichte, weckten größtes Interesse. Noch vor seinem Erscheinen galt der Roman in literarischen Kreisen als Ereignis. Italo Calvino sprach von dem „Fall, der die italienische Literatur in Atem hält“. Im Jahr 1961 traf das Manuskript im Verlag Mondadori ein, und wenig später erhielt der Autor die Fahnen zur Durchsicht. Sofort begann D’Arrigo mit der Bearbeitung. Sie dauerte vierzehn Jahre. Als das Buch 1975 endlich erschien, erinnert sich Moshe Kahn, „schlug es ein wie ein Bombe. Es galt sofort als Meisterwerk. Die Erstausgabe hatte 1257 Seiten, und Pasolini, später ein enger Freund D’Arrigos, sagte, es handle sich um 1257 Seiten reiner Poesie.“ Den Mann, der dieses Werk geschaffen hatte, wollte Kahn kennenlernen: „Also ging ich zu Mondadori, seinem Verlag, wo man mich ungläubig fragte, ob ich dieses Buch denn wirklich gelesen hätte. Die Verlagsleute sagten, sie hätten es nach zwanzig Seiten weggelegt. So war es überall. D’Arrigo war berühmt, ganz Italien kannte den ,Horcynus‘, aber ganz Italien hatte nur zwanzig Seiten gelesen.

          Unvergleichliche Sprachvielfalt

          In den vierzehn Jahren der Bearbeitung hatte D’Arrigo nicht nur den Umfang des Romans erheblich erweitert, sondern seiner Prosa auch jenen besonderen Klang verliehen, der dafür sorgte, dass der Roman als unübersetzbar galt. Zwei Drittel des Romans sind auf Italienisch geschrieben, allerdings wählte D’Arrigo nicht das orthodoxe Italienisch, sondern ein stark von griechischen Spracheinflüssen geprägtes Italienisch, das sehr südlich klingt, wie Kahn sagt. Alles Übrige hat D’Arrigo „sizilianisiert“, also in ein Kunstidiom gehüllt, das von einer langen Kette von Spracheinflüssen gezeichnet ist. In dieser Kette ist das Italienische, wie es am Hof von Kaiser Friedrich II. in Palermo zum ersten Mal in der Form von Dichtung hervorgetreten ist, das jüngste Glied. Die älteren Glieder, so Kahn, waren das Französische und das Normannische, das Arabische, das byzantinische Griechische, das Lateinische, das Griechische der alten Griechen, das Sikulische. Wie lässt sich so etwas übersetzen? Was tut man, wenn man im Original immer wieder auf Begriffe stößt, die in keinem Wörterbuch verzeichnet sind? Wie ist Kahn mit den annähernd zweitausend Neologismen verfahren, die D’Arrigo für den „Horcynus“ erfunden hat?

          Stefano D’Arrigo: „Horcynus Orca“. Roman. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 1471 S., geb., 58,- Euro.
          Stefano D’Arrigo: „Horcynus Orca“. Roman. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 1471 S., geb., 58,- Euro. : Bild: Verlag

          Man braucht Geduld, Erfindungsreichtum und Freunde, die zum Beispiel wissen, dass in Messina ein anderes Sizilianisch gesprochen wird als in Catania. Wenn es überhaupt nicht mehr weiterging, konnte Kahn den D’Arrigo-Kenner Stefano Lanuzza fragen, der ihm in besonders schwierigen Fällen zur Seite stand: „Lanuzza hat Sätze, die mir unverständlich blieben, italianisiert, so dass ich sie verstehen konnte.“ Man muss sich diesen Prozess vor Augen führen: Lanuzza übersetzt D’Arrigo in ein orthodoxes Italienisch, aus dem Kahn in ein orthodoxes Deutsch übersetzt, das jedoch nicht dem Original entspricht. Und wie geht es dann weiter? Was muss geschehen, damit solche Sätze nicht alltäglich, aber auch nicht völlig unverständlich klingen? „Ich habe immer versucht, das Original nachzugestalten, etwa mit Hilfe der Sprache von Jean Paul oder barocker Sprachformen.“

          Die Krönung eines Lebenswerks

          Moshe Kahn, der 1944 in Deutschland geboren wurde und mit seinen Eltern in die Schweiz flüchtete, hat den 1992 verstorbenen Stefano D’Arrigo gut gekannt: „Er war sehr klein, sehr markant, von großer Herzlichkeit. In seiner Jugend, so hat mir sein Neffe Maurizio Acri erzählt, galt er in Messina als Don Giovanni. Er hat mit drei Schwestern angebandelt, von denen ihm eine schließlich die Pistole auf die Brust setzte. Das war Jutta, die schönste, aber auch die härteste der drei. Die hat er geheiratet und ihr jeden Morgen das Frühstück ans Bett gebracht. Wenn sie zur Arbeit gegangen war, ging er in eine Bar. Bevor Jutta zurückkam, machte er Übungen, um den Alkohol eines durchsäuselten Tages rechtzeitig auszuschwitzen. Abends kontrollierte sie, ob er sein von ihr festgesetztes Schreibpensum absolviert hatte. Er wusste, dass er ohne ihr strenges Reglement verloren gewesen wäre.“

          Der deutsche „Horcynus Orca“ ist das Opus magnum des Übersetzers Moshe Kahn, aber er ist auch die Krönung eines anderen Lebenswerkes. Der Verleger Egon Ammann, der große Entdecker und Ermöglicher, wollte die Übersetzung in seinem Verlag herausbringen, wo D’Arrigo neben Pessoa und Mandelstam seinen Platz gefunden hätte. Aber den Ammann Verlag gibt es seit 2010 nicht mehr. Jetzt ist das Buch durch Ammanns Vermittlung beim S. Fischer Verlag erschienen. Wenn heute in Leipzig der Übersetzerpreis der Buchmesse vergeben wird, gilt Moshe Kahn als Favorit. Ihn leer ausgehen zu lassen wäre geradezu schlapphäbig, um es mit einem der etwa achthundert Neologismen zusagen, die Kahn für den „Horcynus“ erfunden hat. Ein Neologismus, sagt der Übersetzer, müsse als neue Wortschöpfung erkennbar und unmittelbar verständlich sein - wie schlapphäbig zum Beispiel: „Dieses Wort gab es nicht im Deutschen, aber nun gibt es das.“

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