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Monika Osberghaus : Astrid Lindgren: „Klingt meine Linde“

  • Aktualisiert am

Astrid Lindgren an ihrem 90. Geburtstag Bild: picture-alliance / dpa

Von allen traurigen Märchen Astrid Lindgrens ist „Klingt meine Linde“ das allertraurigste. Es erlaubt auch dem Leser, hemmungslos zu trauern und die Charaktere mit einer großen und ernsten Hingabe zu bemitleiden.

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          Von allen traurigen Märchen Astrid Lindgrens ist „Klingt meine Linde“ das allertraurigste. Nicht nur, weil es die Geschichte eines Mädchens ist, das am Ende sein Leben gibt, damit die Welt ein wenig schöner wird. Sondern auch, weil die Dichterin hier auf eine Weise von dem Kind Malin erzählt, die es ihm erlaubt, hemmungslos zu trauern und sich selbst mit einer großen und ernsten Hingabe zu bemitleiden: „Ich Ärmste, dachte Malin, jetzt bin ich die jüngste Armenhäuslerin von Norka, und alles Schöne ist vorbei und alle Freude.“

          Die Eltern sind an Schwindsucht gestorben, und nun muß Malin ins Armenhaus, bis sie alt genug ist, sich als Magd zu verdingen. Groß und unendlich ist ihr Kummer, leer und kalt liegen die Tage und Jahre als Bettelmädchen vor ihr. Bis sie eines Tages die Schönheit von Worten erlebt: Beim Bettelgang hört sie zufällig, wie den Kindern des Hauses ein Märchen vorgelesen wird: „Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall ...“ - mehr versteht sie nicht. Aber diese Worte geben ihr Leben, sie zehrt von ihnen, glaubt an ihre Kraft, bis - „mit Glauben und Sehnen wird es gelingen“ - tatsächlich eine junge Linde auf dem Kartoffelacker des Armenhauses steht, von Malin herbeigeglaubt und herbeigesehnt. Dieser Linde schenkt sie ihre Seele, damit sie auch wirklich klingt und singt.

          Schlüssel zur abgrundtiefen Traurigkeit

          Die beiden von Malin so geliebten Zeilen stammen aus einem alten schwedischen Volksmärchen, und wenn man das Zitat dort nachschlägt, sieht man, daß es noch zwei weitere Zeilen hat. Das Märchen erzählt von einer jungen Königin, die von ihrem Kind und ihrem Mann getrennt wird und in verzauberter Gestalt voller Sehnsucht nach ihren Lieben sucht. Dabei fragt sie klagend: „Klingt meine Linde? Singt meine Nachtigall? Weint mein kleines Kind? Wird mein Herr seines Lebens je froh?“

          Vielleicht liegt hier ein Schlüssel zu der abgrundtiefen Traurigkeit, die in Astrid Lindgrens Werken ebenso lebt wie die unbändige Lebensfreude. Denn auch Astrid Lindgren war eine Mutter, die sich nach ihrem Kind sehnte, das fort war. Sie hatte es direkt nach der Geburt in Pflege gegeben, weil sie als ledige Frau in der schwedischen Provinz des Jahres 1926 keine andere Möglichkeit sah. Später wurden alle wieder froh. Aber das versteckte Zitat in ihrem verzweifeltsten Märchen, viele Jahre später geschrieben, läßt uns ahnen, daß die schmerzliche Intensität, die auch viele andere Lindgren-Geschichten grundiert, aus der Erfahrung dieser Zeit stammt. „Klingt meine Linde“ erzählt aber auch von einem Trost, den sie gleich mitliefert: dem Trost, den die Literatur schenken kann.

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