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Mondbesiedlung : Luna, die strenge Geliebte

Fiktionen im Weltraum: Kubricks „2001” Bild: Mgm

Was die Menschheit erwartet, wenn sie die nächstgelegenen nichtirdischen Räume erobert, haben sich unruhige Visionäre in ihren nervösen Träumen - in Literatur, Film und Comic - längst ausgemalt.

          Als wir uns endlich dazu durchgerungen hatten, die Eroberung wenigstens der nächstgelegenen nichtirdischen Räume ernsthaft in Angriff zu nehmen, ereilte uns die schwerste Enttäuschung unserer Geschichte: Wir waren nicht die ersten dort.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          So jedenfalls haben sich das in dem Zeitraum, da die entsprechenden Projekte erstmals praktischen Erfolg versprachen, unruhige Visionäre in ihren nervösen Träumen ausgemalt. Als hätten sich die nichtmenschlichen Bewohner kosmisch kühler Weltraumtiefen darauf geeinigt, uns gleich beim ersten Übertreten der Schwelle klarzumachen, daß wir von da an nicht die Menschheit würden bleiben können, die wir bislang waren, stießen die literarischen, filmischen oder in Comics gezeichneten Astronauten im beginnenden Weltraumzeitalter bei ihren zahllosen Mondlandungen inmitten der totalen kalkweißen Ödnis immer wieder auf einschüchternd hyperzivilisierte außerirdische Artefakte, vom mysteriösen Kilometerstein bei Arthur C. Clarke in "Sentinel of Eternity" von 1951 - die Geschichte ist der Keim von Stanley Kubricks Film "2001 - Odyssee im Weltraum" von 1969 - über das arkonidische Kugelraumschiff im ersten "Perry Rhodan"-Heft, das als "Unternehmen Stardust" 1961 erschien, bis zum rätselhaften, die darin umherirrenden Menschen in Wahnsinn und Tod treibenden Labyrinth der Algis-Budrys-Erzählung "Rogue Moon" von 1960.

          Der Mond als Schurkenstaat

          Das in deren Titel vorkommende adjektivierbare Hauptwort "Rogue" hat man, wo es im Rahmen des seit ein paar Jahren unternommenen amerikanischen diplomatisch-militärisch-strategischen Großanlaufs zur "Neuen Weltordnung" vorkommt, deutsch meist mit "Schurke" übersetzt; der Mond als Schurkenstaat jedoch ist ein Albtraum, dem George W. Bushs neueste Vision von der Besiedlung des Erdtrabanten mit lauter tatendurstigen und kompetenten Amerikanern nun entschlossen wehren soll. Am Mittwoch, so heißt es, wird sie verkündet werden.

          Desillusionierende Aussichten darauf, wie sich für die Dynastie Bush einerseits "Neue Welten" und andererseits die "Neue Weltordnung" letztlich zu ein und derselben banalen Steigerung eines idealisierten, futuristischen Superamerika verklammern, werden von Nörglern nicht erst vorgetragen, seit Bush II. nun also verkünden will, neue Trägersysteme für den Transport zu Mond und Mars und baldmöglichst auch finanzierbare Konzepte für bemannte Basen auf diesen Himmelskörpern entwickeln und umsetzen zu lassen. Schon 1993 hat die linksliberale Schriftstellerin Pamela Sargent eine Erzählung namens "Danny Goes To Mars" veröffentlicht, in der gegenwärtige und künftige Satiriker auf der Suche nach literarischen Waffen gegen den militärisch-industriellen Raketen-Bush-Entertainment-Komplex leicht fündig werden dürften. Die nüchtern und taktvoll erzählte Geschichte handelt davon, daß Dan Quayle, der einfältige und von den Medien daher stets mit Freuden als grenzdebiler Tanzbär vorgeführte Vizepräsident der Regierung Bush I., aus Publicitygründen an der ersten bemannten Marsmission teilnimmt, die er dann, als ein seltsamer Unfall die multinationale Profi-Crew ausschaltet, auch alleine zu Ende führen muß, inklusive Landung und ersten Baseballabschlags auf dem roten Planeten.

          Hegel, Kant und der Sternenhimmel

          Sargents kleine Geschichte, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in diverse prestigeträchtige Science-fiction-Anthologien aufgenommen wurde, vermeidet allerdings mit Bedacht den allzu plumpen Hohn auf die Hurra-Patrioten und technophilen Reaktionäre der Vereinigten Staaten, der derzeit vielfach über Bush Sohn ausgegossen wird: Ihr Dan Quayle wächst auf der Reise ins All über sich hinaus, erlebt, isoliert von seinem gewohnten politischen und Medien-Umfeld, erstmals so etwas wie eine Selbstbesinnung darauf, daß er nicht nur Amerikaner, sondern auch ein Mensch im Sinne des "Gattungswesens" (Hegel) ist, und erfährt so "das moralische Gesetz" in sich, das schon Kant höchst universalistisch und ganz zu Recht mit der Erfahrung in Beziehung setzte, daß wir über - und, als Astronauten, ringsum - uns den Sternenhimmel betrachten können.

          Seit John Wilkins Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in mehreren Auflagen seiner "Discovery of a New World" die Traditionslinie der phantasierten technikgestützten Inbesitznahme des Mondes begründete, hatte dieser Traum eine dunkle Seite, die in der "Hans Pfaal"-Ballonphantasie Edgar Allen Poes von 1835 ebenso bildkräftig dräut wie im Titel einer der berühmtesten Monderzählungen des Science-fiction-Großmeisters Robert A. Heinlein: "The Moon is a Harsh Mistress" (1966).

          Libertarier und die Krone der Schöpfung

          Heinlein war "Libertarier", das heißt Anhänger einer Ideologie, wie sie nur in den Vereinigten Staaten entstehen konnte: kompetenzverehrend, individualismuspreisend, sozialdarwinistisch - wer selbst die harschen Steinwüsten da draußen bewohnbar macht, der repräsentiert für Libertarier eben wahrhaftig die Krone der Schöpfung.

          In Ronald Reagans euphorischen achtziger Jahren trieb dieser seltsame Technodarwinismus nicht nur die von Bush Sohn wieder stark befürwortete Weltraumwaffenforschung voran, sondern auch wahnhafte Blüten wie den Vorschlag der paranoiden Rechten um Lyndon LaRouche, "aidsfreie Kolonien auf dem Mars" zu gründen: Puritanismus und das Überleben des Stärkeren im All glücklich vereint. Interessanterweise trägt das libertarische Denken mit seiner Synthese aus kraftvoll Atavistischem und kompetent Technokratischem allerdings genau an der zivilisatorischen Randmarke "Mondkolonie" auch den Keim seiner dialektischen Selbstvernichtung in sich: Wenn Sozialdarwinisten die Natur als Modell fürs Gesellschaftliche empfehlen, kann man ihnen hier entgegenhalten, daß die Natur ja gerade nicht dafür steht, Mond und Mars mit Lebewesen zu bevölkern - nur wenn Gesellschaftliches Natürliches transzendiert, und zwar bewußt und planvoll, werden Gattungsgroßunternehmen wie dieses möglich.

          "Der Rote Stern" oder "The Birth of A New Republic"

          Phantasten, denen etwas an der Emanzipation des Menschen vom brutalen Naturzusammenhang lag, haben das immer gewußt - ob sie nun Sozialisten waren wie jener Alexander Bogdanow, der in "Der Rote Stern" von 1908 unseren Nachbarplaneten sozialistisch werden ließ, oder amerikanische Liberale wie Jack Williamson und Miles J. Breuer, die in "The Birth of A New Republic" von 1931 die amerikanische Unabhängigkeitsrevolte auf dem Mond neu inszenierten - übrigens eine nicht ungescheite Vorwegnahme des Hannah-Arendt-Gedankens, die amerikanische Revolution habe deshalb soviel bessere und haltbarere emanzipatorische Ergebnisse als die Französische erzielt, weil ihr Schauplatz vom alten Regime so weit entfernt war.

          Wenn die Kolonisten, die Bush auf den Weg schicken will, ihr Eigentums- und Erbrecht zu ändern beschließen, wird der bewaffnete Arm der gegenwärtigen Produktionsverhältnisse, den wir Polizei nennen, eine Weile unterwegs sein, bis er die Sezessionisten erreichen kann - genau dies geschieht in der die neunziger Jahre des Science-fiction-Genres entscheidend prägenden "Mars-Trilogie" des postsozialistischen, aber dezidiert linken amerikanischen Autors und Fredric-Jameson-Schülers Kim Stanley Robinson. Diese amerikanische Idee und ihre historische Realität könnten inspirierender sein, als George W. Bush weiß, und "das zerklüftete Nordwestkap Asiens", wie Arno Schmidt - auch er Autor einer Mondkoloniade, "Kaff auch Mare Crisium" von 1960 - Europa nannte, mag davon lernen.

          Die Erweckung der „Neuen Welt“

          Die sozialpsychologische Metapher "Neue Welt" aber, einst gezeugt im sechzehnten Jahrhundert, erwacht im 21. aus ihrem postmodernen Kälteschlaf. Wenn wir also wieder sagen, daß die Orte, an denen Menschen wohnen, nicht die einzigen sind, an denen sie wohnen könnten, dann meinen wir auch, daß die Art, wie sie derzeit miteinander leben, nicht alternativlos ist - eine philosophisch-politische Parole jener brisanten Sorte, mit der die europäische Aufklärung begonnen haben soll.

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