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Mondbesiedlung : Luna, die strenge Geliebte

Seit John Wilkins Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in mehreren Auflagen seiner "Discovery of a New World" die Traditionslinie der phantasierten technikgestützten Inbesitznahme des Mondes begründete, hatte dieser Traum eine dunkle Seite, die in der "Hans Pfaal"-Ballonphantasie Edgar Allen Poes von 1835 ebenso bildkräftig dräut wie im Titel einer der berühmtesten Monderzählungen des Science-fiction-Großmeisters Robert A. Heinlein: "The Moon is a Harsh Mistress" (1966).

Libertarier und die Krone der Schöpfung

Heinlein war "Libertarier", das heißt Anhänger einer Ideologie, wie sie nur in den Vereinigten Staaten entstehen konnte: kompetenzverehrend, individualismuspreisend, sozialdarwinistisch - wer selbst die harschen Steinwüsten da draußen bewohnbar macht, der repräsentiert für Libertarier eben wahrhaftig die Krone der Schöpfung.

In Ronald Reagans euphorischen achtziger Jahren trieb dieser seltsame Technodarwinismus nicht nur die von Bush Sohn wieder stark befürwortete Weltraumwaffenforschung voran, sondern auch wahnhafte Blüten wie den Vorschlag der paranoiden Rechten um Lyndon LaRouche, "aidsfreie Kolonien auf dem Mars" zu gründen: Puritanismus und das Überleben des Stärkeren im All glücklich vereint. Interessanterweise trägt das libertarische Denken mit seiner Synthese aus kraftvoll Atavistischem und kompetent Technokratischem allerdings genau an der zivilisatorischen Randmarke "Mondkolonie" auch den Keim seiner dialektischen Selbstvernichtung in sich: Wenn Sozialdarwinisten die Natur als Modell fürs Gesellschaftliche empfehlen, kann man ihnen hier entgegenhalten, daß die Natur ja gerade nicht dafür steht, Mond und Mars mit Lebewesen zu bevölkern - nur wenn Gesellschaftliches Natürliches transzendiert, und zwar bewußt und planvoll, werden Gattungsgroßunternehmen wie dieses möglich.

"Der Rote Stern" oder "The Birth of A New Republic"

Phantasten, denen etwas an der Emanzipation des Menschen vom brutalen Naturzusammenhang lag, haben das immer gewußt - ob sie nun Sozialisten waren wie jener Alexander Bogdanow, der in "Der Rote Stern" von 1908 unseren Nachbarplaneten sozialistisch werden ließ, oder amerikanische Liberale wie Jack Williamson und Miles J. Breuer, die in "The Birth of A New Republic" von 1931 die amerikanische Unabhängigkeitsrevolte auf dem Mond neu inszenierten - übrigens eine nicht ungescheite Vorwegnahme des Hannah-Arendt-Gedankens, die amerikanische Revolution habe deshalb soviel bessere und haltbarere emanzipatorische Ergebnisse als die Französische erzielt, weil ihr Schauplatz vom alten Regime so weit entfernt war.

Wenn die Kolonisten, die Bush auf den Weg schicken will, ihr Eigentums- und Erbrecht zu ändern beschließen, wird der bewaffnete Arm der gegenwärtigen Produktionsverhältnisse, den wir Polizei nennen, eine Weile unterwegs sein, bis er die Sezessionisten erreichen kann - genau dies geschieht in der die neunziger Jahre des Science-fiction-Genres entscheidend prägenden "Mars-Trilogie" des postsozialistischen, aber dezidiert linken amerikanischen Autors und Fredric-Jameson-Schülers Kim Stanley Robinson. Diese amerikanische Idee und ihre historische Realität könnten inspirierender sein, als George W. Bush weiß, und "das zerklüftete Nordwestkap Asiens", wie Arno Schmidt - auch er Autor einer Mondkoloniade, "Kaff auch Mare Crisium" von 1960 - Europa nannte, mag davon lernen.

Die Erweckung der „Neuen Welt“

Die sozialpsychologische Metapher "Neue Welt" aber, einst gezeugt im sechzehnten Jahrhundert, erwacht im 21. aus ihrem postmodernen Kälteschlaf. Wenn wir also wieder sagen, daß die Orte, an denen Menschen wohnen, nicht die einzigen sind, an denen sie wohnen könnten, dann meinen wir auch, daß die Art, wie sie derzeit miteinander leben, nicht alternativlos ist - eine philosophisch-politische Parole jener brisanten Sorte, mit der die europäische Aufklärung begonnen haben soll.

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