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Mohammed-Biographie : Phantasieren über Muhammad

Manche Stellen sind einfach geschmacklos, etwa wenn Abdel-Samad die islamische Vorstellung vom Paradies auf „endlosen Sex im himmlischen Bordell“ und die „totale Entfesselung und Befriedigung des männlichen Sexualtriebes“ reduziert. Für Dschihadisten mag das stimmen, für die meisten Muslime ist das Paradies jedoch ein Garten des Friedens und der Gottesschau. Durchsichtig ist auch die Absicht, wenn Abdel-Samad islamische Theologen lächerlich macht, indem er ihnen unterstellt, sie hielten Schwangerschaften von bis zu vier Jahren für möglich. Das bringt er wohl mit der islamischen Diskussion über Scheinschwangerschaften durcheinander.

Über das Ziel hinausgeschossen

Solche billigen Manöver nehmen den Punkten Glaubwürdigkeit, bei denen Abdel-Samad zu Recht an Wunden rührt. So war Muhammad eine ambivalente Persönlichkeit. Er vertrug keine Kritik, war jähzornig und ließ oft Empathie vermissen. Dennoch ist für die meisten Muslime Kritik an ihm tabu; für sie ist er der Empfänger der göttlichen Offenbarung.

Viele Passagen wären glaubhafter, würde Abdel-Samad nicht über sein Ziel hinausschießen. Es ist schon sehr böswillig, den Siegeszug des Islams auf eine „Allianz mit der organisierten Kriminalität“ zurückzuführen und den Islam als „eine Form der organisierten Kriminalität“ zu bezeichnen. Dann wiederum mischt sich Abdel-Samad unter die Sprachforscher und will nachweisen, dass die Mafia vom arabischen Wort „maa’fia“ abstammt und sie ihren Ursprung deswegen auf Sizilien habe, weil dort die Araber zwei Jahrhunderte geherrscht hätten.

Vollends wird das Buch zum Ärgernis, wenn er Muhammads Vertreibung und Ermordung von drei Stämmen in Medina zum „Holocaust“ deklariert und schreibt, was Muhammad mit den Juden von Medina getan habe, sei „in mancher Hinsicht und in kleinerem Maßstab mit dem Holocaust vergleichbar“. Muhammad hat die drei jüdischen Stämme Medinas vertrieben und ermordet; aber der Vergleich mit dem Holocaust des zwanzigsten Jahrhunderts verbietet sich.

Einen Punkt macht Abdel-Samad immerhin mit dem Hinweis darauf, dass sich der „Islamische Staat“ auf das Tun Muhammads bezieht - wie es übrigens auch viele mystische Sufis tun. Die Ideologen des IS lesen allerdings Muhammads Biographie so einseitig, wie es auch Abdel-Samad tut. Der Islam kann aber auch anders als den Dschihad-Modus. Abdel-Samad bleibt jedoch die Antwort darauf schuldig, weshalb der Islam in der Gegenwart nicht wieder an seine kreative und tolerante Phase im islamischen Mittelalter anknüpfen kann, die er immerhin kurz streift. Sonst liefe er ja Gefahr, dass es in der Kasse weniger klingeln könnte. Der Islam braucht eine Erneuerung. Von Abdel-Samad kommt sie nicht.

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