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Mit Rechten reden : Mit der Kraft des besseren Arguments?

  • -Aktualisiert am

Hier ging die Kommunikation schief: Auftritt des AfD-Politikers Björn Höcke bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Bild: dpa

Mit Rechten reden – Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn glauben als Volkspädagogen zu wissen, wie man das macht. Doch so einfach wird das Rezept nicht aufgehen.

          Spontan mag die nach Aufforderung klingende Titelaussage dieses Buches irritierend anmuten: Mit Rechten reden? Tun wir doch schon die ganze Zeit! Zumal in Sachsen, wo die AfD bei der letzten Bundestagswahl fast jede dritte Stimme geholt hat, aber etwa auch in manchen Landstrichen Niederbayerns oder Württembergs lässt es sich alltagspraktisch gar nicht vermeiden, mit Rechten zu reden: beim Bäcker und am Kiosk, tagsüber bei der Arbeit und abends im Sportverein.

          Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: „Mit Rechten reden“. Ein Leitfaden. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017.183 S., br., 14,– €.

          Doch solch unfreiwilligen Austausch meinen die drei Autoren dieses „Leitfadens“ selbstverständlich nicht. Und der Titel ihres Vademecums zielt auch nicht auf den Sachverhalt, dass in der politischen Kommunikation mittlerweile ständig mit den Rechten geredet wird – nämlich mit Versatzstücken einer rechten Semantik, die allerdings kaum mehr als solche wahrgenommen wird, so sie nur aus der Tiefe des „bürgerlichen“ Raums kommt. Nein, den Herren Leo, Steinbeis und Zorn geht es um mehr. Sie wollen der rechten Praxis der Provokation linken Widerspruchs mit einer Anleitung für den intellektuellen Streit auf Augenhöhe begegnen.

          „How to talk with North Korea“ war jüngst ein Beitrag in der „New York Times“ überschrieben, der freilich nicht viel mehr tat, als an das gute alte Diplomatenlatein zu erinnern, wie es im Ost-West-Konflikt über Jahrzehnte hinweg unterhalb des eisigen Kalterkriegsschweigens praktiziert wurde. Die drei von der Zankstelle aber sind keine Diplomatensöhne, sondern streben nach Höherem. Und zwar danach, das „Sprachspiel“ der Rechten zu enttarnen und rechts Redende geschickt auflaufen, gewitzt in die Leere laufen zu lassen.

          Rechte Stereotype im Vorübergehen affirmieren

          Um es kurz zu machen: Jenes „klassische Eigentor“, welches die als ambitionierte Spielgestalter auftretenden Leitfadenentwickler wortreich einer angeblich immer bloß die Moralkeule schwingenden Linken attestieren, schießt das durchweg ohne Vornamen auftretende Diskursterzett hier höchst kollektiv-persönlich. Und das liegt nicht nur daran, dass Leo Steinbeis Zorn in ihrem offenbar zügig dahingeschriebenen Buch das eine oder andere rechte Stereotyp mal eben im Vorübergehen affirmieren, von der vermeintlich herrschenden „Moralzensur“ bis zur behaupteten ideologisch-diskursiven „Übermacht der Linken“ seit dem Zweiten Weltkrieg (!).

          Es liegt vor allem an einer beeindruckenden Selbstüberschätzung der drei als Historiker, Jurist und Philosoph firmierenden Berliner Volkspädagogen. Die Grundidee ihres Werkes zielt darauf, die Rechten als Beziehungsproblem zu verstehen: Ohne die Linken seien sie nichts. Das rechte Denken brauche die Linke als seinen Gegenpol, um überhaupt bestehen zu können. Folgerichtig – Argumentationslogik ist in diesem Buch alles – bedarf umgekehrt die Linke existentiell der Rechten, und nicht zuletzt deswegen gehe sie ihr wohl so penetrant auf den Leim des permanenten Wechselspiels von rechter Provokation, linker Empörung und neuerlicher rechter Provokation.

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          Faktisch betreibe die Linke damit, so die kritische Diagnose, das Spiel der Rechten – wo es doch vielmehr gelte, dieses zu durchkreuzen. Eben dafür fahren die Autoren schweres Geschütz auf, insbesondere einen veritablen Grundkurs Erkenntnistheorie, den sie freilich in leichte, ja popkulturell satisfaktionsfähige Sprache packen – scheinen sie jedenfalls selbst zu meinen, immerhin wird einer der drei ja im Klappentext auch als „Bestsellerautor“ ausgewiesen.

          Geleitet über den Zebrastreifen der Einsicht

          Wie auch immer: Das Kernproblem von „Mit Rechten reden“ liegt in der mit teilweise nur schwer erträglicher Nonchalance vorgetragenen intellektuellen Selbstgewissheit, dass man mit der Macht der Logik den Rechtsrednern den Wind aus den Segeln nehmen könne. Da werden ihnen in immer neuen virtuellen Dialogen fehlende Unterscheidungskriterien, unangemessene Letztbegründungsansprüche und himmelschreiende Zirkelschlüsse nachgewiesen – und die stets wiederkehrende Annahme ist, nach Aussage der Autoren empirisch belegt, dass die so Daherredenden plötzlich argumentativ ins Schwitzen geraten und ihre nur auf den ersten Blick gefährlich anmutenden Waffen strecken würden.

          Man stellt sich die Reaktionen der so ausgekonterten, auf dem Diskursfeld besiegten und geradezu peinlich berührten Schaumschläger bildhaft vor: Mein Gott, ja, ihr habt recht, mein Argument ist ja gar nicht schlüssig! Mein Volksbegriff eindimensional, mein Islamkonzept unterkomplex, meine Widerstandsattitüde unhaltbar! Danke, ihr Abc-Schützen des rechten nichtrechten Redens, dass ihr mich über den Zebrastreifen der wenn nicht Einsicht, so doch der Anerkennung des besseren Arguments geleitet habt!

          Die politischen Phantasien des nicht-rechten Lesers aber einmal hintangestellt: Es ist der das gesamte Buch tragende und durchziehende Überlegenheitsgestus, die herablassende Attitüde gegenüber Linken und Rechten gleichermaßen, der gegen dieses einnimmt. Wobei die Rechten, all die Gaulands und Kubitscheks dieser Welt, mit Buch und Botschaft gut werden leben können. Schließlich soll es ja auch ein Buch „nicht über Rechte, sondern für Rechte“ sein. Und da man diese allein über die Inhalte nicht kriege, mögen Leo-Steinbeis-Zorn ihnen inhaltlich auch nicht in allem widersprechen. So gebe es durchaus „in der sogenannten Einwanderungsgesellschaft genügend Grund, sich zu fürchten“, und „viele unserer Nachbarn“ wünschten sich gegenwärtig „deutsche Führung“. Aha – hoffentlich nur im Diskursiven, im Sinne einer deutschen Gesprächsleitfadenkultur.

          Nein, es ist nicht lustig

          So gewiss sich die Autoren allerdings ihrer argumentationslogischen Potenz sind, so widersprüchlich lesen sich ihre eigenen Aussagen zugleich. Denn einerseits attestieren sie den Rechten Vorstellungen und Überzeugungen, die „nie im Leben mehrheitsfähig“ seien und denen daher mit mehr Gelassenheit begegnet werden könne. Zugleich konzedieren sie aber, dass es in der Tat – die Quelle des Befunds bleibt unerwähnt – „ein sehr weit verbreitetes Unbehagen an der deutschen Erinnerungskultur“ gebe. Die These vom „Schuldkult“ finde ebenso „bis weit in die Mitte der Gesellschaft“ Widerhall wie „die eher indirekten Formen des Antisemitismus“, weswegen es „unklug“ sei, die Rechten „allzu aggressiv“ anzugreifen, weil man dadurch nur „unnötig“ Solidarisierungseffekte hervorbringe. Was soll man als Nichtrechter dazu sagen?

          „Über die Qualitäten des Buches“, so heißt es dort einleitend, „sollen letztlich andere urteilen, solange sie zugeben, dass es recht lustig ist. Und äußerst klug.“ Nun, dem nur notdürftig als Ironie verkleideten Narzissmus der Autoren wird man wohl antworten müssen: Nein, es ist nicht lustig. Und vornehmlich ungemein altklug. Und es passt schließlich zum gesamten Duktus des Werkes, wenn im Nachklapp zum Text der Verlag für weitere einschlägige Publikationen aus dem Hause wirbt – neben Zorns „Logik für Demokraten“ auch für Carl Schmitts „Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber“ sowie Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“. Zu schade, dass man mit den beiden nicht mehr reden kann. Sie hätten sich so darüber gefreut.

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