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„Bei meiner Arbeit denke ich in Bildern“: Gunilla Palmstierna-Weiss Bild: Danapress

Rezension Palmstierna-Weiss : Mit Bildern den eigenen Blick weiten

  • -Aktualisiert am

Sie ist so viel mehr als die Witwe von Peter Weiss: Die Erinnerungen der Bühnenbildnerin Gunilla Palmstierna-Weiss.

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          Allein das Personenregister am Ende des Bandes umfasst mehr als achthundert Namen auf fünfzehn Seiten. Es ist ein nicht nur kulturelles, sondern auch politisches Who’s Who des schreck­lichen zwanzigsten Jahrhunderts (dem allerdings bisher kein weniger schreckliches gefolgt ist). Das Memoir von Gunilla Palmstierna-Weiss ist ein zwar selbst­bewusstes, aber keineswegs selbstbezügliches Buch, sondern weitet von Anfang an den Blick. Umso trauriger stimmt die Nachricht, dass die Autorin am vergangenen Sonntag im Alter von 94 Jahren gestorben ist.

          Dass ihre Erinnerungen, die kurz zu­vor unter dem Titel „Eine europäische Frau“ erschienen sind, ein derart weites Panorama eröffnen, ist kein Zufall: Die 1928 in Lausanne geborene spätere Bühnenbildnerin war offenbar mit einem überdurchschnittlichen visuellen Gedächtnis be­gabt. So beschrieb sie in „Eine europäische Frau“ etwa die Wohnung des Rotterdamer Psychoanalytikers René de Monchy, des zweiten Ehemanns ihrer Mutter Vera, inklusive der Praxisräume über anderthalb Seiten in allen Einzelheiten und bis in die Farbgebung. Diese Schilderung ist in ihrer Präzision nur ein Beispiel und schafft schon früh bei der Lektüre das Gefühl, dass man Gunilla Palmstierna-Weiss auch bei ihren nahezu enzy­klopädischen Lebenserinnerungen vertrauen darf, die in Schweden bereits 2013 erschienen waren, für die deutsche Ausgabe von der Autorin aber noch einmal überarbeitet und von Jana Hallberg sehr flüssig übersetzt wurden.

          Schon die wie Puzzles zusammen­gesetzten verschiedenen Geschichten der Familien, die für das eigene Leben der Autorin den Hintergrund bilden (das Buch beginnt 1838 mit der Geburt ihres Urgroßvaters mütterlicherseits, Peder Herzog, in Oppenheim bei Mainz), greifen tief aus und bilden ­Teile eines europäischen gesellschaft­lichen Kaleidoskops der letzten beiden Jahrhunderte. Väterlicherseits trug der Urgroßvater den Namen Palmstierna und war Oberzeremonienmeister am Königlichen Hof und zudem Minister. Dieser Name ist es dann auch, der den aus Deutschland geflohenen Schriftsteller Peter Weiss, als er Gunilla Palm­stierna zum ersten Mal begegnete, zu der Frage veranlasste: „Wohl auf einem Landsitz geboren?“ Diese leichte Provokation durch Weiss, der selbst der Sohn eines erfolgreichen Unternehmers war, deutet auf eine schwedische Gesellschaft mit sehr gefestigten Klassenverhältnissen hin, in der das heutige IKEA-Du und die sogenannten flachen Hier­archien noch nicht zu ahnen waren.



          Eine jederzeit eigenständige Künstlerin

          „Was erwidert man darauf? Ich erzählte von meiner Arbeit und meinen Zukunftsplänen, auch etwas über meine Herkunft, über die Länder, in denen ich gelebt hatte, ein wenig über den Krieg in Holland und über meine politische Haltung.“ Der entscheidende Moment war vielleicht der, als sie ihm erzählte, sie habe unter dem Namen ihres damaligen Mannes Mark Sylwan, eines bekannten Zeichners, den Um­schlag zur schwedischen Ausgabe von Bretons „Nadja“ gemacht. „Peter wunderte sich darüber, dass ich es überhaupt gelesen hatte.“ Sehr viel später, im Jahr 1972, wird die gemeinsame Tochter Nadja getauft werden.

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