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Mircea Cărtărescu im Gespräch : Europa, das ich meine

Erhielt den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung: Mircea Cărtărescu Bild: dpa

Auf der Leipziger Buchmesse erhielt er den Preis zur Europäischen Verständigung. Im Interview erklärt der Rumäne Mircea Cărtărescu, was ein europäischer Schriftsteller ist - und für was er einzustehen hat.

          2 Min.

          Mircea Cărtărescu, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In Ihrer Dankesrede im Gewandhaus erklärten Sie, dass Sie sich vor allem anderen als europäischen Schriftsteller betrachten. Wie haben Sie das gemeint?

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Ein europäischer Schriftsteller ist in der großen Tradition der europäischen Kultur aufgewachsen. Ich meine damit die griechisch-jüdische Antike, die auf der griechischen Philosophie fußt und auf der Bibel. Das ist eine großartige Tradition, ich bin stolz, mich hier einreihen zu dürfen. Jenseits dessen bedeutet Europa für mich die Existenz und Wahrung gewisser Werte: ein cartesianischer Geist, mithin also das Moment der Aufklärung, und damit als Leitprinzip die Herrschaft der Vernunft. Hinzu kommt, dass ich an Demokratie und Gedankenfreiheit glaube. All diese großartigen Errungenschaften definieren für mich Europa.

          Sie sagten auch, dass Sie jenes Drei-Zonen-Europa, bestehend aus einem zivilisierten Westeuropa, einem neurotischen Mittel- und einem chaotischen Osteuropa, nicht anerkennen.

          Ich glaube eben nicht an Samuel Huntingtons Unterscheidung, der Europa nach religiösen Kriterien teilt. Ebenso habe ich nicht an den Eisernen Vorhang geglaubt, der Europa nach politischen und geostrategischen Prinzipien aufgeteilt hat. Ich glaube tatsächlich, dass es nur ein Europa gibt, und das fußt auf kulturellen Werten. Insofern akzeptiere ich überhaupt keine künstlichen Grenzziehungen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, da Europa vom Osten her bedroht wird, können diese geradezu gefährlich werden.

          Sie meinen die Situation in der Ukraine?

          Was in der Ukraine passiert, ist äußerst beunruhigend, gerade für uns Rumänen, da wir ja eine lange Grenze mit der Ukraine haben. Um mit dieser Gefahr umzugehen, reicht der Wille Europas nicht aus. Um diese Gefahr einzudämmen, braucht es das Engagement der ganzen Welt.

          In Rumänien sind Ihre Bücher, obwohl keine leichte Lektüre, Bestseller. Sind die Rumänen hartnäckige Leser?

          Die ganz normalen Rumänen lesen genauso wie alle anderen auch, also nicht besonders viel. Aber unsere Situation ist speziell, weil es bei uns tatsächlich einen harten Kern von Lesern gibt, der anspruchsvolle Bücher überaus schätzt. Das dürften um die fünfzigtausend Menschen sein, also relativ viele.

          Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Situation in Rumänien?

          Ich bin froh, endlich sagen zu können, dass es zumindest so scheint, als habe Rumänien den richtigen Weg eingeschlagen. Wir haben endlich ein effizienteres Instrument gegen die Korruption gefunden, nämlich eine freie und unabhängige Justiz. Und auch mit der Wahl von Klaus Johannis zum Präsidenten verbinde ich Hoffnungen. Er gehört der Minderheit der Deutschrumänen an, was die Bereitschaft zur Toleranz der Rumänen beweist. Und ebenso ihren Wunsch, den politischen Stil im Land zu verändern. Vielleicht können mit Johannis Tugenden der deutschen Art, Politik zu machen, übernommen werden: rational und aufgeklärt.

          Die Fragen stellte Sandra Kegel.

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