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Roman über Exilkoreaner : Ihr Leben als Pachinko-Spiel

Leben als Glücksspiel: Kundin spielt in einer Pachinko-Halle in Fuefuki, westlich von Tokio. Bild: Reuters

Langzeitbetrachtung einer luftwurzelnden Existenz: Min Jin Lee erzählt in ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ die Geschichte einer koreanischen Familie.

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          Noa ist Koreaner und kann es doch nicht sein. Er ist einer, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: Sohn der jungen Sunja und des Fischgroßhändlers Hansu Koh von der Insel Jeju. Im Sommer des Jahres 1932 ist sie sechzehn und er längst verheiratet, mit einer Japanerin in Osaka. Ein Kind, das unehelich bei seiner Mutter aufwächst, das ist zu dieser Zeit ein Skandal, der die gesamte Familie zu Aussätzigen machen würde. Der junge protestantische Geistliche Isak Beak aus dem Norden des Landes, nimmt sich Sunjas an, sie zur Frau und mit nach Osaka. Er wird das Kind, das wenig später in Osaka zur Welt kommt, wie sein eigenes behandeln.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Zum Zeitpunkt, an dem die 1968 in Seoul geborene und in Amerika lebende Autorin Min Jin Lee ihre raumgreifende Familiengeschichte beginnt, im Jahr 1910, ist die koreanische Halbinsel gerade als Provinz Chôsen in das japanische Kaiserreich eingegliedert worden. Shintô wird Staatsreligion, wenig später wird Japanisch zur Nationalsprache. Unter der anhaltenden Besatzung verschlägt es viele Koreaner als Arbeiter nach Japan. Denn während es in Korea zunehmend schwieriger wird, hat Japan während der zwanziger Jahre einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Im Jahr 1930 sind bereits mehr als 400 000 Koreaner immigriert. In der Regel schlecht ausgebildet, müssen sie sich mit harter physischer Arbeit durchschlagen. Zusammen mit anderen Minderheiten leiden die sogenannten „Zainichi“-Koreaner unter Diskriminierung und Anfeindung. Eine Haltung, die sich durch alle Schichten der japanischen Gesellschaft bis heute erhalten hat.

          Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. Dtv, München 2018. 552 S., geb., 24, Euro.
          Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. Dtv, München 2018. 552 S., geb., 24, Euro. : Bild: Dtv

          Lee verfolgt das Schicksal von Sunjas Familie, ihren Vorfahren, ihrer Mutter Yangjin, ihrem ersten Sohn Noa, ihrem zweiten Sohn Mozasu und deren Kindern über einen Zeitraum von fast achtzig Jahren bis ins Jahr 1989. Am Anfang, als da noch so etwas wie Heimat ist, rund um Yangjins kleines Logierhaus auf der Insel Yeongdo, ist der Horizont der Figuren noch begrenzt. Das schlägt sich auch in der Sprache nieder, die sich jedoch mit der Geschichte der Figuren entwickelt. Ihre Welt ist klein, und für menschliche Abgründe ist vor lauter ehrlicher Arbeit kaum Platz. Die Umgebung, Räume, Ausstattung und Sinneseindrücke werden bei Lee durchweg oberflächlich beschrieben. Luft ist „würzig“, und Frauen findet ein Mann einfach „sehr schön“. Für den Leser liest sich das mitunter wie eine reduzierte sprachliche Bleistiftzeichnung auf patinabeladener Grundierung. Gleichzeitig aber verlangt diese Art zu schreiben, in kurzen schnörkellosen Sätzen, die sich und die Person des Autors nicht aufdrängen, ein Höchstmaß an Disziplin.

          Die Geschichte gewinnt stellenweise die Qualität einer Telenovela, deren koreanische Variante seit 2000 in alle Welt ausstrahlt und mit Serien wie „Autumn in My Heart“, „Winter Sonata“ oder zuletzt anspruchsvoller mit „The Heirs“ zelebriert wurde. Denn noch bevor man es merkt, hat man Anteil genommen am Schicksal dieses luftwurzelnden Lebens. Man leidet mit den Figuren – an der Ungerechtigkeit und Willkür ihrer Widerfahrnisse. Je stärker die Familie um Sunja wächst und vergeht, je intensiver Lee den einzelnen Lebensfäden der Söhne und Kindeskinder in einem Land nachspürt, in dem die Kunst der Aneignung immer höher bewertet wurde als die der Integration, desto begieriger folgt man ihrem Kampf um ein lebenswertes Dasein in der Diaspora.

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