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Milosevic : Tod eines Groschenromanhelden

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Was von Milosevic bleibt: Spuren von Verwüstung und Gewalt Bild: AP

Was bleibt von ihm? Haß, Verzweiflung - und eine Drohung für das serbische Volk. Was blieb ihm? Die Genugtuung des Verbrechers, der seinem Urteil entgeht. Der Schriftsteller Beqë Cufaj, ein Kosovo-Albaner, erinnert an Milosevic.

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          „Ist er wirklich tot? Ja, er ist tot! Natürlich! Die verheimlichen das nur. Aber nicht für lange - bis morgen oder übermorgen vielleicht. Dann wird man es bekanntgeben.“ Das war Anfang des Jahres 1989, und ich war damals noch auf dem Gymnasium in Decan, als wir, meine albanischen Schulfreunde und ich, so wie viele andere gegen die Aufhebung der Autonomie des Kosovos und gegen den Aufstieg des neuen starken Mannes in Serbien demonstrieren wollten. Er hieß Slobodan Milosevic. Doch dann kreiste mit einem Mal das Gerücht von seinem Tod, plötzlich und ohne daß irgend jemand hätte sagen können, woher es gekommen wäre. Die Proteste verebbten, bevor sie richtig begonnen hatten. Aber es dauerte nicht lange, zwei oder drei Tage, bis wir ihn dann doch wieder zu Gesicht bekamen: Er stieg aus dem Hubschrauber und hielt eine Rede auf dem Amselfeld, dem mittelalterlichen Schlachtfeld.

          Vor einer Million Serben, die sich dort versammelt hatten, sprach er die Worte des Jahrzehnts aus, die später noch so oft zitiert werden sollten: „Kriege stehen uns bevor.“ Das war die Botschaft, die er seinem Volk auf dieser größten Versammlung in der Geschichte des neuen Jugoslawiens überbrachte. Es war eine Botschaft an sein Volk - aber auch an die anderen Völker auf dem Balkan.

          Ein Diktator eigenen Typs

          Das erste Mal haben wir Slobodan Milosevic im Jahr 1986 gesehen, als er in einem kleinen Vorort von Kosovos Hauptstadt Prishtina, Kosovo Polje, die Serben dort besuchte und vor den Fernsehkameras das berühmte „Niko ne sme da vas bije“ ausrief: „Niemand wird euch mehr schlagen.“ Seit diesem Nachmittag wußten sowohl die Serben in Belgrad als auch die Albaner im Kosovo, daß sie mit diesem Mann noch sehr viel zu tun haben würden. Doch keiner ahnte, daß es so lange dauern würde. Wir waren so naiv zu glauben, daß er sich zufriedengeben würde mit der Machtergreifung in der Kommunistischen Partei Serbiens. Wir täuschten uns - und täuschten uns ein Jahrzehnt lang immer wieder.

          Slobodan Milosevic war ein einfacher Apparatschik, der seinen Aufstieg vielen Zufällen verdankte, aber vor allem auch dem Umstand, daß er völlig frei war von Skrupeln. Sein besonderes Talent war ein untrügliches Gespür. Er wußte ganz genau, wann etwas vorüber war. Er hatte die seltene Gabe, alles erst im allerletzten Augenblick aufzugeben, um das jeweils letzte, was ihm geblieben war, zu retten: seinen Stuhl, sein Regime, seine Familie. Er wird als Diktator eigenen Typs in die neue Geschichte Europas eingehen - nicht nur wegen seiner mörderischen Kriege und wegen seines bizarren Kampfes um den Machterhalt. Am Ende war er ein Autist, verbunden allein noch mit der Frau, ohne die seine Karriere nicht denkbar gewesen wäre. Denn Milosevic wäre nie nach oben gekommen und auch nie so lange an der Spitze eines Machtapparates geblieben ohne seine Frau Mirjana Markovic.

          Sie war seine rechte Hand, sein Auge

          Die seltsame Marxismus-Professorin, die krude und kranke Vorstellungen von der Weltordnung pflegte, war stets seine rechte Hand, sein Auge. Sie war sein alles. Sie verhalf ihm zum Aufstieg, und sie begleitete seinen Abstieg. Und sie verstand es auch, wie es sich auf dem Balkan für eine Ehefrau gehört, demonstrativ in der zweiten Reihe zu bleiben. Sie war die Zuflüsternde im Hintergrund bei allen seinen Schlachten, im politischen Kampf um Belgrad wie in den ethnischen Kriegen, die Hunderttausende Menschen im 22 Millionen Einwohner zählenden Vielvölkerstaat Jugoslawien das Leben kosteten.

          Sein Leben liest sich wie ein Groschenroman. Bei seinen Eltern und seinem Lieblingsonkel, die sich alle umgebracht haben, wird man den Grund für seine Schwäche als Mensch suchen müssen. Er brauchte immer jemanden, der ihm Aufmerksamkeit und Wärme gab. Mira hat das vom ersten Augenblick als ihre Aufgabe verstanden. Sie hat nicht nur Krawatten, Anzüge, Zigaretten und Whisky für ihn ausgewählt, sondern auch seinen ganzen Machtapparat. Sie hat sich den Kopf zerbrochen über seine Auftritte, seine Schlachten, die er immer wieder begann, um sie irgendwann als Verlierer zu beenden, aber doch als Siege zu verkaufen.

          Alle hatten sie in seinem Regime ihre Posten

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